Er eilte zur Mutter. Sie war ganz außer sich und stammelte:
»So eine Unverschämtheit! Eine leichtsinnige Trine. Schlimmeres
vielleicht noch!«
Sie wollte unverweilt abreisen, wenn sie nicht sofort um
Verzeihung gebeten würde.
Karl ging abermals zu seiner Frau und beschwor sie auf den Knien,
doch nachzugeben. Schließlich sagte sie:
»Meinetwegen!«
In der Tat streckte sie ihrer Schwiegermutter die Hand hin, mit
der Würde einer Fürstin.
»Verzeihen Sie mir, Frau Bovary!«
Dann eilte sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich in ihr Bett, auf
den Bauch, und weinte wie ein Kind, den Kopf in das Kissen
vergraben.
Für den Fall, daß sich irgend etwas Besonderes ereignen sollte,
hatte sie mit Rudolf vereinbart, an die Jalousie einen weißen
Zettel zu stecken. Wenn er zufällig in Yonville wäre, solle er
daraufhin sofort durch das Gäßchen an die hintere Gartenpforte
eilen.
Dieses Signal gab Emma. Dreiviertel Stunden saß sie wartend am
Fenster, da bemerkte sie mit einem Male den Geliebten an der Ecke
der Hallen. Beinahe hätte sie das Fenster aufgerissen und ihn
hergerufen. Aber schon war er wieder verschwunden; Verzweiflung
überkam sie.
Bald darauf vernahm sie unten auf dem Bürgersteige Tritte. Das war
er. Zweifellos! Sie eilte die Treppe hinunter und über den Hof.
Rudolf war hinten im Garten. Sie fiel in seine Arme.
»Sei doch ein bißchen vorsichtiger!« mahnte er.
»Ach, wenn du wüßtest!« Und sie begann ihm den ganzen Vorfall zu
erzählen, in aller Eile und ohne rechten Zusammenhang. Dabei
übertrieb sie manches, dichtete etliches hinzu und machte eine
solche Unmenge von Bemerkungen dazwischen, daß er nicht das
mindeste von der ganzen Geschichte begriff.
»So beruhige dich nur, mein Schatz! Mut und Geduld!«
»Geduld? Seit vier Jahren hab ich die. Wie ich leide!« erwiderte
sie. »Eine Liebe wie die unsrige braucht das Tageslicht nicht zu
scheuen! Man martert mich! Ich halte es nicht mehr aus! Rette
mich!«
Sie schmiegte sich eng an ihn an. Ihre Augen, voll von Tränen,
glänzten wie Lichter unter Wasser. Ihr Busen wogte ungestüm.
Rudolf war verliebter denn je. Einen Augenblick war er nicht der
kühle Gedankenmensch, der er sonst immer war. Und so sagte er:
»Was soll ich tun? Was willst du?«
»Flieh mit mir!« rief sie. »Weit weg von hier! Ach, ich bitte dich
um alles in der Welt!«
Sie preßte sich an seinen Mund, als wolle sie ihm mit einem Kusse
das Ja einhauchen und wieder heraussaugen.
»Aber ...«
»Kein Aber, Rudolf!«
»... und dein Kind?«
Sie dachte ein paar Sekunden nach. Dann sagte sie:
»Das nehmen wir mit! Das ist ihm schon recht!«
»Ein Teufelsweib!« dachte er bei sich, wie er ihr nachsah. Sie
mußte ins Haus. Man hatte nach ihr gerufen.
Während der folgenden Tage war die alte Frau Bovary über das
veränderte Wesen ihrer Schwiegertochter höchst verwundert.
Wirklich, sie zeigte sich außerordentlich fügsam, ja ehrerbietig,
und das ging so weit, daß Emma sie um ihr Rezept, Gurken
einzulegen, bat.
Verstellte sie sich, um Mann und Schwiegermutter um so sicherer zu
täuschen? Oder fand sie eine schmerzliche Wollust darin, noch
einmal die volle Bitternis alles dessen durchzukosten, was sie im
Stiche lassen wollte? Nein, das lag ihr durchaus nicht im Sinne.
Der Gegenwart entrückt, lebte sie im Vorgeschmacke des kommenden
Glückes. Davon schwärmte sie dem Geliebten immer und immer wieder
vor. An seine Schulter gelehnt, flüsterte sie:
»Sag, wann werden wir endlich zusammen in der Postkutsche sitzen?
