In seiner Aufregung konnte er kaum den Verband anlegen.
»'s ist weiter nichts!« meinte Boulanger gelassen, der Justin
aufgefangen hatte. Er setzte ihn auf die Tischplatte und lehnte
ihn mit dem Rücken gegen die Wand.
Frau Bovary machte sich daran, dem Ohnmächtigen das Halstuch
aufzuknüpfen. Der Knoten wollte sich nicht gleich lösen, und so
berührte sie ein paar Minuten lang leise mit ihren Fingern den
Hals des jungen Burschen. Dann goß sie Essig auf ihr
Batisttaschentuch, betupfte ihm ein paarmal behutsam die Schläfen
und blies dann ein wenig darauf.
Der Knecht war bereits wieder munter, aber Justins Ohnmacht
dauerte an. Seine Augäpfel verschwammen in ihrem bleichen Gallert
wie blaue Blumen in Milch.
»Er darf das da nicht sehen!« ordnete Karl an.
Frau Bovary ergriff die Schüssel und setzte sie unter den Tisch.
Bei diesem Sichbücken bauschte sich ihr Rock (ein weiter gelber
Rock mit vier Falbeln) um sie herum und stand wie steif auf der
Diele, und je nach der Bewegung Emmas, die sich neigte, die Arme
ausstreckte und sich dabei in den Hüften ein wenig hin und her
drehte, wogte der Stoff auf und nieder. Dann nahm sie eine
Wasserflasche und löste ein paar Stück Zucker in einem Glase.
In diesem Augenblicke trat der Apotheker ein. Das Mädchen hatte
ihn vor Schreck herbeigeholt. Als er seinen Gehilfen wieder bei
Bewußtsein sah, atmete er auf. Dann ging er um ihn herum und
betrachtete sich ihn von oben bis unten.
»Dummkopf!« brummte er. »Ein Dummkopf, wie er im Buche steht! Als
obs wer weiß was wäre! Ein bißchen Aderlaß! Weiter nichts! Und das
will ein forscher Kerl sein! Ja, wenn es gilt, von den höchsten
Bäumen die Nüsse herunterzuholen, da klettert er wie ein
Eichhörnchen ... Na, tu deinen Mund auf und zeig dich mal in
deiner Gloria! Das sind ja nette Eigenschaften für einen, der mal
Apotheker werden will! Ich sage dir: als Apotheker kommt man in
die schwierigsten Lagen. So zum Beispiel vor Gericht als
Sachverständiger. Da heißt es kaltblütig sein, hübsch ruhig
überlegen und ein ganzer Mann sein! Sonst gilt man als
Schwachmatikus ...«
Justin sagte kein Wort. Der Apotheker fuhr fort:
»Wer hat dir denn übrigens gesagt, daß du hierher gehen sollst? In
einem fort belästigst du Herrn und Frau Doktor! Noch dazu an den
Markttagen, wo du drüben so notwendig gebraucht wirst! Es warten
zurzeit zwanzig Kunden im Laden. Deinetwegen habe ich alles stehn
und liegen lassen. Marsch! Hinüber! Trab! Gib auf die Arzneien
acht! Ich komme gleich nach!«
Als Justin seine Kleidung wieder in Ordnung gebracht hatte und
fort war, plauderte man noch ein wenig über Ohnmachtanfälle. Frau
Bovary sagte, sie hätte noch nie einen gehabt.
»Ja, bei Damen kommt so was sehr selten vor!« behauptete
Boulanger. »Es gibt aber auch Leute, die allzu zimperlich sind. Da
hab ich gelegentlich eines Duells erlebt, daß ein Zeuge ohnmächtig
wurde, als die Pistolen beim Laden knackten.«
»Was mich anbelangt,« erklärte der Apotheker, »mich stört der
Anblick fremden Blutes ganz und gar nicht. Aber der bloße Gedanke,
ich selber könne bluten, der macht mich schwindlig, wenn ich nicht
schnell an was andres denke.«
Inzwischen hatte Boulanger seinen Knecht fortgeschickt, nachdem er
ihn ermahnt, sich nun zu beruhigen.
