war ihm der Ehebruch recht. Nach einem halben Jahre, als der
Frühling ins Land kam, waren sie fast wie zwei Eheleute
zueinander, die ihre Liebesopfer an der gemütlichen Flamme des
häuslichen Herdes bringen.
Um diese Zeit schickte Vater Rouault wie alljährlich eine
Truthenne zur Erinnerung an das geheilte Bein. Mit der Gabe kam,
wie immer, ein Brief. Emma zerschnitt den Bindfaden, mit dem er an
den Korb gebunden war, und las die folgenden Zeilen:
»Meine liben Kinder, hofentlig trift euch di hir gesund und wol
und is si so gut wi di früeren. Mir komt sie nämlig ein bissel
zarter vor sozusagen nich so kombakt, das nächste mal schik ich
euch zur abwekslung mal einen Han oder wolt ür liber ein par junge
un schikt mir den Korb zerük, bite un auch di vorgen, ich hab
Unglük mit der römise gehabt der ihr Dach ist mir neulig nachts
bei dem grosen Sturm in die Bäume geflogen, die ernte ist diesmal
nich besonders berümt. Kurz und gut ich weis nicht wan ich zu euch
zu besuch kome, das ist jez so ne Sache, ich kan schwer vom Hofe
weg seit ich allein bin meine arme Emma.«
Hier war ein großer Absatz, als ob der gute Mann seine Feder
hingelegt hatte, um dazwischen eine Weile zu träumen.
»Was mich anbelangt so gehts mir leidlig bis auf den Schnuppen den
ich mir neulig auf der messe in Yvetot geholt hab wo ich war,
einen neuen Schäfer zu mieten. Den alten hab ich nämlig
nausgeschmisen wegen seiner Grosen klape. Es is wirklig schrecklig
mit diesen Gesindel, mausen tat er übrigens auch.
»Von nem Hausierer der vergangnen Winter durch eure Gegend gekomen
is und sich bei euch nen Zan hat zihn lasen, hab ich vernomen das
Karl imer feste ze tun hat. Das wundert mich kar nich und den Zan
hat er mir gezeigt. Ich hab in zu ner tase Kafee dabehalten. Ich
fragt in ob er dich auch gesehen hat, da sagte er Nein aber im
Stale häte er zwei Gäule stehn sehn woraus ich schlise das der
kurkenhandel bei euch gut geht. Das freut mich sehr meine liben
Kinder der libe got mög euch ales möglige Glük schenken. Es tut
mir sör leid das ich mein libes Enkelkind Berta Bovary noch imer
nich kene. Ich habe für si unter deiner Stube ein Flaumenbäumgen
geflanzt. Das sol nich angerürt werden auser später um die Flaumen
für Berta einzumagen. Di werde ich dan im schrank aufheben und wen
si komt krigt si imer welge. Adiö libe Kinder. Ig küse dich libe
Emma un auch dich liber Schwigerson und di kleine auf ale beide
Baken un verbleibe mit tausen Grüsen euer euch
libender vater
Theodor Rouault.«
Ein paar Minuten hielt sie das Stück grobes Papier noch nach dem
Lesen in den Händen. Die Verstöße gegen die Rechtschreibung jagten
sich in den väterlichen Zeilen nur so, aber Emma ging einzig und
allein dem lieben Geist darin nach, der wie eine Henne aus einer
dicken Dornenhecke allenthalben hervorgackerte. Rouault hatte die
noch nassen Schriftzüge offenbar mit Herdasche getrocknet, denn
aus dem Briefe rieselte eine Menge grauen Staubes auf das Kleid
der Leserin. Sie glaubte, den Vater geradezu leibhaftig vor sich
zu sehen, wie er sich nach dem Aschekasten bückte. Ach, wie lange
war es schon her, daß sie nicht mehr bei ihm war! Im Geiste sah
sie sich wieder auf der Bank am Herde sitzen, wie sie das Ende
eines Steckens an der großen Flamme des Funken sprühenden
Ginsterreisigs anbrennen ließ. Und dann dachte sie zurück an
gewisse sonnendurchglühte Sommerabende, wo die Füllen so hell
aufwieherten, wenn man in ihre Nähe kam, und dann weggaloppierten.
