»Ach nein!«
»Brauchst keine Angst zu haben!«
»Nee, ist die dumm!«
»Hier! Hier steckt sie!«
»So mag sie doch vorkommen!« rief der Bürgermeister dazwischen.
Da begann eine kleine alte Frau mit ängstlicher Gebärde zur
Estrade hinzulaufen. In ihren Lumpen sah sie selber wie zerfallen
aus. Sie hatte die Füße in derben Holzschuhen und um die Hüften
eine große blaue Schürze. Ihr mageres Gesicht, von einer
schlichten Haube umrahmt, war runzeliger als ein verschrumpfelter
Apfel, und aus den Ärmeln ihrer roten Jacke langten zwei dürre
Hände mit knochigen Gelenken heraus. Vom Staub der Scheunen, der
Lauge der Wäsche und dem Fett der Schafwolle waren sie so hornig,
hart und rissig, daß sie wie schmutzig aussahen, und doch waren
sie in reinem Wasser tüchtig gewaschen worden. Daß sie unzählige
Strapazen hinter sich hatten, das verrieten sie von selbst an
ihrer demütigen Haltung: sie standen halboffen, wie bereit, ewig
Dienste zu empfangen. Etwas wie klösterliche Strenge sprach aus
den Zügen der alten Frau und verlieh ihnen eine Spur von
Vornehmheit. Es lebte nichts Weiches in ihrem bleichen Gesicht,
nichts Trauriges oder Rührseliges. Im steten Umgang mit Tieren war
ihr stumme Geduld zur Natur geworden. Heute befand sie sich zum
ersten Male inmitten einer solchen Masse von Menschen. Die Fahnen,
der Trommelwirbel, die vielen Herren in schwarzen Röcken, das
Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust des Rates, alles das
erschüttertere bis ins Herz. Sie stand ganz erstarrt da, sie wußte
nicht, ob sie zur Estrade vorlaufen oder enteilen sollte, und sie
begriff nicht, warum man sie nach vorn drängte und warum ihr die
Preisrichter freundlich zulächelten. Sie stand vor diesen
behäbigen Bürgern als ein verkörpertes halbes Säkulum der
Knechtschaft.
»Treten Sie näher, verehrungswürdige Katharine Nikasia Elisabeth
Leroux!« sagte der Regierungsrat, der die Liste der Preisgekrönten
aus den Händen des Vorsetzenden entgegengenommen hatte. Indem er
abwechselnd auf den Bogen und auf die Greisin blickte, wiederholte
er in väterlichem Tone:
»Näher, immer näher!«
»Sind Sie denn taub?« rief Tüvache heftig und sprang von seinem
Sitze auf.
»Für vierundfünfzigjährige Dienstzeit eine silberne Medaille im
Werte von fünfundzwanzig Franken! Die ist für Sie!« wurde ihr laut
gesagt.
Die alte Frau nahm sie und sah sie sich lange an, und ein Lächeln
des Glückes sonnte ihr Gesicht. Als sie wegging, hörte man sie vor
sich hinmurmeln:
»Ich werde sie dem Herrn Pfarrer bei uns zu Hause geben, damit er
mir dermaleinst eine Messe liest.«
»Selig die Geistesarmen!« meinte der Apotheker, zum Notar gewandt.
Der feierliche Akt war zu Ende. Die Menge verlief sich. Und
nachdem nun die Preisverteilung vorüber war, nahm jeder wieder
seinen Rang ein, und alles lief im alten Gleise. Die Herren
schnauzten ihre Knechte an, und die Knechte prügelten das Vieh,
das mit grünen Kränzen um die Hörner in seine Ställe
zurücktrottete. Ahnungslose Triumphatoren.
Die Bürgergarde und die Feuerwehr traten weg und begaben sich in
den ersten Stock des Rathauses. Der Bataillonstambour schleppte
einen Korb Weinflaschen, und die Mannschaft spießte sich die
spendierten Butterbrote auf die Bajonette.
