sie nicht. Wir andern aber, wir sind rückständig. Wir sind keine
Gelehrten, keine Zauberkünstler, keine Salonhelden. Wir haben
unsre Praxis, wir heilen lumpige Krankheiten, aber es fällt uns
nicht ein, Leute zu operieren, die kerngesund herumlaufen!
Klumpfüße gerade zu hacken! Du lieber Gott! Ebenso könnte man auch
einem Buckligen seinen Höcker abhobeln wollen!«
Homais war bei diesem Erguß gar nicht besonders wohl zumute, aber
er verbarg sein Mißbehagen hinter einem verbindlichen Lächeln. Er
mußte mit Canivet auf gutem Fuße bleiben, dieweil dieser in der
Yonviller Gegend öfters konsultiert wurde und ihm dabei durch
Rezepte zu verdienen gab. Aus diesem Grunde hütete er sich, für
Bovary einzutreten. Er vermuckste sich nicht, ließ Grundsätze
Grundsätze sein und opferte seine Würde den ihm wichtigeren
Interessen seines Geschäfts.
Die Amputation des Beines, die der Doktor Canivet ausführte, war
für den ganzen Ort ein wichtiges Ereignis. Frühzeitig waren die
Leute schon auf den Beinen, und die Hauptstraße war voller
Menschen, die allesamt etwas Trübseliges an sich hatten, als solle
eine Hinrichtung stattfinden. Im Laden des Krämers stritt man sich
über Hippolyts Krankheit. Ans Kaufen dachte niemand. Und Frau
Tüvache, die Gattin des Bürgermeisters, lag vom frühen Morgen in
ihrem Fenster, um ja nicht zu verpassen, wenn der Operateur
ankäme.
Er kam in seinem Wägelchen angefahren, das er selber kutschierte.
Durch die Last seines Körpers war die rechte Feder des Gefährts
derartig niedergedrückt, daß der Wagenkasten schief stand. Neben
dem Insassen auf dem Sitzpolster stand eine rotlederne
Reisetasche, deren Messingschlösser prächtig funkelten. In starkem
Trabe fuhr Canivet bis vor die kleine Freitreppe des Goldnen
Löwen. Mit lauter Stimme befahl er, das Pferd auszuspannen. Er
ging mit in den Stall und überzeugte sich, daß der Gaul ordentlich
Hafer geschüttet bekam. Es war seine Gewohnheit, daß er sich immer
zuerst seinem Tier und seinem Fuhrwerk widmete. Er galt deshalb im
Munde der Leute für einen »Pferdejockel«. Aber gerade weil er sich
darin unabbringbar gleichblieb, schätzte man ihn um so mehr. Und
wenn der letzte Mensch auf Gottes ganzem Erdboden in den letzten
Zügen gelegen hätte: Doktor Canivet wäre zunächst seiner
kavalleristischen Pflicht nachgekommen.
Homais stellte sich ein.
»Ich rechne auf Ihre Unterstützung!« sagte der Chirurg. »Ist alles
bereit? Na, dann kanns losgehen!«
Der Apotheker gestand errötend ein, daß er zu empfindlich sei, um
einer solchen Operation assistieren zu können. »Als passiver
Zuschauer«, sagte er, »greift einen so was doppelt an. Meine
Nerven sind so herunter ...«
»Quatsch!« unterbrach ihn Canivet. »Mir machen Sie vielmehr den
Eindruck, als solle Sie demnächst der Schlag rühren. Übrigens kein
Wunder! Ihr Herren Apotheker hockt ja von früh bis abends in Eurer
Giftbude. Das muß sich ja schließlich auf die Nerven legen! Gucken
Sie mich mal an! Tag für Tag stehe ich vier Uhr morgens auf,
wasche mich mit eiskaltem Wasser ... Frieren kenne ich nicht,
Flanellhemden gibts für mich nicht, das Zipperlein kriege ich
nicht, und mein Magen ist mordsgesund. Dabei lebe ich heute so und
morgen so, wie mirs gerade einfällt, aber immer als
Lebenskünstler! Und deshalb bin ich auch nicht so zimperlich wie
Sie. Es ist mir total Wurst, ob ich einem Rebhuhn oder einem
christlichen Individuum das Bein abschneide. Sie haben mir neulich
mal gesagt, der Mensch sei ein Gewohnheitstier. Sehr richtig! Es
ist alles bloß Gewohnheit ...«
Ohne irgendwelche Rücksicht auf Hippolyt, der nebenan auf seinem
Lager vor Angst schwitzte, führten die beiden ihre Unterhaltung in
diesem Stile weiter. Der Apotheker verglich die Kaltblütigkeit
eines Chirurgen mit der eines Feldherrn. Durch diesen Vergleich
geschmeichelt, ließ sich Canivet des längeren über die
Erfordernisse seiner Kunst aus. Der Beruf des Arztes sei ein
Priesteramt, und wer es nicht als das, sondern als gemeines
Handwerk ausübe, der sei ein Heiligtumschänder.