Diese drolligen Galoppsprünge! Im Vaterhause, unter ihrem Fenster,
da stand ein Bienenkorb, und manchmal waren die Bienen, wenn sie
in der Sonne ausschwärmten, gegen die Scheiben geflogen wie
fliegende Goldkugeln. Das war doch eigentlich eine glückliche Zeit
gewesen! Voller Freiheit! Voller Erwartung und voller Illusionen!
Nun waren sie alle zerronnen! Bei dem, was sie erlebt, hatte sie
ihre Seele verbraucht, in allen den verschiedenen Abschnitten
ihres Daseins, als junges Mädchen, dann als Gattin, zuletzt als
Geliebte. Sie hatte von ihrer Seele verloren in einem fort, wie
jemand, der auf einer Reise in jedem Gasthause immer ein Stück von
seinen Habseligkeiten liegen läßt.
Aber warum war sie denn so unglücklich? Was war Bedeutsames
geschehen, daß sie mit einem Male aus allen Himmeln gestürzt war?
Sie erhob sich und blickte um sich, gleichsam als suche sie den
Anlaß ihres Herzeleids.
Ein Strahl der Aprilsonne glitzerte auf dem Porzellan des
Wandbrettes. Im Kamin war Feuer. Durch ihre Hausschuhe hindurch
spürte sie den weichen Teppich. Es war ein heller Frühlingstag,
und die Luft war lau.
Da hörte sie, wie ihr Kind draußen laut aufjauchzte.
Die kleine Berta rutschte im Grase herum. Das Kindermädchen wollte
sie am Kleide wieder in die Höhe ziehen. Lestiboudois war dabei,
den Rasen zu scheren. Jedesmal, wenn er in die Nähe des Kindes
kam, streckte es ihm beide Ärmchen entgegen.
»Bring sie mir mal herein!« rief sie dem Mädchen zu und riß ihr
Töchterchen hastig an sich, um es zu küssen. »Wie ich dich liebe,
mein armes Kind! Wie ich dich liebe!«
Als sie bemerkte, daß es am Ohre etwas schmutzig war, klingelte
sie rasch und ließ sich warmes Wasser bringen. Sie wusch die
Kleine, zog ihr frische Wäsche und reine Strümpfe an. Dabei tat
sie tausend Fragen, wie es mit der Gesundheit der Kleinen stehe,
just als sei sie von einer Reise zurückgekehrt. Schließlich küßte
sie sie noch einmal und gab sie tränenden Auges dem Mädchen
wieder. Felicie war ganz verdutzt über diesen Zärtlichkeitsanfall
der Mutter.
Am Abend fand Rudolf, Emma sei nachdenklicher denn sonst.
»Eine vorübergehende Laune!« tröstete er sich.
Dreimal hintereinander versäumte er das Stelldichein. Als
er wieder erschien, behandelte sie ihn kühl, fast geringschätzig.
»Schade um die Zeit, mein Liebchen!« meinte er. Und er tat so, als
merke er weder ihre sentimentalen Seufzer noch das Taschentuch,
das sie herauszog.
Jetzt kam wirklich die Reue über sie. Sie fragte sich, aus welchem
Grunde sie eigentlich ihren Mann hasse und ob es nicht besser
gewesen wäre, wenn sie ihm treu hätte bleiben können. Aber Karl
bot ihr keine besondere Gelegenheit, ihm ihren Gefühlswandel zu
offenbaren. Wenn der Apotheker nicht zufällig eine solche
heraufbeschworen hätte, wäre alle ihre hingebungsvolle Anwandlung
tatenlos geblieben.
Elftes Kapitel
Homais hatte letzthin die Lobpreisung einer neuen Methode,
Klumpfüße zu heilen, gelesen, und als Fortschrittler, der er war,
verfiel er sofort auf die partikularistische Idee, auch in
Yonville müsse es strephopodische Operationen geben, damit es auf
der Höhe der Kultur bleibe.
»Was ist denn dabei zu riskieren?« fragte er Frau Bovary. Er
zählte ihr die Vorteile eines solchen Versuches an den Fingern
auf. Erfolg so gut wie sicher. Wiederherstellung des Kranken.