Frau Bovary ging an Rudolfs Arm nach Haus. An der Türe nahmen sie
Abschied. Sodann ging er bis zur Stunde des Festmahles allein
durch die Wiesen spazieren.
Der Schmaus dauerte lange. Es war lärmig, die Bedienung schlecht.
Man saß so eng aneinander, daß man für die Ellenbogen gar keine
Freiheit hatte, und die schmalen Bretter, die als Bänke dienten,
drohten unter der Last der Gäste zusammenzubrechen. Man aß
unmenschlich viel. Jeder wollte auf seine Kosten kommen. Allen
perlte der Schweiß von der Stirne. Zwischen der Tafel und den
Hängelampen schwebte weißlicher Dunst, wie der Nebel über dem
Flusse an einem Herbstmorgen.
Rudolf, der seinen Platz an der Zeltwand hatte, verlor sich völlig
in Träumereien an Emma, so daß er nichts sah und hörte. Hinter
ihm, draußen auf dem Rasen, schichteten die Kellner die
gebrauchten Teller. Wenn ihn einer seiner Nachbarn anredete, gab
er ihm keine Antwort. Man füllte ihm das Glas, ohne daß er es
wahrnahm. Trotz des allgemeinen immer stärker werdenden Lärmes war
es in ihm ganz still. Er sann über das nach, was Emma gesagt
hatte, und über die Linien ihrer Lippen dabei. Ihr Bild schimmerte
ihm wie aus Zauberspiegeln aus allem entgegen, was glänzte, sogar
aus dem Messingbeschlag der Feuerwehrhelme. Die Zeltwand hatte
Falten, die ihn an die ihres Kleides erinnerten. Und vor ihm, in
der Ferne der Zukunft, winkte eine endlos lange Reihe verliebter
Tage.
Am Abend sah er Emma wieder, beim Feuerwerk. Aber sie war in der
Gesellschaft ihres Mannes, der Frau Homais und des Apothekers. Der
letztere beunruhigte sich sehr über die Möglichkeit, daß einmal
eine Rakete versehentlich in das Publikum gehen könnte. Aller
Augenblicke verließ er seine Freunde, um Binet zur größten
Vorsicht zu vermahnen. Die Feuerwerkskörper waren vorher aus
übertriebener Ängstlichkeit im Hause des Bürgermeisters aufbewahrt
worden, in dessen Keller. Das feucht gewordene Pulver entzündete
sich nun schwer, und das Hauptstück, eine Schlange, die sich in
den Schwanz beißt, versagte vollständig. Ab und zu zischte ein
dürftiges Feuerrad. Dann schrie die gaffende Menge vor Vergnügen
laut auf, und in dieses Geschrei mischte sich das Kreischen der
Weiber, die im Dunkeln von dreisten Händen angefaßt wurden.
Emma schmiegte sich schweigsam an Karls Arm. Den Kopf gehoben,
verfolgte sie die Feuerlinien der Raketen auf dem schwarzen
Himmel. Rudolf betrachtete sie im Scheine der Lampions. Nach und
nach verlöschten diese, und nun leuchteten nur die Gestirne. Ein
paar Regentropfen fielen. Frau Bovary legte sich ihr Tuch über das
unbedeckte Haar.
In diesem Augenblicke fuhr der Landauer des Regierungsrates vom
Gasthofe weg. Der Kutscher war bezecht und hockte verschlafen auf
seinem Bocke. Man sah von weitem, wie die schwere Masse seines
Körpers zwischen den Wagenlichtern hin und her pendelte, je nach
den Bewegungen des Wagens auf dem holperigen Pflaster.