»Nun ists aber alle mit der Einbildung!« sagte er ihm. »Die hat
mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft verschafft«, fügte er hinzu. Bei
dieser Phrase blickte er Emma an. Dann legte er einen Taler auf
die Tischecke, grüßte flüchtig und verschwand.
Bald darauf erschien er drüben auf dem andern Ufer des Baches. Das
war sein Weg nach der Hüchette. Emma sah ihm von einem der
Hinterfenster nach, wie er über die Wiesen ging, die Pappeln
entlang, langsam wie einer, der über etwas nachdenkt.
»Allerliebst!« sagte er bei sich. »Wirklich allerliebst, diese
Doktorsfrau. Schöne Zähne, schwarze Augen, niedliche Füße und
schick wie eine Pariserin! Zum Teufel, wo mag sie her sein? Wo mag
sie dieser Schlot nur aufgegabelt haben?«
Rudolf Boulanger war vierunddreißig Jahre alt von roher Gemütsart
und scharfem Verstand. Er hatte sich viel mit Weibern abgegeben
und war Kenner auf diesem Gebiete. Die da gefiel ihm. Somit
beschäftigte sie ihn in Gedanken, ebenso ihr Mann.
»Ich glaube, er ist mordsblöde. Sie hat ihn satt, zweifelsohne. Er
hat dreckige Fingernägel und rasiert sich nur aller drei Tage.
Wenn er seine Patienten abzurennen hat, sitzt sie daheim und
stopft Strümpfe. Und langweilt sich. Sehnt sich nach der großen
Stadt und möchte am liebsten alle Abende auf den Ball. Arme kleine
Frau! So was schnappt nach Liebe wie ein Karpfen auf dem
Küchentisch nach Wasser! Drei nette Worte, und sie ist futsch!
Sicherlich! Das wär was fürs Herze! Scharmant! Aber wie kriegt man
sie hinterher wieder los?«
Diese Einschränkung des in der Ferne stehenden Genusses erinnerte
ihn -- zum Kontrast -- an seine Geliebte, eine Schauspielerin in
Rouen, die er aushielt. Er vergegenwärtigte sich ihren Körper,
dessen er sogar in der Vorstellung überdrüssig war.
»Ja, diese Frau Bovary,« dachte er bei sich, »die ist viel
hübscher, vor allem frischer. Virginie wird entschieden zu fett.
Sie zu haben, ist langweilig. Dazu ihre alberne Leidenschaft für
Krebse!«
Die Fluren waren menschenleer. Rudolf hörte nichts als das
taktmäßige Rascheln der Halme, die er beim Gehen streifte, und das
ferne Gezirpe der Grillen im Hafer. Er schaute Emma vor sich, in
ihrer Umgebung, angezogen, wie er sie gesehen hatte. Und in der
Phantasie entkleidete er sie.
»Oh, ich werde sie haben!« rief er aus und zerschlug mit einem
Schlage seines Spazierstockes eine Erdscholle, die im Wege lag.
Sodann überlegte er sich den taktischen Teil der Unternehmung. Er
fragte sich:
»Wie kann ich mit ihr zusammenkommen? Wie bring ich das zustande?
Sie wird egal ihr Baby im Arme haben. Und dann das Dienstmädel,
die Nachbarn, der Mann und der unvermeidliche Klatsch! Ach was!
Unnütze Zeitvergeudung!«
Nach einer Weile begann er von neuem:
»Sie hat Augen, die einem wie Bohrer in das Herz dringen! Und wie
blaß sie ist ... Blasse Frauen sind meine Schwärmerei!«
Auf der Höhe von Argueil war sein Kriegsplan fertig.
»Ich brauche bloß noch günstige Gelegenheiten. Gut! Ich werde ein
paarmal gelegentlich mit hingehen, ihnen Wildbret schicken und
Geflügel. Nötigenfalls lasse ich mich ein bißchen schröpfen. Wir
müssen gute Freunde werden. Dann lade ich die beiden zu mir ein
... Teufel noch mal, nächstens ist doch der Landwirtschaftliche
Tag! Da wird sie hinkommen, da werde ich sie sehen! Dann heißts:
Attacke! Und feste drauf! Das ist immer das Beste.«
Achtes Kapitel
Endlich war sie da, die berühmte Jahresversammlung der Landwirte!