Kannst du dir ausdenken, wie das dann sein wird? Mir ist es wie
ein Traum! Ich glaube, in dem Augenblick, wo ich spüre, daß sich
der Wagen in Bewegung setzt, werde ich das Gefühl haben, in einem
Luftschiffe aufzusteigen, zur Reise in die Wolken hinein! Weißt
du, ich zähle die Tage ... Und du?«
Frau Bovary hatte nie so schön ausgesehen wie jetzt. Sie besaß
eine unbeschreibliche Art von Schönheit, die aus Lebensfreude,
Schwärmerei und Siegesgefühl zusammenströmt und das Symbol
seelischer und körperlicher Harmonie ist. Ihre heimlichen Lüste,
ihre Trübsal, ihre erweiterten Liebeskünste und ihre ewig jungen
Träume hatten sich stetig entwickelt, just wie Dünger, Regen, Wind
und Sonne eine Blume zur Entfaltung bringen, und nun erst erblühte
ihre volle Eigenart. Ihre Lider waren wie ganz besonders dazu
geschnitten, schmachtende Liebesblicke zu werfen; sie
verschleierten ihre Augäpfel, während ihr Atem die feinlinigen
Nasenflügel weitete und es leise um die Hügel der Mundwinkel
zuckte, die im Sonnenlichte ein leichter schwarzer Flaum
beschattete. Man war versucht zu sagen: ein Verführer und Künstler
habe den Knoten ihres Haares über dem Nacken geordnet. Er sah aus
wie eine schwere Welle, und doch war er nur lose und lässig
geschlungen, weil er im Spiel des Ehebruchs Tag für Tag
aufgenestelt ward. Emmas Stimme war weicher und graziöser
geworden, ähnlich wie ihre Gestalt. Etwas unsagbar Zartes,
Bezauberndes strömte aus jeder Falte ihrer Kleider und aus dem
Rhythmus ihres Ganges. Wie in den Flitterwochen erschien sie ihrem
Manne entzückend und ganz unwiderstehlich.
Wenn er nachts spät nach Hause kam, wagte er sie nicht zu wecken.
Das in seiner Porzellanschale schwimmende Nachtlicht warf tanzende
Kringel an die Decke. Am Bett leuchtete im Halbdunkel wie ein
weißes Zelt die Wiege mit ihren zugezogenen bauschigen Vorhängen.
Karl betrachtete sie und glaubte die leisen Atemzüge seines Kindes
zu hören. Es wuchs sichtlich heran, jeder Monat brachte es
vorwärts. Im Geiste sah er es bereits abends aus der Schule
heimkehren, froh und munter, Tintenflecke am Kleid, die
Schultasche am Arm. Dann mußte das Mädel in eine Pension kommen.
Das würde viel Geld kosten. Wie sollte das geschafft werden? Er
sann nach. Wie wäre es, wenn man in der Umgegend ein kleines Gut
pachtete? Alle Morgen, ehe er seine Kranken besuchte, würde er
hinreiten und das Nötige anordnen. Der Ertrag käme auf die
Sparkasse, später könnten ja irgendwelche Papiere dafür gekauft
werden. Inzwischen erweiterte sich auch seine Praxis. Damit
rechnete er, denn sein Töchterchen sollte gut erzogen werden, sie
sollte etwas Ordentliches lernen, auch Klavier spielen. Und hübsch
würde sie sein, die dann Fünfzehnjährige! Ein Ebenbild ihrer
Mutter! Ganz wie sie müßte sie im Sommer einen großen runden
Strohhut tragen. Dann würden die beiden von weitem für zwei
Schwestern gehalten. Er stellte sich sein Töchterchen in Gedanken
vor: abends, beim Lampenlicht, am Tisch arbeitend, bei Vater und
Mutter, Pantoffeln für ihn stickend. Und in der Wirtschaft würde
sie helfen und das ganze Haus mit Lachen und Frohsinn erfüllen.
Und weiter dachte er an ihre Versorgung. Es würde sich schon
irgendein braver junger Mann in guten Verhältnissen finden und sie
glücklich machen. Und so bliebe es dann immerdar ...
Emma schlief gar nicht. Sie stellte sich nur schlafend, und
während ihr Gatte ihr zur Seite zur Ruhe ging, hing sie fernen
Träumereien nach.