»Man sollte wirklich strenger gegen die Trunksucht vorgehen«,
bemerkte der Apotheker. »Mein Vorschlag geht dahin, allwöchentlich
am Rathause die Namen derer auszuhängen, die sich in der Woche
vorher sinnlos betrunken haben. Das ergäbe nebenbei eine
Statistik, die man in gewissen Fällen ... Aber entschuldigen Sie!«
Er eilte wiederum zum Feuerwehrhauptmann, der sich gerade
anschickte, nach Hause zu gehen. Ihn trieb die Sehnsucht nach
seiner Drehbank.
»Vielleicht täten Sie gut,« mahnte ihn Homais, »wenn Sie einen von
Ihren Leuten schickten, oder noch besser, wenn Sie selber gingen
...«
»Lassen Sie mich doch in Ruhe!« murrte der Steuereinnehmer. »Das
hätte ja gar keinen Sinn!«
Der Apotheker gesellte sich wieder zu seinen Freunden.
»Wir können völlig beruhigt sein«, sagte er zu ihnen. »Herr Binet
hat mir soeben versichert, daß alle Vorsichtsmaßregeln getroffen
sind. Es ist keine Feuergefahr mehr vorhanden. Und die Spritzen
stehen voller Wasser bereit. Gehen wir schlafen!«
»Ach ja! Ich habs sehr nötig!« erwiderte Frau Homais, die schon
immer tüchtig gegähnt hatte. »Aber schön wars doch!«
Rudolf wiederholte leise mit einem zärtlichen Blicke:
»Wunderschön!«
Dann verabschiedete man sich und ging voneinander.
Zwei Tage darauf stand im »Leuchtturm von Rouen« ein langer
Bericht über die Landwirtschaftliche Versammlung. Der Apotheker
hatte ihn am Morgen darauf schwungvoll verfaßt.
»Was künden diese Girlanden, diese Blumen und Kränze? Wohin wälzt
sich die Menge, gleichwie die Wogen des stürmischen Weltmeeres
unter den Strahlenbüscheln der tropischen Sonne, die unsere Fluren
sengt?«
Sodann sprach er von der Lage der Landbevölkerung. »Gewiß, die
Regierung hat hier viel getan, aber noch nicht genug. Mut! Tausend
Reformen sind unerläßlich. Man gehe an sie heran!« Bei der
Schilderung der Ankunft des Regierungsvertreters feierte er »das
martialische Aussehen unsrer Miliz«, die »behenden Dorfschönen,«
die »kahlköpfigen Greise, diese Patriarchen, die Letzten der
unsterblichen Legionen, deren Soldatenherzen beim Wirbeln der
Trommeln höher schlagen.« Seinen eigenen Namen zählte er unter den
Preisrichtern als ersten auf und erwähnte in einer Anmerkung
sogar, daß Herr Homais, der Apotheker von Yonville, unlängst eine
Denkschrift über den Apfelwein an die Rouener Agronomische
Gesellschaft eingereicht habe. Bei der Preisverteilung angelangt,
schilderte er die Freude der Ausgezeichneten mit dithyrambischer
Begeisterung. »Väter fielen ihren Söhnen um den Hals, Brüder ihren
Brüdern, Gatten ihren Gattinnen. Mehr denn einer zeigte voll
Stolz seine schlichte Medaille, und heimgekehrt in sein stilles
Kämmerlein, mag sie so mancher, Tränen in den Augen, an die Wand
gehängt haben ... Gegen sechs Uhr abends vereinigte ein Festmahl
in dem auf der Herrn Liégeard gehörenden Wiese errichteten großen
Zelte die hervorragendsten Festteilnehmer. Von Anfang bis Ende
herrschte die größte Gemütlichkeit. Mehrere Toaste wurden
ausgebracht. Herr Regierungsrat Lieuvain trank auf Seine Majestät,
Herr Bürgermeister Tüvache auf den Herrn Landrat, sodann Herr
Rittergutsbesitzer Derozerays auf das Gedeihen der Landwirtschaft,
Herr Apotheker Homais auf die Industrie und ihre Schwestern, die
Künste und Wissenschaften, so zuletzt Herr Leplichey auf den
Fortschritt. Am Abend erleuchtete ein prächtiges Feuerwerk
plötzlich alle Gesichter. Man kann wohl sagen, es war ein wahres
Kaleidoskop, eine herrliche Operndekoration, und im Moment durfte
sich unser kleiner Ort in die Wunderwelt von Tausendundeiner Nacht
entrückt wähnen. Zum Schlusse stellen wir mit Freuden fest, daß
auch nicht ein einiger unliebsamer Vorfall das Volksfest gestört
hat. Zu bemerken wäre nur noch das Fernbleiben der Geistlichkeit.