Endlich erinnerte er sich des Patienten und begann das von Homais
gelieferte Verbandszeug zu prüfen. Es war dasselbe, das bereits
bei der ersten Operation zur Stelle gewesen war. Sodann erbat er
sich jemanden, der das Bein festhalten könne. Lestiboudois ward
geholt.
Der Doktor zog den Rock aus, streifte sich die Hemdsärmel hoch und
begab sich in das Billardzimmer, während der Apotheker in die
Küche ging, wo die Wirtin sowie Artemisia neugierig und ängstlich
warteten. Die Gesichter der beiden Frauen waren weißer als ihre
Schürzen.
Währenddessen wagte sich Bovary nicht aus seinem Hause heraus.
Er saß unten in der Großen Stube, zusammengeduckt und die Hände
gefaltet, im Winkel neben dem Kamin, in dem kein Feuer brannte,
und starrte vor sich hin. »Welch ein Mißgeschick!« seufzte er.
»Was für eine große Enttäuschung!« Er hatte doch alle denkbaren
Vorsichtsmaßregeln getroffen, und doch war der Teufel mit seiner
Hand dazwischengekommen! Nicht zu ändern! Wenn Hippolyt noch
stürbe, dann wäre er schuld daran! Und was sollte er antworten,
wenn ihn seine Patienten darnach fragten? Sollte er sagen, er habe
einen Fehler begangen? Aber welchen? Er wußte doch selber keinen,
so sehr er auch darüber nachsann. Die berühmtesten Chirurgen
versehen sich einmal. Aber das wird kein Mensch bedenken. Sie
werden ihn alle nur auslachen und in Verruf bringen. Die Sache
wird bis Forges ruchbar werden, bis Neufchâtel, bis Rouen und noch
weiter! Vielleicht würde irgendein Kollege einen Bericht gegen ihn
veröffentlichen, dem dann eine Polemik folgte, die ihn zwänge, in
den Zeitungen eine Entgegnung zu bringen. Hippolyt könnte auf
Schadenersatz klagen.
Karl sah sich entehrt, zugrunde gerichtet, verloren! Seine von
tausend Befürchtungen bestürmte Phantasie schwankte hin und her
wie eine leere Tonne auf den Wogen des Meeres.
Emma saß ihm gegenüber und beobachtete ihn. An seine Demütigung
dachte sie nicht. Ihre Gedanken arbeiteten in andrer Richtung. Wie
hatte sie sich nur einbilden können, daß sich ein Mann seines
Schlages zu einer Leistung aufschwänge, wo sich seine Unfähigkeit
doch schon mehr als ein dutzendmal erwiesen hatte!
Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Stiefel knarrten.
»Setz dich doch!« sagte sie. »Du machst mich noch ganz verrückt!«
Er tat es.
Wie hatte sie es nur fertig gebracht -- wo sie doch so klug war!
--, daß sie sich abermals so getäuscht hatte? Aber ja, ihr ganzer
Lebenspfad war doch fortwährend durch das traurige Tal der
Entbehrungen gegangen. Wie vom Wahnwitz geleitet! Sie rief sich
alles einzeln ins Gedächtnis zurück: ihren unbefriedigten Hang zum
Lebensgenuß, die Einsamkeit ihrer Seele, die Armseligkeit ihrer
Ehe, ihres Hausstandes, ihre Träume und Illusionen, die in den
Sumpf hinabgefallen waren wie verwundete Schwalben. Sie dachte an
alles das, was sie sich ersehnt, an alles, was sie von sich
gewiesen, an alles, was sie hätte haben können! Sie begriff den
geheimen Zusammenhang nicht. Warum war denn alles so? Warum?