Seit acht Tagen sah sie sich, von vier flotten Rossen entführt,
auf der Reise nach einem andern Lande, aus dem sie nie wieder
zurückzukehren brauchte. Sie und der Geliebte fuhren und fuhren
dahin, Hand in Hand, still und schweigsam. Zuweilen schauten sie
plötzlich von Bergeshöh auf irgendwelche mächtige Stadt hinab, mit
ihrem Dom, ihren Brücken, Schiffen, Limonenhainen und weißen
Marmorkirchen mit spitzen Türmen. Zu Fuß wanderten sie dann durch
die Straßen. Frauen in roten Miedern boten ihnen Blumensträuße an.
Glocken läuteten, Maulesel schrien, und dazwischen girrten
Gitarren und rauschten Fontänen, deren kühler Wasserstaub auf
Haufen von Früchten herabsprühte. Sie lagen zu Pyramiden
aufgeschichtet da, zu Füßen bleicher Bildsäulen, die unter dem
Sprühregen lächelten. Und eines Abends erreichten sie ein
Fischerdorf, wo braune Netze im Winde trockneten, am Strand und
zwischen den Hütten. Dort wollte sie bleiben und immerdar wohnen,
in einem kleinen Hause mit flachem Dache, im Schatten hoher
Zypressen, an einer Bucht des Meeres. Sie fuhren in Gondeln und
träumten in Hängematten. Das Leben war ihnen so leicht und weit
wie ihre seidenen Gewänder, und so warm und sternbesät wie die
süßen Nächte, die sie schauernd genossen ... Das war ein
unermeßlicher Zukunftstraum; aber bis in die Einzelheiten dachte
sie ihn nicht aus. Ein Tag glich dem andern, wie im Meer eine Woge
der andern gleicht, an Pracht und Herrlichkeit. Und diese Wogen
fluteten fernhin bis in den Horizont, endlos, in leiser Bewegung,
stahlblau und sonnenbeglänzt ...
Das Kind in der Wiege begann zu husten, und Bovary schnarchte
laut. Emma schlief erst gegen Morgen ein, als das weiße
Dämmerlicht an den Scheiben stand und Justin drüben die Läden der
Apotheke öffnete.
Emma hatte Lheureux kommen lassen und ihm gesagt:
»Ich brauche einen Mantel, einen großen gefütterten Reisemantel
mit einem breiten Kragen.«
»Sie wollen verreisen?« fragte der Händler.
»Nein, aber ... das ist ja gleichgültig! Ich kann mich auf Sie
verlassen? Nicht wahr? Und recht bald!«
Lheureux machte einen Kratzfuß.
»Und dann brauche ich noch einen Koffer ... keinen zu schweren ...
einen handlichen ...«
»Schön! Schön! Ich weiß schon: zweiundneunzig zu fünfzig! Wie man
sie jetzt meist hat!«
»Und eine Handtasche für das Nachtzeug!«
»Aha,« dachte der Händler, »sie hat sicher Krakeel gehabt!«
»Da!« sagte Frau Bovary, indem sie ihre Taschenuhr aus dem Gürtel
nestelte. »Nehmen Sie das! Machen Sie sich damit bezahlt!«
Aber Lheureux sträubte sich dagegen. Das ginge nicht. Sie wäre
doch eine so gute Kundin. Ob sie kein Vertrauen zu ihm habe? Was
solle denn das? Doch sie bestand darauf, daß er wenigstens die
Kette nähme.
Er hatte sie bereits eingesackt und war schon draußen, da rief ihn
Emma zurück.
»Behalten Sie das Bestellte vorläufig bei sich! Und den Mantel
...,« sie tat so, als ob sie sichs überlegte »... den bringen Sie
auch nicht erst ... oder noch besser: geben Sie mir die Adresse
des Schneiders und sagen Sie ihm, der Mantel soll bei ihm zum
Abholen bereitliegen.«
Die Flucht sollte im kommenden Monat erfolgen. Emma sollte
Yonville unter dem Vorwande verlassen, in Rouen Besorgungen zu
machen. Rudolf sollte dort schon vorher die Plätze in der Post
bestellen, Pässe besorgen und nach Paris schreiben, damit das
Gepäck gleich direkt bis Marseille befördert würde. In Marseille
wollten sie sich eine Kalesche kaufen, und dann sollte die Reise
ohne Aufenthalt weiter nach Genua gehen. Emmas Gepäck sollte
Lheureux mit der Post wegbringen, ohne daß irgendwer Verdacht
schöpfte. Bei allen diesen Vorbereitungen war von ihrem Kinde
niemals die Rede. Rudolf vermied es, davon zu sprechen. »Sie denkt
vielleicht nicht mehr daran«, sagte er sich.
