In Gedanken fing er nun an, seine Vorbereitungen zu treffen. Er
machte heimliche Pläne. Er träumte sich sein Pariser Zimmer aus.
Dort wollte er das Leben eines Bohémien führen. Gitarre wollte er
spielen lernen, einen Schlafrock tragen, dazu ein Samtbarett und
Hausschuhe aus blauem Plüsch. Und über dem Kamin sollten zwei
gekreuzte Floretts hängen, ein Totenschädel darüber und die
Gitarre darunter. Wundervoll!
Das Schwierige war nur, die Einwilligung seiner Mutter zu
bekommen. Aber im Grunde war sein Plan doch der
allervernünftigste! Sogar sein Chef redete ihm zu, sich in einer
andern Kanzlei weiter auszubilden. So entschied sich Leo zunächst
zu einem Mittelding. Er bewarb sich um einen Adjunktenposten in
Rouen. Als ihm dies mißlang, schrieb er schließlich seiner Mutter
einen langen Brief, in dem er ihr ausführlich auseinandersetzte,
warum er ohne weiteres nach Paris übersiedeln wollte. Sie war
damit einverstanden.
Trotz alledem beeilte er sich keineswegs. Volle vier Wochen lang
gingen von Yonville nach Rouen und von Rouen nach Yonville Koffer,
Rucksäcke und Pakete für ihn hin und her. Er vervollständigte
seine Garderobe, ließ seine drei Lehnstühle aufpolstern, schaffte
sich einen Vorrat von seidnen Halstüchern an, kurz und gut, er
traf Vorbereitungen, als wolle er eine Reise um die Welt antreten.
So verstrich Woche auf Woche, bis ein zweiter mütterlicher Brief
seine Abreise beschleunigte. Er hätte doch die Absicht, ein Examen
nach einem Semester zu machen.
Als der Augenblick des Abschieds gekommen war, da weinte Frau
Homais, Justin heulte, und Homais verbarg seine Rührung, wie sich
das für einen ernsten Mann schickt. Er ließ es sich jedoch nicht
nehmen, den Mantel seines Freundes eigenhändig bis zur
Gartenpforte des Notars zu tragen, wo des letzteren Kutsche
wartete, die den Scheidenden nach Rouen fahren sollte.
Im letzten Viertelstündchen machte Leo seinen Abschiedsbesuch im
Hause des Arztes.
Als er die Treppe hinaufgestiegen war, blieb er stehen, um Atem zu
schöpfen. Bei seinem Eintritt kam ihm Frau Bovary lebhaft
entgegen.
»Da bin ich noch einmal!« sagte Leo.
»Ich hab es erwartet!«
Emma biß sich auf die Unterlippe. Eine Blutwelle schoß unter der
Haut ihres Gesichts hin und färbte es über und über rot, vom
Halskragen an bis hinauf zu den Haarwurzeln. Sie blieb stehen und
lehnte die Schulter gegen die Holztäfelung.
»Ihr Herr Gemahl ist wohl nicht zu Hause?«
»Er ist fort.«
Dann trat Schweigen ein. Sie sahen sich beide an, und ihre
Gedanken, von gleichem Bangen durchwoben, schmiegten sich
aneinander wie zwei klopfende Herzen.
»Ich möchte Berta gern einen Abschiedskuß geben«, sagte Leo.
Emma ging hinaus, ein paar Stufen hinunter, und rief Felicie. Leo
warf schnell einen heißen Blick auf die Wände, die Möbel, den
Kamin, als wollte er alles umfassen, alles mit sich nehmen. Aber
da war sie auch schon wieder im Zimmer. Das Mädchen brachte die
kleine Berta, die einen Hampelmann an einem Faden in der Hand
hielt, verkehrt, den Kopf nach unten.
Leo küßte die Kleine ein paarmal auf die Stirn.
»Lebwohl, armes Kind! Lebwohl, liebes Bertchen! Lebwohl!«
Er gab das Kind der Mutter zurück.
»Bring sie weg!« befahl Emma.
Sie waren wiederum allein.
Frau Bovary wandte Leo den Rücken zu und preßte ihr Gesicht gegen
eine Fensterscheibe. Er hielt seine Reisemütze in der Hand und
schlug damit leise gegen seinen Schenkel.