Das Städtchen lag in tiefer Ruhe. Plötzlich erscholl ein
herzzerreißender Schrei. Bovary ward blaß und beinahe ohnmächtig.
Emma zuckte nervös mit den Augenbrauen. Dann aber war ihr nichts
mehr anzusehen.
Der da, der war der Schuldige! Dieser Mensch ohne Intelligenz und
ohne Feingefühl! Da saß er, stumpfsinnig und ohne Verständnis
dafür, daß er nicht nur seinen Namen lächerlich und ehrlos gemacht
hatte, sondern den gemeinsamen Namen, also auch ihren Namen! Und
sie, sie hatte sich solche Mühe gegeben, ihn zu lieben! Hatte
unter Tränen bereut, daß sie ihm untreu geworden war!
»Vielleicht war es ein Valgus?« rief Karl plötzlich laut aus. Das
war das Ergebnis seines Nachsinnens.
Bei dem unerwarteten Schlag, den dieser Ausruf den Gedanken Emmas
versetzte -- er fiel wie eine Bleikugel auf eine silberne Platte
--, hob sie erschrocken ihr Haupt. Was wollte er damit sagen,
fragte sie sich. Sie sahen einander stumm an, gleichsam erstaunt,
sich gegenseitig zu erblicken. Alle beide waren sie sich seelisch
himmelweit fern. Karl starrte sie an mit dem wirren Blick eines
Trunkenen und lauschte dabei, ohne sich zu regen, den verhallenden
Schreien des Amputierten. Der heulte in langgedehnten Tönen, die
ab und zu von grellem Gebrüll unterbrochen wurden. Alles das klang
wie das ferne Gejammer eines Tieres, das man schlachtet. Emma biß
sich auf die blassen Lippen. Ihre Finger spielten mit dem Blatt
einer Blume, die sie zerpflückt hatte, und ihre heißen Blicke
trafen ihn wie Brandpfeile. Jetzt reizte sie alles an ihm; sein
Gesicht, sein Anzug, sein Schweigen, seine ganze Erscheinung, ja
seine Existenz. Wie über ein Verbrechen empfand sie darob Reue,
daß sie ihm so lange treu geblieben, und was noch von
Anhänglichkeit übrig war, ging jetzt in den lodernden Flammen
ihres Ingrimms auf. Mit wilder Schadenfreude genoß sie den
Siegesjubel über ihre gebrochene Ehe. Von neuem gedachte sie des
Geliebten und fühlte sich taumelnd zu ihm gezogen. Sein Bild
entzückte und verführte sie in Gedanken abermals. Sie gab ihm ihre
ganze Seele. Es war ihr, als sei Karl aus ihrem Leben
herausgerissen, für immer entfremdet, unmöglich geworden,
ausgetilgt. Als sei er gestorben, nachdem er vor ihren Augen den
Todeskampf gekämpft hatte. Vom Trottoir her drang das Geräusch von
Tritten herauf. Karl ging an das Fenster und sah durch die
niedergelassenen Jalousien den Doktor Canivet an den Hallen in der
vollen Sonne hingehen. Er wischte sich gerade die Stirn mit seinem
Taschentuche. Hinter ihm schritt Homais, die große rote
Reisetasche in der Hand. Beide steuerten auf die Apotheke zu.
In einem Anfall von Mutlosigkeit und Liebesbedürfnis näherte sich
Karl seiner Frau:
»Gib mir einen Kuß, Geliebte!«
»Laß mich!« wehrte sie ab, ganz rot vor Zorn.
»Was hast du denn? Was ist dir?« fragte er betroffen. »Sei doch
ruhig! Ärgere dich nicht! Du weißt ja, wie sehr ich dich liebe!
Komm!«
»Weg!« rief sie mit verzerrtem Gesicht. Sie stürzte aus dem
Zimmer, wobei sie die Tür so heftig hinter sich zuschlug, daß das
Barometer von der Wand fiel und in Stücke ging.