Er erbat sich zunächst zwei Wochen Frist, um seine Angelegenheiten
zu ordnen; nach weiteren acht Tagen forderte er nochmals zwei
Wochen Zeit. Hernach wurde er angeblich krank, sodann mußte er
eine Reise machen. So verging der August, bis sie sich nach allen
diesen Verzögerungen schließlich »unwiderruflich« auf Montag den
4. September einigten.
Am Sonnabend vorher stellte sich Rudolf zeitiger denn gewöhnlich
ein.
»Ist alles bereit?« fragte sie ihn.
»Ja.«
Sie machten einen Rundgang um die Beete und setzten sich dann auf
den Rand der Gartenmauer.
»Du bist verstimmt?« fragte Emma.
»Nein. Warum auch?«
Dabei sah er sie mit einem sonderbaren zärtlichen Blick an.
»Vielleicht weil es nun fortgeht?« fragte sie. »Weil du Dinge, die
dir lieb sind, verlassen sollst, dein ganzes jetziges Leben? Ich
verstehe das wohl, wenn ich selber auch nichts derlei auf der Welt
habe. Du bist mein alles! Und ebenso möchte ich dir alles sein,
Familie und Vaterland. Ich will dich hegen und pflegen. Und dich
lieben!«
»Wie lieb du bist!« sagte er und zog sie an sein Herz.
»Wirklich?« fragte sie in lachender Wollust. »Du liebst mich?
Schwöre mirs!«
»Ob ich dich liebe! Ob ich dich liebe! Ich bete dich an, Liebste!«
Der Vollmond ging purpurrot auf, drüben über der Linie des flachen
Horizonts, wie mitten in den Wiesen. Rasch stieg er hoch, und
schon stand er hinter den Pappeln und schimmerte durch ihre
Zweige, versteckt wie hinter einem löchrigen, schwarzen Vorhang.
Und bald erschien er glänzend-weiß im klaren Raume des weiten
Himmels. Er ward immer silberner, und nun rieselte seine Lichtflut
auch unten im Bache über den Wellen in zahllosen funkelnden
Sternen, wie ein Strom geschmolzener Diamanten. Ringsum leuchtete
die laue lichte Sommernacht. Nur in den Wipfeln hingen dunkle
Schatten.
Mit halbgeschlossenen Augen atmete Emma in tiefen Zügen den kühlen
Nachtwind ein. Sie sprachen beide nicht, ganz versunken und
verloren in ihre Gedanken. Die Zärtlichkeit vergangener Tage
ergriff von neuem ihre Herzen, unerschöpflich und schweigsam wie
der dahinfließende Bach, lind und leise wie der Fliederduft. Die
Erinnerung an das Einst war von Schatten durchwirkt, die
verschwommener und wehmütiger waren als die der unbeweglichen
Weiden, deren Umrisse aus den Gräsern wuchsen. Zuweilen raschelte
auf seiner nächtlichen Jagd ein Tier durchs Gesträuch, ein Igel
oder ein Wiesel, oder man hörte, wie ein reifer Pfirsich von
selber zur Erde fiel.
»Was für eine wunderbare Nacht!« sagte Rudolf.
»Wir werden noch schönere erleben!« erwiderte Emma. Und wie zu
sich selbst fuhr sie fort: »Ach, wie herrlich wird unsere Reise
werden ... Aber warum ist mir das Herz so schwer? Warum wohl? Ist
es die Angst vor dem Unbekannten ... oder die Scheu, das Gewohnte
zu verlassen ... oder was ists? Ach, es ist das Übermaß von Glück!
Ich bin zaghaft, nicht? Verzeih mir!«
»Noch ist es Zeit!« rief er aus. »Überleg dirs! Wird es dich auch
niemals reuen?«
»Niemals!« beteuerte sie leidenschaftlich.
Sie schmiegte sich an ihn.
»Was könnte mir denn Schlimmes bevorstehen! Es gibt keine Wüste,
kein Weltmeer, die ich mit dir zusammen nicht durchqueren würde!
Je länger wir zusammen leben werden, um so inniger und
vollkommener werden wir uns lieben! Keine Sorge, kein Hindernis
wird uns mehr quälen! Wir werden allein sein und eins immerdar ...