Vom frühen Morgen an standen alle Einwohner von Yonville an ihren
Haustüren und sprachen von den Dingen, die da kommen sollten. Die
Stirnseite des Rathauses war mit Efeugirlanden geschmückt. Drüben
auf einer Wiese war ein großes Zelt für das Festmahl aufgeschlagen
worden, und mitten auf dem Markte vor der Kirche stand ein Böller,
der die Ankunft des Landrats und die Preiskrönung donnernd
verkünden sollte. Die Bürgergarde von Büchy -- in Yonville gab es
keine -- war anmarschiert und hatte sich mit der heimischen
Feuerwehr, deren Hauptmann Herr Binet war, zu einem Korps
vereinigt. Selbiger trug an diesem Tage einen noch höheren Kragen
als gewöhnlich. In die Litewka eingezwängt, war sein Oberkörper
so steif und starr, daß es aussah, als sei alles Leben in ihm in
seine beiden Beine gerutscht, die sich parademarschmäßig bewegten.
Da der Oberst der Bürgergarde und der Hauptmann der Feuerwehr
eifersüchtig aufeinander waren, wollte jeder den andern
ausstechen, und so exerzierten beide ihre Mannschaft für sich.
Abwechselnd sah man die roten Epauletten und die schwarzen
Schutzleder vorbeimarschieren und wieder abschwenken. Das ging
immer wieder von neuem an und nahm schier kein Ende!
Noch nie hatte man in Yonville derartige Pracht und Herrlichkeit
gesehen. Verschiedene Bürger hatten tags zuvor ihre Häuser
abwaschen lassen. Weiß-rot-blaue Fahnen hingen aus den halboffnen
Fenstern herab, alle Kneipen waren voll; und da schönes Wetter
war, sahen die gestärkten Häubchen weißer wie Schnee aus, die
Orden und Medaillen blitzten in der Sonne wie eitel Gold, und die
bunten Tücher leuchteten buntscheckig aus dem tristen Einerlei der
schwarzen Röcke und blauen Blusen hervor. Die Pächtersfrauen kamen
aus den umliegenden Dörfern geritten; beim Absitzen zogen sie die
langen Nadeln heraus, mit denen sie ihre Röcke hochgesteckt
hatten, damit sie unterwegs nicht schmutzig werden sollten. Die
Männer andrerseits hatten zum Schutze ihrer Hüte die Sacktücher
darüber gezogen, deren Zipfel sie mit den Zähnen festhielten.
Die Menge strömte von beiden Enden des Orts auf der Landstraße
heran und ergoß sich in alle Gassen, Alleen und Häuser. Überall
klingelten die Türen, um die Bürgerinnen herauszulassen, die in
Zwirnhandschuhen nach dem Festplatze wallten.
Zwei mit Lampions behängte hohe Taxusbäume, zu beiden Seiten der
vor dem Rathause errichteten Estrade für die Ehrengäste, erregten
ganz besonders die allgemeine Bewunderung. Übrigens hatte man an
den vier Säulen am Rathause so etwas wie vier Stangen
aufgepflanzt; jede trug eine Art Standarte aus grüner Leinwand.
Auf der einen las man: HANDEL, auf der zweiten: ACKERBAU, der
dritten: INDUSTRIE, der vierten: KUNST UND WISSENSCHAFT.
Die Freudensonne, die auf allen Gesichtern zu leuchten begann,
warf auch ihren Schatten und zwar auf das Antlitz der Frau Franz,
der Löwenwirtin. Auf der kleinen Vortreppe ihres Gasthofes
stehend, räsonierte sie vor sich hin:
»So eine Torheit! So eine Eselei, eine Leinwandbude aufzubaun!