Offenbar hat man unter ihr andre Ansichten von Allgemeinwohl und
Fortschritt. Haltet es, wie ihr wollt, ihr Jünger Loyolas!«
Neuntes Kapitel
Sechs Wochen flossen hin. Rudolf kam nicht. Endlich, eines
Spätnachmittags, erschien er.
»Man darf sich nicht so schnell wieder sehen lassen. Das wäre ein
Fehler!«
Nach dem Feste war er auf die Jagd gegangen. Und nach der Jagd
hatte er sich gesagt, nun sei es zu spät zu einem Besuche. Sein
Gedankengang war folgender:
»Wenn sie mich vom ersten Tage an geliebt hat, wird sie mich nach
dem Hangen und Bangen des Wartens nur um so mehr lieben. Warten
wir also noch eine Weile!«
Als er Emma in der Großen Stube entgegentrat, sah er, wie sie blaß
wurde. Da wußte er, daß er sich nicht verrechnet hatte.
Sie war allein. Es dämmerte. Die kleinen Mullgardinen an den
Scheiben der Fenster vermehrten das Halbdunkel. Das blanke Metall
des Barometers, auf das ein Sonnenstrahl fiel, glitzerte auf der
Fläche des Spiegels über dem Kamin wider wie flammendes Feuer.
Rudolf stand noch immer. Emma antwortete nur mit Mühe auf seine
ersten Höflichkeitsworte.
»Ich war stark beschäftigt. Und dann bin ich auch krank gewesen.«
»Ernstlich?« fragte sie erregt.
»Na,« erwiderte Rudolf, indem er sich ihr zur Seite auf einen
niedrigen Sessel setzte, »eigentlich wollte ich nicht
wiederkommen.«
»Warum?«
»Erraten Sie es nicht?«
Wiederum sah er sie an, diesmal so leidenschaftlich, daß sie rot
wurde und die Augen senkte.
Er begann von neuem:
»Emma!«
»Herr Boulanger!« rief sie und rückte ein wenig von ihm ab.
»Ah!« sagte er in wehmütigem Tone. »Sehen Sie, wie recht ich
hatte, wenn ich nicht wiederkommen wollte! Ihr Name ..., dieser
Name, der mein ganzes Herz erfüllt ..., er ist mir entschlüpft,
und Sie verbieten mir, ihn auszusprechen! Frau Bovary! Alle Welt
nennt Sie so! So heißen Sie! Und doch ist das der Name -- eines
andern!« Nach einer Weile wiederholte er: »Eines andern!« Er hielt
sich die Hände vor sein Gesicht. »Ach, ich denke fortwährend an
Sie ... Die Erinnerung bringt mich in Verzweiflung ... Verzeihen
Sie mir ... Ich gehe ... Leben Sie wohl! Ich will weit, weit weg
... so weit gehen, daß Sie nichts mehr von mir hören werden! Aber
heute ... heute ... ach, ich weiß nicht, was mich mit aller Gewalt
hierher zu Ihnen getrieben hat! Gegen sein Schicksal kann keiner
kämpfen! Und wo Engel lächeln, wer könnte da widerstehen? Man läßt
sich hinreißen von der, die so schön, so süß, so anbetenswert
ist!«
Es war das erstemal, daß Emma solche Dinge hörte, und als ob sie
sich im Bade wollüstig dehnte, so fühlte sie sich in ihrem
Selbstbewußtsein von der warmen Flut dieser Sprache umkost.