Sprich doch! Antworte mir!«
Er antwortete wie ein Uhrwerk in gleichen Zwischenräumen:
»Ja ... ja ... ja!«
Sie strich mit den Händen durch sein Haar und flüsterte wie ein
kleines Kind unter großen rollenden Tränen immer wieder:
»Rudolf ... Rudolf ... ach, Rudolf ... mein lieber guter Rudolf ...«
Es schlug Mitternacht.
»Mitternacht!« sagte sie. »Nun heißt es: morgen! Nur noch ein
Tag!«
Er stand auf und schickte sich an zu gehen. Und als ob diese
Gebärde ein Symbol ihrer Flucht sei, wurde Emma mit einem Male
fröhlich.
»Hast du die Pässe?« fragte sie.
»Ja.«
»Hast du nichts vergessen?«
»Nein.«
»Weißt du das genau?«
»Ganz genau!«
»Nicht wahr, du erwartest mich im Provencer Hof? Mittags?«
Er nickte.
»Also morgen auf Wiedersehen!« sagte Emma mit einem letzten Kusse.
Er ging, und sie sah ihm nach.
Er blickte sich nicht um. Da lief sie ihm nach bis an den Bachrand
und rief durch die Weiden hindurch:
»Auf morgen!«
Er war schon drüben auf dem andern Ufer und eilte den Pfad durch
die Wiesen hin. Nach einer Weile blieb er stehen. Als er sah, wie
ihr weißes Kleid allmählich im Schatten verschwand wie eine
Vision, da bekam er so heftiges Herzklopfen, daß er sich gegen
einen Baum lehnen mußte, um nicht umzusinken.
»Ich bin kein Mann!« rief er aus. »Hol mich der Teufel! Ein
hübsches Weib wars doch!«
Emmas Reize und all die Freuden der Liebschaft mit ihr lockten ihn
noch einmal. Er ward weich. Dann aber empörte er sich gegen diese
Rührung.
»Nein, nein! Ich kann Haus und Hof nicht verlassen!«
Er gestikulierte heftig.
»Und dann das lästige Kind ... die Scherereien ... die Kosten!«
Er zählte sich das alles auf, um sich stark zu machen.
»Nein, nein! Tausendmal nein! Es wäre eine Riesentorheit!«
Dreizehntes Kapitel
Kaum auf seinem Gute angekommen, setzte sich Rudolf eiligst an den
Schreibtisch, über dem an der Wand ein Hirschgeweih, eine
Jagdtrophäe, hing. Aber sowie er die Feder in der Hand hatte,
wußte er nicht, was er schreiben sollte. Den Kopf zwischen beide
Hände gestützt, begann er nachzudenken. Emma war ihm in weite
Ferne entrückt. Der bloße Entschluß, mit ihr zu brechen, hatte sie
ihm mit einem Male ungeheuerlich entfremdet.
Um sie greifbarer vor sich zu haben, suchte er aus dem Schranke,
der am Kopfende seines Bettes stand, eine alte Blechschachtel
hervor, in der ursprünglich einmal Kakes drin gewesen waren und in
der er seine »Weiberbriefe« aufbewahrte. Geruch von Moder und
vertrockneten Rosen drang ihm entgegen. Zu oberst lag ein
Taschentuch, verblaßte Blutflecken darauf. Es war von Emma; auf
einem ihrer gemeinsamen Spaziergänge hatte sie einmal Nasenbluten
bekommen. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Daneben lag ein Bild von
ihr, das sie ihm geschenkt hatte. Alle vier Ecken daran waren
abgestoßen. Das Kleid, das sie auf diesem Bilde anhatte, kam ihm
theatralisch vor und ihr himmelnder Blick jämmerlich. Wie er sich
ihr Konterfei so betrachtete und sich das Urbild in die Phantasie
zurückzurufen suchte, verschwammen Emmas Züge in seinem
Gedächtnisse, gleichsam als ob sich die noch lebende Erinnerung
und das gemalte Bildchen gegenseitig befehdeten und eins das andre
vernichtete.
Nun fing er an, in ihren Briefen zu lesen. Die aus der letzten
Zeit wimmelten von Anspielungen auf die Reise; sie waren kurz,
sachlich und in Eile hingeschrieben, wie Geschäftsbriefe. Er
suchte nach den langen Briefen von einst. Da sie zu unterst lagen,
mußte er den ganzen Kasten durchwühlen. Aus dem Wust von Papieren
und kleinen Gegenständen zog er mechanisch welke Blumen, ein
Strumpfband, eine schwarze Maske, Haarnadeln und Locken heraus.