Karl sank in seinen Lehnstuhl. Erschrocken sann er darüber nach,
was sie wohl habe. Er bildete sich ein, sie leide an einer
Nervenkrankheit. Er fing an zu weinen im ahnenden Vorgefühl von
etwas Unheilvollem, Unfaßbarem.
Als Rudolf an diesem Abend hinten in den Garten kam, fand er seine
Geliebte auf der obersten Stufe der kleinen Gartentreppe sitzen
und auf ihn warten. Sie küßten sich, und all ihr Ärger schmolz in
der Glut der Umarmung wie der Schnee vor der Sonne.
Zwölftes Kapitel
Ihre Liebe begann von neuem. Oft schrieb ihm Emma mitten am Tage.
Sie winkte sich Justin durch das Fenster her. Der legte schnell
seine Arbeitsschürze ab und trabte nach der Hüchette. Rudolf kam
alsbald. Sie hatte ihm nichts zu sagen, als daß sie sich
langweile, daß ihr Mann gräßlich sei und ihr Dasein schrecklich.
»Kann ich das ändern?« rief er einmal ungeduldig aus.
»Ja, wenn du wolltest!«
Sie saß auf dem Fußboden zwischen seinen Knien, mit aufgelöstem
Haar und traumverlorenem Blick.
»Wieso?« fragte er.
Sie seufzte.
»Wir müssen irgendwo anders ein neues Leben beginnen ... weit weg
von hier ...«
»Ein toller Einfall!« lachte er. »Unmöglich!«
Sie kam immer wieder darauf zurück. Er tat so, als sei ihm das
unverständlich, und begann von etwas anderm zu sprechen.
Was Rudolf in der Tat nicht begriff, das war ihr ganzes
aufgeregtes Wesen bei einer so einfachen Sache wie der Liebe. Sie
müsse dazu doch Anlaß haben, Motive. Sie klammere sich doch an
ihn, als ob sie bei ihm Hilfe suche.
Wirklich wuchs ihre Zärtlichkeit zu dem Geliebten von Tag zu Tag
im gleichen Maße, wie sich ihre Abneigung gegen ihren Mann
verschlimmerte. Je mehr sie sich jenem hingab, um so mehr
verabscheute sie diesen. Karl kam ihr nie so unerträglich vor,
seine Hände nie so vierschrötig, sein Geist nie so schwerfällig,
seine Manieren nie so gewöhnlich, als wenn sie nach einem
Stelldichein mit Rudolf wieder mit ihm zusammen war. Sie bildete
sich ein, sie sei Rudolfs Frau, seine treue Gattin. Immerwährend
träumte sie von seinem dunklen welligen Haar, seiner braunen
Stirn, seiner kräftigen und doch eleganten Gestalt, von dem ganzen
so klugen und in seinem Begehren doch so leidenschaftlichen
Menschen. Nur für ihn pflegte sie ihre Nägel mit der Sorgfalt
eines Ziseleurs, für ihn verschwendete sie eine Unmenge von
Coldcream für ihre Haut und von Peau d'Espagne für ihre Wäsche.
Sie überlud sich mit Armbändern, Ringen und Halsketten. Wenn sie
ihn erwartete, füllte sie ihre großen blauen Glasvasen mit Rosen
und schmückte ihr Zimmer und sich selber wie eine Kurtisane, die
einen Fürsten erwartet. Felicie wurde gar nicht mehr fertig mit
Waschen; den ganzen Tag steckte sie in ihrer Küche.
Justin leistete ihr häufig Gesellschaft und sah ihr bei ihrer
Arbeit zu. Die Ellenbogen auf das lange Bügelbrett gestützt, auf
dem sie plättete, betrachtete er lüstern alle die um ihn herum
aufgeschichtete Damenwäsche, die Pikee-Unterröcke, die
Spitzentücher, die Halskragen, die breithüftigen Unterhosen.
»Wozu hat man das alles?« fragte der Bursche, indem er mit der
Hand über einen der Reifröcke strich.
»Hast du sowas noch niegesehen?« Felicie lachte. »Deine Herrin,
Frau Homais, hat das doch auch!«
»So? Die Frau Homais!« Er sann nach. »Ist sie denn eine Dame wie
die Frau Doktor?«
Felicie liebte es gar nicht, wenn er sie so umschnüffelte. Sie war
drei Jahre älter als er, und übrigens machte ihr Theodor, der
Diener des Notars, neuerdings den Hof.