Befreiung von einem Schönheitsfehler. Bedeutende Reklame für den
Operateur. »Warum soll Ihr Herr Gemahl nicht beispielsweise den
armen Hippolyt vom Goldnen Löwen kurieren? Bedenken Sie, daß er
seine Heilung allen Reisenden erzählen würde. Und dann ...« Der
Apotheker begann zu flüstern und blickte scheu um sich, »... was
sollte mich daran hindern, eine kleine Notiz darüber in die
Zeitung zu bringen? Du mein Gott! So ein Artikel wird überall
gelesen ... man spricht davon ... schließlich weiß es die ganze
Welt. Aus Schneeflocken werden am Ende Lawinen! Und wer weiß? Wer
weiß?«
Warum nicht? Bovary konnte in der Tat Erfolg haben. Emma hatte gar
keinen Anlaß, Karls chirurgische Geschicklichkeit zu bezweifeln,
und was für eine Befriedigung wäre es für sie, die geistige
Urheberin eines Entschlusses zu sein, der sein Ansehen und seine
Einnahmen steigern mußte. Sie verlangte mehr als bloß die Liebe
dieses Mannes.
Vom Apotheker und von seiner Frau bestürmt, ließ sich Karl
überreden. Er bestellte sich in Rouen das Werk des Doktors Düval,
und nun vertiefte er sich jeden Abend, den Kopf zwischen den
Händen, in diese Lektüre. Während er sich über Pferdefußbildungen,
Varus und Valgus, Strephocatopodie, Strephendopodie,
Strephexopodie (d.h. über die verschiedenartigen inneren und
äußerlichen Verkrüppelungen des menschlichen Fußes),
Strephypopodie und Strephanopodie (das sind Fußleiden, die
oberhalb oder unterhalb der Verkrüppelung um sich greifen)
unterrichtete, suchte Homais den Hausknecht vom Goldnen Löwen mit
allen Mitteln der Überredungskunst zur Operation zu bewegen.
»Du wirst höchstens einen ganz leichten Schmerz spüren«, sagte er
zu ihm. »Es ist nichts weiter als ein Einstich wie beim
Aderlassen, nicht schlimmer, als wenn du dir ein Hühnerauge
schneiden läßt.«
Hippolyts blöde Augen blickten unschlüssig um sich.
»Im übrigen«, fuhr der Apotheker fort, »kann mirs natürlich ganz
egal sein. Dein Nutzen ist es. Ich rate dirs nur aus purer
Nächstenliebe. Mein lieber Freund, ich möchte dich gar zu gern von
deinem scheußlichen Hinkfuß befreit sehen, von diesem ewigen Hin-
und Herwackeln mit den Hüften. Du kannst dagegen sagen, was du
willst: es stört dich in der Ausübung deines Berufs doch
erheblich!«
Nun schilderte ihm Homais, wie frei und flott er sich nach einer
Operation werde bewegen können. Auch gab er ihm zu verstehen, daß
er dann mehr Glück bei den Weibern haben würde, worüber der
Bursche albern grinste.
»Schockschwerebrett! Du bist doch auch ein Mann! Du hättest doch
auch nicht kneifen können, wenn man dich zu den Soldaten
ausgehoben und in den Krieg geschickt hätte! Also Hippolyt!«
Homais wandte sich von ihm ab und meinte, so ein Dickkopf sei ihm
noch nicht vorgekommen. Er begreife nicht, wie man sich den
Wohltaten der Wissenschaft derartig störrisch entziehen könne.
Endlich gab der arme Schlucker nach. Das war ja die reine
Verschwörung gegen ihn! Binet, der sich sonst niemals um die
Angelegenheiten anderer kümmerte, die Löwenwirtin, Artemisia, die
Nachbarn und selbst der Bürgermeister, alle drangen sie in ihn,
redeten ihm zu und machten ihn lächerlich. Und was vollends den
Ausschlag gab: die Operation sollte ihm keinen roten Heller
kosten. Bovary versprach sogar, Material und Medikamente umsonst
zu liefern. Emma war die Anstifterin dieser Generosität. Karl
pflichtete ihr bei und sagte sich im stillen: »Meine Frau ist doch
wirklich ein Engel!«
Beraten vom Apotheker, ließ Karl nach drei fehlgeschlagenen
Versuchen durch den Tischler unter Beihilfe des Schlossers eine
Art Gehäuse anfertigen. Es wog beinahe acht Pfund, und an Holz,
Eisen, Blech, Leder, Schrauben usw. war nicht gespart worden.