»Aber wenn ich mich auch nicht habe sehen lassen,« fuhr er fort,
»wenn ich nicht mit Ihnen reden durfte, so habe ich doch
wenigstens das gesehen, was Sie umgibt. Ach, nachts, Nacht für
Nacht habe ich mich erhoben und bin hierher geeilt, um Ihr Haus zu
schauen, Ihr Dach im Scheine des Mondes, die Bäume in Ihrem
Garten, die ihre Wipfel vor Ihrem Fenster wiegen, und das
Lampenlicht, den hellen Schimmer, der durch die Scheiben
hinausleuchtete in das Dunkel! Ach, Sie haben es nicht geahnt, daß
da unten, Ihnen so nahe und doch so fern, ein Armer, ein
Unglücklicher stand ...«
Sie schluchzte auf und sah ihn an.
»Sie sind ein guter Mensch!« flüsterte sie.
»Nein! Ich liebe Sie! Weiter nichts! Glauben Sie mir das? Sagen
Sie mirs! Ein Wort! Ein einziges Wort!«
Leise glitt Rudolf von seinem Sitze zur Erde. Aber von der Küche
her drang das Klappern von Holzpantoffeln. Auch war die Türe nicht
geschlossen. Er erinnerte sich daran.
»Es wäre barmherzig von Ihnen,« sagte er, sich wieder erhebend,
»wenn Sie mir einen Wunsch erfüllten.«
Er bat darum, ihm das Haus zu zeigen. Er wolle es kennen lernen.
Frau Bovary hatte nichts dagegen. Sie gingen beide zur Türe, da
trat Karl ein.
»Guten Tag, Doktor!« begrüßte ihn Rudolf.
Der Arzt, den der ihm nicht zukommende akademische Titel
schmeichelte, stotterte ein paar verbindliche Worte. Währenddessen
wurde der andre wieder völlig Herr der Situation.
»Die gnädige Frau hat mir soeben von ihrem Befinden erzählt ...«,
begann er.
Karl unterbrach ihn. Er sei in der Tat äußerst besorgt. Seine Frau
habe bereits einmal an ähnlichen Zuständen gelitten.
Rudolf fragte, ob da nicht Reiten gut wäre.
»Gewiß! Ganz ausgezeichnet! Vortrefflich! Das ist wirklich ein
guter Rat! Den solltest du tatsächlich befolgen, Emma!«
Sie wandte ein, daß sie kein Pferd habe, aber Rudolf bot ihr eins
an. Sie lehnte sein Anerbieten ab, und er drang nicht weiter in
sie. Dann erzählte er -- um seinen Besuch zu motivieren --, sein
Knecht, der Mann, dem Karl neulich zur Ader gelassen habe, leide
immer noch an Schwindelanfällen.
»Ich werde mal bei Ihnen auf dem Gute vorsprechen«, sagte Bovary.
»Nein, nein! Ich schicke ihn lieber her. Wir kommen wieder
zusammen. Das ist bequemer für Sie!«
»Sehr gütig! Ganz wie Sie wünschen!«
Als das Ehepaar dann allein war, fragte Karl:
»Warum hast du eigentlich das Angebot des Herrn Boulanger
abgelehnt? Es war doch sehr liebenswürdig!«
Emma tat, als ob sie schmollte; sie wußte nicht gleich, was sie
sagen sollte, und schließlich erklärte sie, die Leute könnten es
»komisch« finden.
»Ich pfeif auf die Leute!« sagte Karl und machte eine verächtliche
Gebärde. »Die Gesundheit ist tausendmal mehr wert! Das war nicht
richtig von dir!«
»Aber ich habe doch auch kein Reitkleid!«
»Dann mußt du dir eins bestellen!«
Das Reitkleid gab den Ausschlag.