»Es wird wohl regnen«, bemerkte Emma.
»Ich habe einen Mantel«, antwortete er.
»So!«
Sie wandte sich wieder um, das Kinn gesenkt. Das Licht glitt über
ihre vorgebeugte Stirn wie über glatten Marmor bis hinab in die
Augenbrauen. Man konnte nicht sehen, was in ihren Augen
geschrieben stand, noch was die Gedanken dahinter sannen.
»Also adieu!« seufzte Leo.
Sie hob den Kopf mit einer jähen Bewegung.
»Ja, adieu! Sie müssen gehen!«
Sie kamen aufeinander zu. Er reichte ihr die Hand hin. Sie zögerte.
»Sozusagen ein französischer Abschied!« meinte sie, indem sie ihm
die Hand überließ. Dabei lächelte sie gezwungen.
Leo fühlte ihre Finger in den seinen. Es kam ihm vor, als ströme
ihr ganzes Ich in seine Haut. Als er seine Hand wieder öffnete,
begegneten sich beider Augen noch einmal. Dann ging er.
Als er unter den Hallen war, blieb er stehen, wobei er sich hinter
einem Pfeiler verbarg. Er wollte ein letztes Mal ihr weißes Haus
mit seinen vier grünen Fensterläden sehen. Da vermeinte er, ihren
Schatten hinter der Gardine ihres Zimmers zu erblicken. Aber der
Vorhang hatte sich wohl von selbst gebauscht und fiel nun wieder
langsam in seine langen senkrechten Falten zurück, in denen er
dann regungslos stehen blieb wie eine Mauer von Gips. Leo eilte
von dannen.
Von weitem sah er schon den Wagen seines Chefs auf der Straße
halten. Ein Mann in leinenem Kittel stand daneben und hielt das
Pferd. Der Apotheker und der Notar plauderten miteinander. Man
wartete auf ihn.
»Lassen Sie sich noch einmal umarmen!« sagte Homais, Tränen in den
Augen. »Hier ist Ihr Mantel, mein lieber Freund! Erkälten Sie sich
unterwegs nicht! Schonen Sie sich recht und nehmen Sie sich
ordentlich in acht!«
»Einsteigen, Herr Düpuis!« mahnte der Notar.
Der Apotheker beugte sich über das Spritzleder und stammelte mit
tränenerstickter Stimme nichts als die beiden wehmütigen Worte:
»Glückliche Reise!«
»Guten Abend, Herr Apotheker!« rief Guillaumin. »Los!«
Die beiden fuhren weg, und Homais wandte sich heimwärts.
* * * * *
Frau Bovary hatte das nach dem Garten gehende Fenster ihres
Zimmers geöffnet und betrachtete die Wolken. In der Richtung nach
Rouen, nach Westen zu, standen sie zusammengeballt. Leichteres
finsteres Gewölk zog von daher im raschen Fluge heran,
durchleuchtet von schrägen Sonnenstrahlen, die wie die goldnen
Strahlenbündel einer aufgehängten Trophäe hervorschossen. Der
übrige wolkenlose Teil des Himmelszeltes war weiß wie Porzellan.
Ruckweise Windstöße beugten die Häupter der Pappeln; plötzlich
rauschte Regen herab und prasselte durch das grünschimmernde
Laubwerk. Bald kam die Sonne wieder heraus. Die Hennen gackerten.
Die Spatzen schüttelten ihre Flügel auf dem nassen Gezweig, und in
den Wasserrinnen auf dem sandigen Boden schwammmen rote
Akazienblüten.
»Wie weit mag er nun schon sein!« dachte sie.
Halb sieben, beim Essen, erschien Homais gewohnterweise.
»Na,« sagte er, indem er sich an den Tisch setzte, »unsern jungen
Freund hätten wir glücklich verfrachtet!«
»Wie man mir berichtet hat«, gab der Arzt zur Antwort. Sich auf
seinem Stuhle nach ihm wendend, fuhr er fort: »Und was gibts bei
Ihnen Neues?«
»Nichts weiter. Meine Frau war heute nachmittag nur ein bißchen
aufgeregt. Sie wissen, die Frauen sind immer gleich aus dem
Häuschen. Und meine ganz besonders! Aber man soll ihnen daraus
keinen Vorwurf machen. Ihre Nerven sind eben zarter besaitet als
unsre.«
»Der arme Leo,« bemerkte Karl, »wie wirds ihm in Paris ergehen?