Glaubt diese Bagage wirklich, daß der Herr Landrat besonders
ergötzt sein wird, wenn er unter einem Zeltdache dinieren soll,
wie ein Seiltänzer? Dabei soll der ganze Rummel der hiesigen
Gegend zugute kommen! War es wirklich der Mühe wert, extra einen
Koch aus Neufchâtel herkommen zu lassen? Für wen übrigens? Für
Kuhjungen und Lumpenpack!«
Der Apotheker ging vorüber in schwarzem Rock, gelben Buxen,
Lackschuhen und -- ausnahmsweise (statt des gewohnten Käppchens)
-- einem Hut von niedriger Form.
»Ihr Diener!« sagte er. »Ich habs eilig!«
Als die dicke Witwe ihn fragte, wohin er ginge, erwiderte er:
»Es kommt Ihnen komisch vor, nicht wahr? Ich, der ich sonst den
ganzen Tag in meinem Laboratorium stecke wie eine Made im Käse
...«
»In was für Käse?« unterbrach ihn die Wirtin.
»Nein, nein. Das ist nur bildlich gemeint«, entgegnete Homais.
»Ich wollte damit nur sagen, Frau Franz, daß es im allgemeinen
meine Gewohnheit ist, zu Hause zu hocken. Heute freilich muß ich
in Anbetracht ...«
»Ah! Sie gehen auch hin?« fragte sie in geringschätzigem Tone.
»Gewiß gehe ich hin!« sagte der Apotheker erstaunt. »Ich gehöre ja
zu den Preisrichtern!«
Die Löwenwirtin sah ihn ein paar Sekunden an, schließlich meinte
sie lächelnd:
»Das ist was anders! Aber was geht Sie eigentlich die
Landwirtschaft an? Verstehen Sie denn was davon?«
»Selbstverständlich verstehe ich etwas davon! Ich bin doch
Pharmazeut, also Chemiker. Und die Chemie, Frau Franz, beschäftigt
sich mit den Wechselwirkungen und den Molekularverhältnissen aller
Körper, die in der Natur vorkommen. Folglich gehört auch die
Landwirtschaft in das Gebiet meiner Wissenschaft. In der Tat, die
Zusammensetzung der Düngemittel, die Gärungen der Säfte, die
Analyse der Gase und die Wirkung der Miasmen .., ich bitte Sie,
was ist das weiter als pure bare Chemie?«
Die Löwenwirtin erwiderte nichts, und Homais fuhr fort:
»Glauben Sie denn: um Agronom zu sein, müsse man selber in der
Erde gebuddelt oder Gänse genudelt haben? Keine Spur! Aber die
Beschaffenheit der Substanzen, mit denen der Landwirt zu tun hat,
die muß man unbedingt studiert haben, die geologischen
Gruppierungen, die atmosphärischen Vorkommnisse, die
Beschaffenheit des Erdbodens, des Gesteins, des Wassers, die
Dichtigkeit der verschiedenen Körper und ihre Kapillarität! Und
tausend andre Dinge! Dazu muß man mit den Grundsätzen der Hygiene
völlig vertraut sein, um den Bau von Gebäuden, die Unterhaltung
der Haus- und Arbeitstiere und die Ernährung der Dienstboten
leiten und kontrollieren zu können. Fernerhin, Frau Franz, muß man
die Botanik intus haben. Man muß die Pflanzen unterscheiden
können, verstehen Sie, die nützlichen von den schädlichen, die
nutzlosen und die nahrhaften, welche Arten man vertilgen und
welche man pflegen, welche man hier wegnehmen und dort anpflanzen
muß. Kurz und gut, man muß sich in der Wissenschaft auf dem
Laufenden halten, indem man die Broschüren und die öffentlichen
Bekanntmachungen liest, und immer auf dem Damme sein, um mit dem
Fortschritte zu gehen ...«
Die Wirtin ließ unterdessen den Eingang des Café Français nicht
aus den Augen. Der Apotheker redete weiter:
»Wollte Gott, unsre Agrarier wären zugleich Chemiker, oder sie
hörten wenigstens besser auf die Ratschläge der Wissenschaft! Da
habe ich kürzlich selbst eine große Abhandlung verfaßt, eine
Denkschrift von mehr als 72 Seiten, betitelt: »Der Apfelwein.