»Laß mich in Ruhe!« sagte sie und stellte den Stärketopf beiseite.
»Scher dich lieber an _deine_ Arbeit! Stoß deine Mandeln!
Immer mußt du an irgendeiner Schürze hängen! Eh du dich damit
befaßt, laß dir mal erst die Stoppeln unter der Nase wachsen, du
Knirps, du nichtsnütziger!«
»Ach, seien Sie doch nicht gleich bös! Ich putze Ihnen auch die
Schuhe für die Frau Doktor!«
Alsobald machte er sich über ein Paar von Frau Bovarys Schuhen
her, die in der Küche standen. Sie waren über und über mit
eingetrocknetem Straßenschmutz bedeckt -- vom letzten Stelldichein
her --, der beim Anfassen in Staub zerfiel und, wo gerade die
Sonne schien, eine leichte Wolke bildete. Justin betrachtete sie
sich.
»Hab nur keine Angst! Die gehen nicht entzwei!« sagte Felicie,
die, wenn sie die Schuhe selber reinigte, keine besondere Sorgfalt
anwandte, weil die Herrin sie ihr überließ, sobald sie nicht mehr
tadellos aussahen. Emma hatte eine Menge Schuhzeug in ihrem
Schranke, sie trieb damit eine wahre Verschwendung, aber Karl
wagte nicht den geringsten Einwand dagegen.
So gab er auch dreihundert Franken für ein hölzernes Bein aus, das
Hippolyt ihrer Ansicht nach geschenkt bekommen müsse. Die Fläche,
mit der es anlag, war mit Kork überzogen. Es hatte Kugelgelenke
und eine komplizierte Mechanik. Hose und Schuh verdeckten es
vollkommen. Hippolyt wagte es indessen nicht in den
Alltagsgebrauch zu nehmen und bat Frau Bovary, ihm noch ein
anderes, einfacheres zu besorgen. Wohl oder übel mußte der Arzt
auch diese Ausgabe tragen. Nun konnte der Hausknecht von neuem
seinem Berufe nachgehen. Wie ehedem sah man ihn wieder durch den
Ort humpeln. Wenn Karl von weitem den harten Anschlag des
Stelzfußes auf dem Pflaster vernahm, schlug er schnell einen
anderen Weg ein.
Lheureux, der Modewarenhändler, hatte das Holzbein besorgt. Das
gab ihm Gelegenheit, Emma häufig aufzusuchen. Er plauderte mit ihr
über die neuesten Pariser Moden und über tausend Dinge, die Frauen
interessieren. Dabei war er immer äußerst gefällig und forderte
niemals bare Bezahlung. Alle Launen und Einfälle Emmas wurden im
Handumdrehen befriedigt. Einmal wollte sie Rudolf einen sehr
schönen Reitstock schenken, den sie in Rouen in einem
Schirmgeschäft gesehen hatte. Eine Woche später legte Lheureux ihn
ihr auf den Tisch. Am folgenden Tage aber überreichte er ihr eine
Rechnung im Gesamtbetrage von zweihundertundsiebzig Franken und so
und soviel Centimes. Emma war in der gröbsten Verlegenheit. Die
Kasse war leer. Lestiboudois hatte noch Lohn für vierzehn Tage zu
bekommen, Felicie für acht Monate. Dazu kam noch eine Menge andrer
Schulden. Bovary wartete schon mit Schmerzen auf den Eingang des
Honorars von Herrn Derozerays, das alljährlich gegen Ende Oktober
einzugehen pflegte.
Ein paar Tage gelang es ihr, Lheureux zu vertrösten. Dann verlor
er aber die Geduld. Man dränge auch ihn, er brauche Geld, und wenn
er nicht alsbald welches von ihr bekäme, müsse er ihr alles wieder
abnehmen, was er ihr geliefert habe.
»Gut!« meinte Emma. »Holen Sie sichs!«
»Ach was! Das hab ich nur so gesagt!« entgegnete er. »Indessen um
den Reitstock tuts mir wirklich leid! Bei Gott, den werd ich mir
vom Herrn Doktor zurückgeben lassen!«
»Um Gottes willen!« rief sie aus.