Um nun zu bestimmen, welche Sehne zu durchschneiden sei, mußte
zunächst festgestellt werden, welche besondere Art von Klumpfuß
hier vorlag. Hippolyts Fuß setzte sich an sein Schienbein nahezu
geradlinig an. Dazu war er noch nach innen zu verdreht. Es war
also Pferdefuß, verbunden mit etwas Varus oder, anders
ausgedrückt, ein Fall leichten Varus mit starker Neigung zu einem
Pferdefuß.
Trotz dieses Klumpfußes, der in der Tat plump wie ein Pferdehuf
war und runzelige Haut, ausgedörrte Sehnen und dicke Zehen mit
schwarzen wie eisern aussehenden Nägeln hatte, war der Krüppel von
früh bis abend munter wie ein Wiesel. Man sah ihn unaufhörlich im
Hofe um die Wagen herumhumpeln. Es hatte sogar den Anschein, als
sei sein mißratenes Bein kräftiger denn das gesunde. Offenbar
hatte sich Hippolyt, von Jugend auf im schweren Dienst, sehr viel
Geduld und Ausdauer zu eigen gemacht.
An einem Pferdefuß muß zunächst die Achillessehne durchschnitten
werden, dann die vordere Schienbeinmuskel. Eher kann der Varus
nicht beseitigt werden. Karl wagte es kaum, beide Schnitte auf
einmal zu machen. Auch hatte er große Angst, einen wichtigen Teil
zu verletzen. Seine anatomischen Kenntnisse waren mangelhaft.
Ambrosius Paré, der fünfzehn Jahrhunderte nach Celsus die erste
unmittelbare Unterbindung einer Arterie wagte, Düpuytren, der es
unternahm, einen Abszeß am Gehirn zu öffnen, Gensoul, der als
erster eine Oberkiefer-Abtragung ausführte, -- allen diesen hat
sicherlich nicht so das Herz geklopft und die Hand gezittert, und
sie waren gewiß nicht so aufgeregt wie Bovary, als er Hippolyt
unter sein Messer nahm.
Im Stübchen des Hausknechts sah es aus wie in einem Lazarett. Auf
dem Tische lagen Haufen von Scharpie, gewichste Fäden, Binden,
alles was in der Apotheke an Verbandszeug vorrätig gewesen war.
Homais hatte das alles eigenhändig vorbereitet, sowohl um die
Leute zu verblüffen als auch um sich selbst etwas vorzumachen.
Karl führte den Einschnitt aus. Ein platzendes Geräusch. Die Sehne
war zerschnitten, die Operation beendet.
Hippolyt war vor Erstaunen außer aller Fassung. Er nahm Bovarys
Hände und bedeckte sie mit Küssen.
»Erst mal Ruhe!« gebot der Apotheker. »Die Dankbarkeit für deinen
Wohltäter kannst du ja später bezeigen!«
Er ging hinunter, um das Ereignis den fünf oder sechs Neugierigen
mitzuteilen, die im Hofe herumstanden und sich eingebildet hatten,
Hippolyt werde erscheinen und mit einem Male laufen wie jeder
andere. Karl schnallte seinem Patienten das Gehäuse an und begab
sich sodann nach Haus, wo ihn Emma angstvoll an der Türe
erwartete. Sie fiel ihm um den Hals.
Sie setzten sich zu Tisch. Er aß viel und verlangte zum Nachtisch
sogar eine Tasse Kaffee; diesen Luxus erlaubte er sich sonst nur
Sonntags, wenn ein Gast da war.
Der Abend verlief in heiterer Stimmung unter Gesprächen und
gemeinsamem Pläneschmieden. Sie plauderten vom kommenden Glücke,
von der Hebung ihres Hausstandes. Er sah seinen ärztlichen Ruf
wachsen, seinen Wohlstand gedeihen und die Liebe seiner Frau
immerdar währen. Und sie, sie fühlte sich beglückt und verjüngt,
gesünder und besser in ihrer wiedererstandenen leisen Zuneigung
für diesen armen Mann, der sie so sehr liebte. Flüchtig schoß ihr
der Gedanke an Rudolf durch den Kopf, aber ihre Augen ruhten
alsbald wieder auf Karl, und dabei bemerkte sie erstaunt, daß
seine Zähne eigentlich gar nicht häßlich waren.