Als es fertig war, schrieb Bovary an Boulanger, seine Frau stehe
ihm zur Verfügung. Sie nähme sein gütiges Anerbieten an.
Andern Tags um zwölf Uhr hielt Rudolf mit zwei Reitpferden vor dem
Hause des Arztes. Das eine trug einen Damensattel aus Wildleder
und einen roten Stirnriemen. Er selbst hatte hohe Reitstiefel aus
feinstem weichen Leder an. Er nahm an, daß Emma solche gewiß noch
nie gesehen hatte; und in der Tat war sie über sein Aussehen
entzückt, als sie ihn in seinem langen dunkelbraunen Samtrock und
den weißen Breeches an der Türe erblickte. Sie hatte auf ihn
gewartet und war bereit.
Justin stahl sich aus der Apotheke. Er mußte sie sehen. Auch den
Apotheker litt es nicht in seinem Laden. Er gab Rudolf allerlei
gute Ratschläge.
»Es passiert so leicht ein Malheur!« sagte er. »Reiten Sie
vorsichtig! Sind die Tiere fromm?«
Emma vernahm über sich ein Geräusch. Es war Felicie, die mit der
Hand gegen eine Fensterscheibe trommelte, um der kleinen Berta
einen Spaß zu bereiten. Das Kind warf der Mutter ein Kußhändchen
zu. Die Reiterin winkte mit der Gerte.
»Viel Vergnügen!« rief Homais. »Ja recht vorsichtig! Recht
vorsichtig!«
Er sah den Wegreitenden noch lange nach und schwenkte grüßend mit
seiner Zeitung.
Sobald Emmas Pferd weichen Boden unter sich fühlte, fing es von
selbst an zu galoppieren. Da sprengte auch Rudolf sein Pferd an.
Hin und wieder wechselten sie ein Wort. Das Kinn ein wenig
eingezogen, die hochgenommene linke Hand mit den Zügeln nach dem
Widerrist zu vorhaltend, so überließ sie sich der wiegenden
Galoppade.
Es ging die Anhöhe hinauf, immer im Galopp. Oben parierten die
Gäule plötzlich. Emmas langer blauer Schleier flatterte weiter.
Es war einer der ersten Oktobertage. Nebel lag über den Fluren. In
langen Schwaden beengten sie den Gesichtskreis und ließen die
Hügel nur in Umrißlinien erkennen. Hin und wieder rissen die Nebel
auseinander, flogen wie in Fetzen auf und zerstoben. Dann
erblickte man durch die Lücken in der Ferne die Dächer von
Yonville im Sonnenscheine, die Gärten am Bachufer, die Gehöfte und
Hecken und den Kirchturm. Emma gab sich Mühe, ihr Haus
herauszufinden, und noch nie war ihr der armselige Ort, in dem sie
da lebte, so klein vorgekommen. Von der Höhe, auf der sie hielten,
glich die ganze Niederung einem ungeheuer großen, fahlen,
verdunstenden See. Die buschigen Bäume, die hie und da aus ihm
herausragten, sahen wie schwarze Riffe aus, und die Reihen der
hohen Pappeln wie lange Wellenzüge, die der Wind kräuselt.
Über dem Rasen unter den Tannen sickerte braunes Licht durch die
laue Luft. Der Boden, rötlich wie zerblätterter Tabak, dämpfte die
Tritte. Abgefallene Tannenzapfen rollten über den Weg, von den
Hufen berührt.
Rudolf und Emma ritten den Waldsaum entlang. Ab und zu sah sie zur
Seite, um seinem Blicke zu entgehen; dann glitten die Stämme der
Bäume, einer nach dem andern, so rasch an ihr vorüber, daß die
unaufhörliche Wiederholung sie halb schwindlig machte. Die Pferde
keuchten.
Gerade, als sie in den Wald kamen, trat die Sonne hervor.