»Warte nur! Dich hab ich!« dachte Lheureux bei sich.
Jetzt war er seiner Vermutung sicher. Indem er sich entfernte,
lispelte er in seinem gewohnten Flüstertone vor sich hin:
»Na, wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!«
Frau Bovary grübelte gerade darüber nach, wie sie diese Geschichte
in Ordnung bringen könne, da kam das Mädchen und legte eine kleine
in blaues Papier verpackte Geldrolle auf den Kamin. Eine
Empfehlung von Herrn Derozerays. Emma sprang auf und brach die
Rolle auf. Es waren dreihundert Franken in Napoleons, das
schuldige Honorar. Karls Tritte wurden draußen auf der Treppe
hörbar. Sie legte das Gold rasch in die Schublade und steckte den
Schlüssel ein.
Drei Tage darauf erschien Lheureux abermals.
»Ich möchte Ihnen einen Vergleich vorschlagen«, sagte er. »Wollen
Sie mir nicht statt des baren Geldes lieber ...«
»Hier haben Sie Ihr Geld!« unterbrach sie ihn und zählte ihm
vierzehn Goldstücke in die Hand.
Der Kaufmann war verblüfft. Um seine Enttäuschung zu verbergen,
brachte er endlose Entschuldigungen vor und bot Emma alle
möglichen Dienste an, die sie allesamt ablehnte.
Eine Weile stand sie dann noch nachdenklich da und klimperte mit
dem Kleingeld, das sie wieder herausbekommen und in die Tasche
ihrer Schürze gesteckt hatte. Sie nahm sich vor, tüchtig zu
sparen, damit sie recht bald ...
»Was ist da weiter dabei?« beruhigte sie sich. »Er wird nicht
gleich dran denken!«
Außer dem Reitstocke mit dem vergoldeten Silbergriffe hatte
Rudolf auch noch ein Petschaft von ihr geschenkt bekommen, mit
dem Wahlspruch: Amor nel Cor! (Liebe im Herzen!), fernerhin ein
seidenes Halstuch und eine Zigarrentasche, zu der sie als Muster
die Tasche genommen hatte, die Karl damals auf der Landstraße
gefunden hatte, als sie vom Schlosse Vaubyessard heimfuhren.
Emma hatte sie sorglich aufbewahrt. Rudolf nahm diese Geschenke
erst nach langem Sträuben. Sie waren ihm peinlich. Aber Emma
drang in ihn, und so mußte er sich schließlich fügen. Er fand
das aufdringlich und höchst rücksichtslos.
Sie hatte wunderliche Einfälle.
»Wenn es Mitternacht schlägt,« bat sie ihn einmal, »mußt du an
mich denken!«
Als er hinterher gestand, er habe es vergessen, bekam er endlose
Vorwürfe zu hören, die alle in die Worte ausklangen:
»Du liebst mich nicht mehr!«
»Ich dich nicht mehr lieben?«
»Über alles?«
»Natürlich!«
»Hast du auch vor mir nie eine andre geliebt, sag?«
»Glaubst du, ich hätte meine Unschuld bei dir verloren?« brach er
lachend aus.
Sie fing an zu weinen, und Rudolf vermochte sie nur mit viel Mühe
zu beruhigen, indem er seine Worte durch allerlei Scherze zu
mildern suchte.
»Ach, du weißt gar nicht, wie ich dich liebe!« begann sie von
neuem. »Ich liebe dich so sehr, daß ich nicht von dir lassen kann!
Verstehst du das? Manchmal habe ich solche Sehnsucht, dich zu
sehen, und dann springt mir beinahe das Herz vor lauter Liebe! Ich
frage mich: wo ist er? Vielleicht spricht er mit andern Frauen?