Seine Herstellung und seine Wirkung. Nebst einigen neuen
Betrachtungen hierüber.« Ich habe sie der »Rouener Agronomischen
Gesellschaft« übersandt, die mich daraufhin unter ihre
Ehrenmitglieder (Sektion Landwirtschaft, Abteilung für Pomologie)
aufgenommen hat. Ja, wenn so ein Werk gedruckt erschiene ...«
Der Apotheker hielt ein. Er merkte, daß Frau Franz von etwas ganz
andrem in Anspruch genommen war.
»Sehr richtig!« unterbrach er sich selber. »Eine unglaubliche
Spelunke!«
Die Löwenwirtin zuckte so heftig die Achseln, daß sich die Maschen
ihrer Trikottaille weit auseinanderzogen. Mit beiden Händen
deutete sie auf das Konkurrenzlokal, aus dem wüster Gesang
herüberhallte.
»Na! Lange wird die Herrlichkeit da drüben nicht mehr dauern!«
bemerkte sie. »In acht Tagen ist der Rummel alle!«
Homais trat erschrocken einen Schritt zurück. Die Wirtin kam die
drei Stufen herunter und flüsterte ihm ins Ohr:
»Was? Das wissen Sie nicht? Noch in dieser Woche wird er
ausgepfändet und festgesetzt. Lheureux hat ihm den Hals
abgeschnitten. Mit Wechseln!«
»Eine fürchterliche Katastrophe!« rief der Apotheker aus, der für
alle möglichen Ereignisse immer das passende Begleitwort zur Hand
hatte.
Die Löwenwirtin begann ihm nun die ganze Geschichte zu erzählen.
Sie wußte sie von Theodor, dem Diener des Notars. Obgleich sie
Tellier, den Besitzer des Café Français, nicht ausstehen konnte,
mißbilligte sie doch das Vorgehen von Lheureux. Sie nannte ihn
einen Gauner, einen Halsabschneider.
»Da! Sehen Sie!« fügte sie hinzu. »Da geht er! Unter den Hallen!
Jetzt begrüßt er Frau Bovary. Sie hat einen grünen Hut auf und
geht am Arm von Herrn Boulanger.«
»Frau Bovary!« echote Homais. »Ich muß ihr schnell guten Tag
sagen. Vielleicht ist ihr ein reservierter Platz auf der Tribüne
vor dem Rathause erwünscht.«
Ohne auf die Löwenwirtin zu hören, die ihm ihre lange Geschichte
weitererzählen wollte, stolzierte der Apotheker davon. Mit
lächelnder Miene grüßte er nach links und rechts, wobei ihn die
langen Schöße seines schwarzen Rockes im Winde umflatterten, daß
er wer weiß wieviel Raum einnahm.
Rudolf hatte ihn längst bemerkt. Er beschleunigte seine Schritte.
Da aber Emma außer Atem kam, ging er wieder langsamer. Lachend und
in brutalem Tone sagte er zu ihr:
»Ich wollte nur dem Dicken entgehen, wissen Sie, dem Apotheker!«
Sie versetzte ihm eins mit dem Ellbogen.
»Was soll das heißen?« fragte er sie. Dabei blinzelte er sie im
Weitergehen von der Seite an.
Ihr Gesicht blieb unbeweglich; nichts darin verriet ihre Gedanken.
Die Linie ihres Profils schnitt sich scharf in die lichte Luft,
unter der Rundung ihres Kapotthutes, dessen blaßfarbene
Bindebänder wie Schilfblätter aussahen. Ihre Augen blickten
geradeaus unter ihren etwas nach oben gebogenen langen Wimpern.
Obgleich sie völlig geöffnet waren, erschienen sie doch ein wenig
zugedrückt durch den oberen Teil der Wangen, weil das Blut die
feine Haut straffte. Durch die Nasenwand schimmerte Rosenrot, und
zwischen den Lippen glänzte das Perlmutter ihrer spitzen Zähne.
Den Kopf neigte sie zur einen Schulter.
»Mokiert sie sich über mich?« fragte sich Rudolf.
In Wirklichkeit hatte der Ruck, den ihm Emma versetzt hatte, nur
ein Zeichen sein sollen, daß Lheureux neben ihnen herlief. Von
Zeit zu Zeit redete der Händler die beiden an, um mit ihnen ins
Gespräch zu kommen.