»Gott ist mit uns!« sagte Rudolf.
»Glauben Sie denn an ihn?« fragte sie.
»Galopp! Galopp!« rief er von neuem und schnalzte mit der Zunge.
Beide Tiere gehorchten.
Hohe Farne, wie sie zu beiden Seiten des Pfades standen, verfingen
sich in Emmas Steigbügel. Rudolf, der zur Linken Emmas ritt,
bückte sich jedesmal im Weiterreiten und befreite sie wieder. Ein
paarmal galoppierte er ganz dicht neben ihr hin, um überhängende
Zweige von ihr abzuwehren; dann fühlte sie, wie sein rechtes Knie
ihr linkes Bein berührte.
Inzwischen war der Himmel ganz blau geworden. Kein Blatt rührte
sich. Sie kamen über weite Felder, ganz voll blühenden
Heidekrauts, und hie und da leuchteten unter dem grauen und gelben
und goldbraunen Blätterwerk der Bäume Flecke von wilden Veilchen
auf. Im Gebüsch regte sich öfters leiser Flügelschlag. Leise
krächzend flogen Raben um die Eichen.
Sie saßen ab. Rudolf band die Pferde an. Emma schritt ihm voraus,
den Weg weiter, über Moos in alten Wagenspuren. Ihr langes
Reitkleid erschwerte ihr das Gehen, obwohl sie es mit der einen
Hand aufgerafft hatte. Rudolf ging hinter ihr. Er sah zwischen dem
schwarzen Tuch und den schwarzen Stiefeln das lockende Weiß ihres
Strumpfes, das er wie ein Stück Nacktheit empfand.
Emma blieb stehen.
»Ich bin müde!« sagte sie.
»Gehen wir weiter! Versuchen Sie es!« bat er. »Mut!«
Hundert Schritte weiter blieb sie abermals stehen. Der blaue
Schleier, der ihr von ihrem Herrenhute bis zu den Hüften
herabwallte, übergoß ihr Gesicht mit bläulichem Licht. Es sah aus,
wie in das Blau des Himmels getaucht.
»Wohin gehen wir denn?«
Er gab keine Antwort. Sie atmete heftig. Rudolf hielt Umschau und
biß sich in den Schnurrbart. Sie standen in einer Lichtung, in der
gefällte Baumstämme dalagen. Sie setzten sich beide auf einen.
Von neuem begann Rudolf, von seiner Liebe zu reden. Um Emma nicht
durch Überschwenglichkeit zu verprellen, blieb er ruhig, ernst,
schwermütig. Sie hörte ihm gesenkten Hauptes zu, während sie mit
der Spitze ihres Stiefels den Waldboden aufscharrte. Aber bei dem
Satze:
»Sind unsre beiden Lebenspfade nunmehr nicht in einen
zusammengelaufen?« unterbrach sie ihn:
»Nein! Das wissen Sie doch! Es ist unmöglich!«
Sie stand auf und wollte gehen. Er umfaßte ihr Handgelenk, und so
blieb sie. Sie sah ihn eine kleine Weile liebevoll und mit feucht
schimmernden Augen an, dann sagte sie hastig:
»Genug! Reden wir nicht mehr davon! Gehen wir zurück zu unsern
Pferden!«
Rudolf machte eine Bewegung zornigen Ärgers. Sie wiederholte:
»Gehen wir zu unsern Pferden!«
Da lächelte er seltsam und näherte sich ihr mit vorgestreckten
Händen, zusammengebissenen Zähnen und starrem Blicke. Sie wich
zitternd zurück und stammelte:
»Ich fürchte mich vor Ihnen! Sie tun mir weh! Gehen wir zurück!«
»Wenn es sein muß!« gab er zur Antwort. Sein Gesichtsausdruck
wandelte sich. Er sah wieder ehrerbietig, zärtlich, schüchtern
aus.
Emma reichte ihm den Arm. Sie traten den Rückweg an.
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