Sie waren bereits zu Bett, als Homais trotz der Abwehr des
Mädchens plötzlich ins Zimmer trat, in der Hand ein frisch
beschriebenes Stück Papier. Es war der Reklame-Aufsatz, den er für
den »Leuchtturm von Rouen« verfaßt hatte. Er brachte ihn, um ihn
dem Arzte zum Lesen zu geben.
»Lesen Sie ihn vor!« bat Bovary.
Der Apotheker tat es:
»Ungeachtet der Vorurteile, in die ein Teil der Europäer
noch immer verstrickt ist wie in ein Netz, beginnt es in unserer
Gegend doch zu tagen. Am Dienstag war unser Städtchen
Yonville der Schauplatz einer chirurgischen Tat, die zugleich
ein Beispiel edelster Menschenliebe ist. Herr Karl Bovary,
einer unserer angesehensten praktischen Ärzte, ...«
»Ach, das ist zu viel! Das ist zu viel!« unterbrach ihn Karl, vor
Erregung tief atmend.
»Aber durchaus nicht! Wieso denn?«
Er las weiter:
»... hat den verkrüppelten Fuß ...«
Er unterbrach sich selbst:
»Ich habe hier absichtlich den terminus technicus vermieden,
wissen Sie! In einer Tageszeitung muß alles gemeinverständlich
sein ... die große Masse ...«
»Sehr richtig!« meinte Bovary. »Bitte fahren Sie fort!«
»Ich wiederhole:
Herr Karl Bovary, einer unserer angesehensten praktischen Ärzte,
hat den verkrüppelten Fuß eines gewissen Hippolyt Tautain
operiert, des langjährigen Hausknechts im Hotel zum Goldnen Löwen
der verwitweten Frau Franz am Markt. Das aktuelle Ereignis und das
allgemeine Interesse an der Operation hatten eine derartig große
Volksmenge angezogen, daß der Zugang zu dem Etablissement gesperrt
werden mußte. Die Operation selbst vollzog sich wunderbar schnell.
Bluterguß trat so gut wie nicht ein. Kaum ein paar Blutstropfen
verrieten, daß ein hartnäckiges Leiden endlich der Macht der
Wissenschaft wich. Der Kranke verspürte dabei erstaunlicherweise
-- wie der Berichterstatter als Augenzeuge versichern darf --
nicht den geringsten Schmerz, und sein Zustand läßt bis jetzt
nichts zu wünschen übrig. Allem Dafürhalten nach wird die
vollständige Heilung rasch erfolgen, und wer weiß, ob der brave
Hippolyt nicht bei der kommenden Kirmes mit den flotten Urlaubern
um die Wette tanzen und seine Wiederherstellung durch muntere
Sprünge feiern wird? Ehre aber den hochherzigen Gelehrten, Ehre
den unermüdlichen Geistern, die ihre Nächte der Menschheit zum
Heile opfern! Ehre, dreimal Ehre ihnen!
Der Tag wird noch kommen, wo verkündet werden wird, daß die
Blinden sehen, die Tauben hören und die Lahmen gehen! Was der
kirchliche Aberglaube ehedem nur den Auserwählten versprach,
schenkt die Wissenschaft mehr und mehr allen Menschen. Wir werden
unsere verehrten Leser über den weiteren Verlauf dieser so
ungemein merkwürdigen Kur auf dem laufenden erhalten.«
Trotz alledem kam fünf Tage darauf die Löwenwirtin ganz verstört
gelaufen und rief:
»Zu Hilfe! Er stirbt! Ich weiß nicht, was ich machen soll!«
Karl rannte Hals über Kopf nach dem Goldnen Löwen, und der
Apotheker, der den Arzt so über den Markt stürmen sah, verließ
sofort im bloßen Kopfe seinen Laden. Atemlos, aufgeregt und mit
rotem Gesichte erreichte er den Gasthof und fragte jeden, dem er
auf der Treppe begegnete:
»Na, was macht denn unser interessanter Strephopode?«
Der Strephopode wand sich in schrecklichen Zuckungen, so daß das
Gehäuse, in das sein Bein eingezwängt war, gegen die Wand
geschlagen ward und entzwei zu gehen drohte.