»Ein herrlicher Tag heute! -- Alle Welt ist auf den Beinen! -- Wir
haben Ostwind!«
Frau Bovary wie Rudolf gaben kaum eine Antwort, während Lheureux
bei der geringsten Bewegung, die eins der beiden machte, mit einem
ewigen »Wie meinen?« dazwischenfuhr, wobei er jedesmal den Hut
lüftete.
Vor der Schmiede bog Rudolf mit einem Male von der Hauptstraße ab
in einen Fußweg ein. Er zog Frau Bovary mit sich und rief laut:
»Leben Sie wohl, Herr Lheureux! Viel Vergnügen!«
»Den haben Sie aber fein abgeschüttelt!« lachte Emma.
»Warum sollen wir uns von fremden Leuten belästigen lassen?«
meinte Rudolf. »Noch dazu heute, wo ich das Glück habe, mit
Ihnen ...«
Sie wurde rot. Er vollendete seine Phrase nicht und sprach vom
schönen Wetter und wie hübsch es sei, so durch die Fluren
spazieren zu gehen.
Ein paar Gänseblümchen standen am Raine.
»Die niedlichen Dinger da!« sagte er. »Und so viele! Genug Orakel
für die verliebten Mädels des ganzen Landes!« Ein paar Augenblicke
später setzte er hinzu: »Soll ich welche pflücken? Was denken Sie
darüber?«
»Sind Sie denn verliebt?« fragte Emma und hustete ein wenig.
»Wer weiß?« meinte Rudolf.
Sie kamen auf die Festwiese, auf der das Gedränge immer mehr
zunahm. Bauersfrauen mit Riesenregenschirmen, einen Korb am einen
und einen Säugling im andern Arme, rempelten sie an. Häufig mußten
sie Platz machen, wenn eine lange Reihe nach Milch riechender
Dorfschönen in blauen Strümpfen, derben Schuhen und silbernen
Ohrringen vorbeizog, alle Hand an Hand.
Die Preisverteilung fand statt. Die Züchter traten, einer nach dem
andern, in eine Art Arena, die durch ein langes Seil an Pfählen
gebildet wurde. Innerhalb des so abgegrenzten Raumes standen die
Tiere, mit den Schnauzen nach außen, die ungleich hohen Kruppen in
einer unordentlichen Richtungslinie. Schläfrige Schweine wühlten
mit ihren Rüsseln in der Erde. Kälber brüllten, Schafe blökten.
Kühe lagen hingestreckt, die Bäuche im Grase, die Beine
eingezogen, kauten gemächlich wieder und zuckten mit ihren
schwerfälligen Lidern, wenn die sie umschwärmenden Bremsen
stachen. Pferdeknechte, die Arme entblößt, hielten an
Trensenzügeln steigende Zuchthengste, die mit geblähten Nüstern
nach der Seite hin wieherten, wo die Stuten standen. Diese
verhielten sich friedlich und ließen die Köpfe und Mähnen hängen,
während ihre Füllen in ihrem Schatten ruhten und ab und zu an
ihnen saugten. Über der wogenden Masse aller dieser Leiber sah man
von weitem hie und da das Weiß einer Mähne wie eine Springflut im
Winde aufwehen oder ein spitzes Horn hervorspringen, und überall
dazwischen die Häupter wimmelnder Menschen. Außerhalb der
Umseilung, etwa hundert Schritte davon entfernt, stand --
unbeweglich wie aus Bronze gegossen -- ein großer schwarzer Stier
mit verbundenen Augen und einem Eisenring durch die Nase. Ein
zerlumptes Kind hielt ihn an einem Stricke.