Braune und blonde Locken. Ein paar Haare davon hatten sich ins
Scharnier gezwängt und rissen nun beim Herausnehmen ...
Mit allen diesen Andenken vertrödelte er eine Weile. Er stellte
seine Betrachtungen über die verschiedenen Handschriften an, über
den Stil in den einzelnen Briefbündeln, über die nicht minder
variierende Rechtschreibung darin. Die einen hatten zärtlich
geschrieben, andre lustig, witzig oder rührselig. Die wollten
Liebe, jene Geld. Zuweilen erinnerte sich Rudolf bei einem
bestimmten Worte an Gesichter, an gewisse Gesten, an den Klang
einer Stimme. Manche wiederum beschworen nicht die geringste
Erinnerung herauf.
Alle diese Frauen kamen ihm jetzt alle auf einmal in den Sinn.
Jede war eine Feindin der andern. Alle zogen sie sich gegenseitig
in den Schmutz. Etwas Gemeinsames -- die Liebe -- stellte sie
allesamt auf ein und dasselbe Niveau.
Wahllos nahm er einen Stoß Briefe in die Finger, bildete eine Art
Fächer daraus und spielte damit. Schließlich aber warf er sie,
halb gelangweilt, halb verträumt, wieder in den Kasten und stellte
diesen in den Schrank zurück.
»Lauter Blödsinn!«
Das war der Extrakt seiner Lebensweisheit. Sein Herz war wie ein
Schulhof, auf dem die Kinder so erbarmungslos herumgetrampelt
waren, daß kein grüner Halm mehr sproß. Die Freuden des Daseins
hatten noch gründlicher gewirtschaftet. Die Schüler kritzeln ihre
Namen an die Mauern. In Rudolfs Herz war keiner zu lesen.
»Nun aber los!« rief er sich zu.
Er begann zu schreiben:
»Liebe Emma!
Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz nicht zertrümmern ...«
»Eigentlich sehr richtig!« dachte er bei sich. »Das ist nur in
ihrem Interesse. Also durchaus anständig von mir ...«
»... Hast Du Dir Deinen Entschluß wirklich reiflich überlegt? Hast
Du aber auch den Abgrund bemerkt, armes Lieb, in den ich Dich
beinahe schon geführt hätte? Wohl nicht! Du folgst mir tollkühn
und zuversichtlich, im festen Glauben an das Glück, an die
Zukunft! Ach, wie unglücklich sind wir! Und wie verblendet waren
wir!«
Rudolf hörte zu schreiben auf. Er suchte nach guten Ausflüchten.
»Wenn ich ihr nun sagte, ich hätte mein Vermögen verloren? Ach,
nein, lieber nicht! Übrigens nützte das nichts. Die Geschichte
ging dann doch wieder von neuem los. Es ist, weiß Gott, verdammt
schwer, so eine Frau wieder vernünftig zu machen!«
Er sann nach, dann schrieb er weiter:
»Ich werde Dich niemals vergessen. Glaube mir das! Mein ganzes
Leben lang werde ich in inniger Verehrung Deiner gedenken. So
aber hätte sich unsre Leidenschaft (das ist nun einmal das
Schicksal alles Menschlichen!) eines Tages, früher oder später,
doch verflüchtet. Zweifellos! Wir wären ihrer müde geworden, und
wer weiß, ob mir nicht der gräßliche Schmerz beschieden gewesen
wäre, Deine Reue zu erleben und selber welche zu empfinden als
Veranlasser der Deinigen? Die bloße Vorstellung, Dir dieses Leid
verursachen zu können, martert mich. Liebste Emma, vergiß mich!
Wir hätten uns nie kennen lernen sollen! Warum bist Du so schön!
Bin ich der Schuldige? Bei Gott, nein, nein! Wir müssen das
Schicksal anklagen ...«
»Dieses Wort machte immer Eindruck«, sagte er zu sich.
»Ja, wenn Du eine leichtsinnige Frau wärst, wie es ihrer so viele
gibt, ja dann hätte ich den Versuch wagen können, aus Egoismus,
ohne Gefahr für Dich. Aber bei Deiner köstlichen schwärmerischen
Art, dem Quell Deines Reizes und zugleich Deines vielen Kummers,
bist Du nicht imstande, Du Beste aller Frauen, die Kehrseite
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