Mit vieler Vorsicht, um ja dabei die Lage des Fußes nicht zu
verschieben, entfernte man das Holzgehäuse. Und nun bot sich ein
gräßlicher Anblick dar. Die Form des Fußes war unter einer
derartigen Schwellung verschwunden, daß es aussah, als platze
demnächst die ganze Haut. Diese war blutunterlaufen und von
Druckflecken bedeckt, die das famose Gehäuse verursacht hatte.
Hippolyt hatte von Anfang an über Schmerzen geklagt, aber man
hatte ihn nicht angehört. Nachdem man nunmehr einsah, daß er im
Rechte gewesen war, gönnte man ihm ein paar Stunden Befreiung.
Aber sowie die Schwellung ein wenig zurückgegangen war, hielten es
die beiden Heilkünstler für angebracht, das Bein wieder
einzuschienen und es noch fester einzupressen, um dadurch die
Wiederherstellung zu beschleunigen.
Aber nach drei Tagen vermochte es Hippolyt nicht mehr auszuhalten.
Man nahm ihm den Apparat abermals ab und war höchst über das
verwundert, was sich nunmehr herausstellte. Die schwärzlichblau
gewordene Schwellung erstreckte sich über das ganze Bein, das ganz
voller Blasen war; eine dunkle Flüssigkeit sonderte sich ab. Man
wurde bedenklich.
Hippolyt begann sich zu langweilen, und Frau Franz ließ ihn in die
kleine Gaststube bringen neben der Küche, damit er wenigstens
etwas Zerstreuung hätte. Aber der Steuereinnehmer, der dort seinen
Stammplatz hatte, beschwerte sich über diese Nachbarschaft.
Nunmehr schaffte man den Kranken in das Billardzimmer. Dort lag
er wimmernd unter seinen schweren Decken, blaß, unrasiert, mit
eingesunkenen Augen. Von Zeit zu Zeit wandte er seinen in Schweiß
gebadeten Kopf auf dem schmutzigen Kissen hin und her, wenn ihn
die Fliegen quälten.
Frau Bovary besuchte ihn. Sie brachte ihm Leinwand zu den
Umschlägen, tröstete ihn und sprach ihm Mut ein. Auch sonst fehlte
es ihm nicht an Gesellschaft, zumal an den Markttagen, wenn die
Bauern drin bei ihm Billard spielten, mit den Queuen
herumfuchtelten, rauchten, zechten, sangen und Spektakel machten.
»Wie geht dirs denn?« fragten sie ihn und klopften ihm auf die
Schulter. »So recht auf dem Damme bist du wohl nicht? Bist aber
selber schuld daran!« Er hätte dies oder jenes machen sollen. Sie
erzählten ihm von Leuten, die durch ganz andere Heilmittel
wiederhergestellt worden seien. Und zum sonderbaren Trost meinten
sie:
»Du bist viel zu zimperlich! Steh doch auf! Du läßt dich wie ein
Fürst verhätscheln! Das ist Unsinn, alter Schlaumeier! Und
besonders gut riechst du auch nicht!«
Inzwischen griff der Brand immer weiter um sich. Bovary ward fast
selber krank davon. Er kam aller Stunden, aller Augenblicke.
Hippolyt sah ihn mit angsterfüllten Augen an. Schluchzend
stammelte er:
»Lieber Herr Doktor, wann werd ich denn wieder gesund? Ach, helfen
Sie mir! Ich bin so unglücklich, so unglücklich!«
Bovary schrieb ihm alle Tage vor, was er essen solle. Dann verließ
er ihn.
»Hör nur gar nicht auf ihn, mein Junge!« meinte die Löwenwirtin.
»Sie haben dich schon gerade genug geschunden! Das macht dich bloß
immer noch schwächer! Da, trink!«
Sie gab ihm hin und wieder Fleischbrühe, ein Stück Hammelkeule,
Speck und manchmal ein Gläschen Schnaps, den er kaum an seine
Lippen zu bringen wagte.
Abbé Bournisien, der gehört hatte, daß es Hippolyt schlechter
ging, kam ihn zu besuchen. Er bedauerte ihn, dann aber erklärte
er, in gewisser Beziehung müsse sich der Kranke freuen, denn es
sei des Herrn Wille, der ihm Gelegenheit gäbe, sich mit dem Himmel
zu versöhnen.