Ein paar Herren schritten langsam zwischen den beiden Reihen hin,
besichtigten jedes Tier einzeln und eingehend und berieten sich
jedesmal hinterher in flüsternder Weise. Einer von ihnen, offenbar
der Einflußreichste, schrieb im Gehen Bemerkungen in ein Buch. Das
war der Vorsitzende der Preisrichter, Herr Derozerays, Besitzer
des Rittergutes La Panville. Als er Rudolf bemerkte, ging er
lebhaft auf ihn zu und sagte verbindlich-freundlich zu ihm:
»Herr Boulanger, Sie lassen uns ja im Stich?«
Rudolf versicherte, er werde gleich zur Stelle sein. Als er jedoch
außer Hörweite des Vorsitzenden war, meinte er:
»Der Fuchs soll mich holen, wenn ich hinginge! Ich bleibe lieber
bei Ihnen!«
Er machte seine Witze über das Preisrichterkollegium, was ihn aber
nicht abhielt, seinen eignen Ausweis als Mitglied des
Festausschusses mit Grandezza zu zeigen, wenn er irgendwo
durchwollte, wo ein Schutzmann stand. Mehrfach blieb er auch vor
dem oder jenem »Prachtstück« stehen. Frau Bovary bewunderte nichts
mit. Das beobachtete er, und nun begann er spöttische Bemerkungen
über die Toiletten der Damen von Yonville loszulassen. Dabei
entschuldigte er sich, daß er selber auch nicht elegant gehe.
Seine Kleidung war ein Nebeneinander von Alltäglichkeit und
Ausgesuchtheit. Der oberflächliche Menschenkenner hält derlei
meist für das äußere Kennzeichen einer exzentrischen Natur, die
bizarr in ihrem Gefühlsleben, künstlerisch beanlagt und allem
Herkömmlichen abhold ist, und empfindet Ärgernis oder Bewunderung
davor. Rudolfs weißes Batisthemd mit gefälteten Manschetten
bauschte sich im Ausschnitt seiner grauen Flanellweste, wie es dem
Winde gerade gefiel; seine breitgestreiften Hosen reichten nur bis
an die Knöchel und ließen die gelben Halbschuhe ganz frei, auf
deren spiegelblanke Lackspitzen das Gras Reflexe warf. Er trat
unbekümmert in die Pferdeäpfel. Eine Hand hatte er in der
Rocktasche, und der Hut saß ihm schief auf dem Kopfe.
»Ein Bauer wie ich ...«, meinte er.
»Bei dem ist Hopfen und Malz verloren«, scherzte Emma.
»Sehr richtig! Übrigens ist kein einziger von all diesen
Biedermännern imstande, den Schnitt eines Rockes zu beurteilen.«
Dann sprachen sie von dem Leben in der Provinz, wo die Eigenart
des einzelnen erstickt und das Leben keinen Schwung hat.
»Darum verfalle ich der Melancholie ...«, sagte er.
»Sie?« erwiderte Emma erstaunt. »Ich halte Sie gerade für sehr
lebenslustig.«
»Ach, das sieht nur so aus! Weil ich vor den Leuten die Maske des
Spötters trage. Aber wie oft habe ich mich beim Anblick eines
Friedhofes im Mondenscheine gefragt, ob einem nicht am wohlsten
wäre, wenn man schliefe, wo die Toten schlafen ...«
»Sie haben doch Freunde. Vergessen Sie die nicht!«
»Ich? Freunde? Welche denn? Ich habe keine. Um mich kümmert sich
niemand.«
Dabei gab er einen pfeifenden Ton von sich.
Sie mußten sich einen Augenblick voneinander trennen, weil sich
ein Mann zwischen sie drängte, der einen Turm von Stühlen
schleppte. Er war derartig überladen, daß man nichts von ihm sah
als seine Holzpantoffeln und seine Ellbogen. Es war Lestiboudois,
der Totengräber, der ein Dutzend Kirchenstühle herbeischaffte.
Findig, wie er immer war, wo es etwas zu verdienen gab, war er auf
den Einfall gekommen, aus dem Bundestage seinen Vorteil zu
schlagen. Und damit hatte er sich nicht verrechnet; er wußte gar
nicht, wen er zuerst befriedigen sollte. Die Bauern, denen es heiß
war, rissen sich förmlich um diese Stühle, deren Strohsitze nach
Weihrauch dufteten. Sie lehnten sich mit wahrer Kirchenstimmung
gegen die hohen wachsbeklecksten Stuhlrücken.
Frau Bovary nahm Rudolfs Arm von neuem. Er fuhr fort, als spräche
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