Sie lächeln ihm zu. Er macht ihnen den Hof ... Ach nein; nicht
wahr, es gefällt dir keine? Es gibt ja schönere als ich, aber
keine kann dich so lieben wie ich! Ich bin deine Magd, deine
Liebste! Und du bist mein Herr, mein Gott! Du bist so gut! So
schön! So klug und stark!«
Dergleichen hatte er in seinem Leben schon so oft gehört, daß es
ihm ganz und gar nichts Neues mehr war. Emma war darin nicht
anders als alle seine früheren Geliebten, und der Reiz der Neuheit
fiel Stück um Stück von ihr ab wie ein Gewand, und das ewige
Einerlei der sinnlichen Leidenschaft trat nackt zutage, die immer
dieselbe Gestalt, immer dieselbe Sprache hat. Er war ein
vielerfahrener Mann, aber er ahnte nicht, daß unter den nämlichen
Ausdrucksformen himmelweit voneinander verschiedene Gefühlsarten
existieren können. Weil ihm die Lippen liederlicher oder
käuflicher Frauenzimmer schon die gleichen Phrasen zugeflüstert
hatten, war sein Glaube an die Aufrichtigkeit einer Frau wie
dieser nur schwach.
»Man darf die überschwenglichen Worte nicht gelten lassen,« sagte
er sich, »sie sind nur ein Mäntelchen für Alltagsempfindungen.«
Aber ist es nicht oft so, daß ein übervolles Herz mit den
banalsten Worten nach Ausdruck sucht? Und vermag denn jemand genau
zu sagen, wie groß sein Wünschen und Wollen, seine Innenwelt,
seine Schmerzen sind? Des Menschen Wort ist wie eine gesprungene
Pauke, auf der wir eine Melodie heraustrommeln, nach der kaum ein
Bär tanzt, während wir die Sterne bewegen möchten.
Aber mit der Überlegenheit, die kritischen Naturen eigentümlich
ist, die immer Herren ihrer selbst bleiben, entlockte Rudolf auch
dieser Liebschaft neue Genüsse. Er nahm keine ihm unbequeme
Rücksicht auf Emmas Schamhaftigkeit mehr. Er behandelte sie bar
jedes Zwanges. Er machte sie zu allem fügsam und verdarb sie
gründlich. Sie hegte eine geradezu hündische Anhänglichkeit zu
ihm. An ihm bewunderte sie alles. Wollüstig empfand sie
Glückseligkeiten, die sie von Sinnen machten. Ihre Seele ertrank
in diesem Rausche.
Der Wandel in erotischen Dingen bei ihr begann sich in ihrem
äußerlichen Wesen zu verraten. Ihre Blicke wurden kühner, ihre
Rede freimütiger. Sie hatte sogar den Mut, in Begleitung Rudolfs,
eine Zigarette im Munde, spazieren zu gehen, »um die Spießer zu
ärgern«, wie sie sagte. Und um ihren guten Ruf war es gänzlich
geschehen, als man sie eines schönen Tages in einem regelrechten
Herrenjackett der Rouener Postkutsche entsteigen sah. Die alte
Frau Bovary, die nach einem heftigen Zank mit ihrem Manne wieder
einmal bei ihrem Sohne Zuflucht gesucht hatte, entsetzte sich
nicht weniger als die Yonviller Philister. Und noch vieles andre
mißfiel ihr. Zunächst hatte Karl ihrem Rate entgegen das
Roman-Lesen doch wieder zugelassen. Und dann war überhaupt die
»ganze Wirtschaft« nicht nach ihrem Sinne. Als sie sich
Bemerkungen darüber gestattete, kam es zu einem ärgerlichen
Auftritt. Felicie war die nähere Veranlassung dazu.
Die alte Frau Bovary hatte das Mädchen eines Abends, als sie durch
den Flur ging, in der Gesellschaft eines nicht mehr besonders
jungen Mannes überrascht. Der Betreffende trug ein braunes
Halstuch und verschwand bei der Annäherung der alten Dame. Emma
lachte, als ihr der Vorfall berichtet ward, aber die
Schwiegermutter ereiferte sich und erklärte, wer bei seinen
Dienstboten nicht auf Anstand hielte, lege selber wenig Wert
darauf.
»Sie sind wohl aus Hinterpommern?« fragte die junge Frau so
impertinent, daß sich die alte Frau die Frage nicht verkneifen
konnte, ob sie sich damit selber verteidigen wolle.
»Verlassen Sie mein Haus!« schrie Emma und sprang auf.
»Emma! Mutter!« rief Karl beschwichtigend.
In ihrer Erregung waren beide Frauen aus dem Zimmer gestürzt. Emma
stampfte mit dem Fuße auf, als er ihr zuredete.
»So eine ungebildete Person! So ein Bauernweib!« rief sie.
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