»Siehst du,« sagte der Priester in väterlichem Tone, »du hast
deine Pflichten recht vernachlässigt! Man hat dich selten in der
Kirche gesehen. Wieviel Jahre lang hast du das heilige Abendmahl
nicht genommen? Ich gebe zu, daß deine Beschäftigung und der
Trubel der Welt dich abgehalten haben, für dein Seelenheil zu
sorgen. Aber jetzt ist es an der Zeit, daß du dich darum kümmerst.
Verzweifle indessen nicht! Ich habe große Sünder gekannt, die,
kurz ehe sie vor Gottes Thron traten, (du bist noch nicht so weit,
das weiß ich wohl!) seine Gnade erfleht haben; sie sind ohne
Verdammnis gestorben! Hoffen wir, daß auch du uns gleich ihnen ein
gutes Beispiel gibst! Darum: sei vorsichtig! Niemand verwehrt dir,
morgens ein Ave-Maria und abends ein Paternoster zu beten! Ja, tue
das! Mir zuliebe! Was kostet dich das? Willst du mir das
versprechen?«
Der arme Teufel gelobte es. Tag für Tag kam der Seelsorger wieder.
Er plauderte mit ihm und der Wirtin, und bisweilen erzählte er den
beiden sogar Anekdoten, Späße und faule Witze, die Hippolyt
allerdings nicht verstand. Aber bei jeder Gelegenheit kam er auf
religiöse Dinge zu sprechen, wobei er jedesmal eine salbungsvolle
Miene annahm.
Dieser Eifer verfehlte seine Wirkung nicht. Es dauerte nicht
lange, da bekundete der Strephopode die Absicht, eine Wallfahrt
nach Bon-Secours zu unternehmen, wenn er wieder gesund würde,
worauf der Priester entgegnete, das sei nicht übel. Doppelt genäht
halte besser. Er riskiere ja dabei nichts.
Der Apotheker war empört über »diese Pfaffenschliche«, wie er sich
ausdrückte. Er behauptete, das verzögre die Genesung des
Hausknechts nur.
»Laßt ihn doch nur in Ruhe!« sagte er zur Löwenwirtin. »Mit euren
Salbadereien macht ihr den Mann nur verdreht!«
Aber die gute Frau wollte davon nichts hören. Er und kein anderer
sei ja an der ganzen Geschichte schuld! Und auch rein aus
Widerspruchsgeist hing sie dem Kranken zu Häupten einen
Weihwasserkessel und einen Buchsbaumzweig auf.
Allerdings nützten offenbar weder der kirchliche noch der
chirurgische Segen. Unaufhaltsam schritt die Blutvergiftung vom
Beine weiter in den Körper hinauf. Man versuchte immer neue Salben
und Pflaster, aber der Fuß wurde immer brandiger, und schließlich
antwortete Bovary mit einem zustimmenden Kopfnicken, als Mutter
Franz ihn fragte, ob man angesichts dieser hoffnungslosen Lage
nicht den Doktor Canivet aus Neufchâtel kommen lassen solle, der
doch weitberühmt sei.
Canivet war Doktor der Medizin, fünfzig Jahre alt, ebenso
wohlhabend wie selbstbewußt. Er kam und entblödete sich nicht,
über den Kollegen geringschätzig zu lächeln, als er das bis an das
Knie brandig gewordene Bein untersuchte. Sodann erklärte er, das
Glied müsse amputiert werden.
Er suchte den Apotheker auf und wetterte gegen »die Esel, die das
arme Luder so zugerichtet« hätten. Er faßte Homais am Rockknopf
und hielt ihm in seiner Apotheke eine Standpauke:
»Da habt Ihr so 'ne Pariser Erfindung! Solchen Unsinn hecken die
Herren Gelehrten der Weltstadt nun aus! Genau so steht es mit
ihren Schieloperationen, Chloroform-Betäubungen, Blaseneingriffen!
Das ist alles Kapitalunfug gegen den sich der Staat ins Zeug legen
sollte! Diese Scharlatane wollen bloß immer was zu tun haben. Sie
erfinden die unglaublichsten Verfahren, aber an die Folgen denken
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