Wird er sich dort einleben?«
Frau Bovary seufzte.
»Natürlich!« meinte der Apotheker und schnalzte mit der Zunge.
»Feine Soupers! Maskenbälle! Sekt! Daran gewöhnt man sich schon,
versichre ich Ihnen.«
»Ich glaube nicht, daß er unsolid werden wird«, warf Bovary
ein.
»Gott bewahre!« entgegnete Homais lebhaft. »Aber mit den Wölfen
wird er halt heulen müssen. Sonst wird er als Duckmäuser
verschrien. Sie haben keine Ahnung, was diese Kerlchens im
Studentenviertel für ein flottes Leben führen! Mit ihren kleinen
Mädchen! Übrigens sind die Studenten in Paris überall gern
gesehen. Wenn einer nur ein bißchen gesellige Talente hat, stehen
ihm die allerbesten Kreise offen. Und es gibt sogar in der
Vorstadt Saint-Germain feine Damen, die sich Studenten zu Liebsten
nehmen, und das gibt ihnen dann die beste Gelegenheit, sich reich
zu verheiraten.«
»Das mag schon sein,« sagte der Arzt, »ich habe nur Angst,
er ... wird ... dort ...«
»Sehr richtig,« unterbrach ihn der Apotheker, »das ist die
Kehrseite der Medaille! In Paris, da muß man sich fortwährend die
Taschen zuhalten. Zum Beispiel, Sie sitzen in einer öffentlichen
Anlage. Nimmt da jemand neben Ihnen Platz, anständig angezogen,
womöglich ein Ordensbändchen im Knopfloch. Man könnte ihn für
einen Diplomaten halten. Er spricht Sie an. Sie kommen ins
Plaudern. Er bietet Ihnen eine Prise an oder hebt Ihnen den Hut
auf. So wird man intimer. Er nimmt Sie mit ins Café, ladet Sie in
sein Landhaus ein, macht Sie bei einem Glas Wein mit Tod und
Teufel bekannt -- und das Ende vom Liede: er pumpt Sie an oder
verstrickt Sie in gefährliche Abenteuer.«
»So ist es!« gab Karl zu. »Aber ich dachte vor allem an die
Krankheiten, die dem Studenten aus der Provinz in der Großstadt
drohen. Zum Beispiel ... der Typhus.«
Emma zuckte zusammen.
»Der kommt von der gänzlich veränderten Lebensweise«, fuhr der
Apotheker fort, »und der dadurch hervorgebrachten Umwälzung des
ganzen Organismus. Und dann denken Sie an das Pariser Wasser! An
das Essen in den Restaurants! Diese starkgewürzten Speisen
verderben schließlich das Blut. Man mag sagen, was man will, mit
einer guten Hausmannskost sind sie nicht zu vergleichen. Ich für
meinen Teil, ich schätze von jeher die bürgerliche Küche. Die ist
am gesündesten. Als ich stud. pharm. in Rouen war, da habe
ich deshalb regelmäßig in einer Pension gegessen. Die Herren
Professoren aßen auch da ...«
In dieser Weise fuhr er fort, sich über seine Ansichten im
allgemeinen und seinen persönlichen Geschmack im besondern
auszulassen, bis Justin kam und ihn zur Bereitung einer bestellten
Arznei holte.
»Man hat aber auch keinen Augenblick seine Ruhe!« schimpfte er.
»Immer liegt man an der Kette! Keine Minute kann man fort. Ein
Arbeitstier bin ich, das Blut schwitzen muß. Das ist ein
Hundedasein!«
In der Tür sagte er noch:
»Übrigens, wissen Sie schon das Neueste?«
»Was denn?«
Homais zog die Brauen hoch und machte eine hochwichtige Miene.
»Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Versammlung der Landwirte
unsers Departements heuer in Yonville stattfindet. Man munkelt
wenigstens. In der heutigen Zeitung steht auch schon eine
Andeutung. Das wäre für die hiesige Gegend von großer Bedeutung!
Aber darüber reden wir noch einmal! Danke, ich sehe schon. Justin
hat die Laterne mit ...«
Siebentes Kapitel
Der nächste Tag war für Emma ein Tag der Betrübnis. Alles um sie
herum erschien ihr wie von lichtlosem Nebel umflort, verschwommen,
zerrissen. Der Schmerz strich durch ihre Seele mit leisen Klagen
wie der Winterwind um ein einsames Schloß. Sie verfiel in die
Träumerei, die den Menschen umspinnt, wenn er etwas auf immerdar
verloren hat. Sie empfand die Müdigkeit, die ihn der vollendeten
Tatsache gegenüber übermannt, den Schmerz, der ihn überkommt, wenn
eine ihm zur Gewohnheit gewordne Bewegung plötzlich stockt, wenn
Schwingungen jäh aufhören, die lange in ihm vibriert haben.
Wie damals nach der Rückkehr vom Schlosse Vaubyessard, als die
wirbelnden Walzermelodien ihr nicht aus dem Sinne wollten, war sie
voll düsterer Schwermut, in dumpfer Lebensunlust. Leo stand vor
ihrer Phantasie immer größer, schöner, verführerischer. Wie ein
Ideal. Wenn er auch fern von ihr war, so hatte er sie doch nicht
verlassen. Er war da, und an den Wänden ihres Hauses schien sein
Schatten noch zu haften. Immer wieder schaute sie auf den Teppich,
über den er so oft gegangen, auf die leeren Stühle, wo er
gesessen. Draußen kroch das Flüßlein noch immer vorbei mit seinen
niedlichen Wellen, zwischen den schlammigen Ufern hin. An seinem
Gestade waren sie so oft gewandelt, bei dem Rauschen der Fluten um
die moosigen Steine. Wie warm hatte da die Sonne geschienen! Wie
traulich waren die Nachmittage gewesen, wenn sie hinten im
schattigen Garten allein gesessen hatten! Er hatte laut
vorgelesen, bloßen Kopfes, in einem Korbstuhl sitzend. Der frische
Wind, der drüben von den Wiesen her wehte, hatte die Blätter des
Buches bewegt und die violetten Blüten der Glycinen an der Laube
... Ach, nun war er fort, die einzige Freude ihres Daseins, die
einzige Hoffnung, daß sich ihr das erträumte Glück noch erfülle!
Warum hatte sie dieses Glück nicht mit beiden Händen festgehalten,
in den Schoß genommen, es nicht in die Ferne gelassen? Sie
verwünschte sich, Leos Geliebte nicht geworden zu sein. Sie
dürstete nach seinen Lippen. Am liebsten wäre sie ihm
nachgelaufen, hätte sich in seine Arme geworfen und ihm gesagt:
»Hier bin ich! Nimm mich!« Aber vor den Hindernissen, die sich der
Verwirklichung dieses Dranges entgegengestellt hätten, verzagte
Emma von vornherein, und der Schmerz darüber schürte ihre
Sehnsucht zu noch heißerer Glut.
Fortan war die Erinnerung an Leo der Kristallisationspunkt ihrer
Bitternisse. Sie flackerte verlockender als ein einsames
Lagerfeuer, das Wanderer in einer sibirischen Steppe inmitten des
Schnees angezündet haben. Zu diesem Feuer flüchtete sie, kauerte
sich daneben nieder und fachte es sorgfältig wieder an, wenn es zu
verlöschen drohte. Im Umkreise um sich herum suchte sie alles
mögliche herbei, um diese Flammen zu nähren. Die fernsten
Erinnerungen und die frischesten Ereignisse, Erlebtes und
Erträumtes, die wuchernden Phantastereien ihrer Sinnlichkeit, ihre
Sehnsucht nach Sonne, geknickt wie trocknes Gezweig im Wind, ihre
nutzlose Tugend, ihre getäuschten Illusionen, die Armseligkeit
ihres Hauswesens, alles das sammelte sie, raffte es zusammen und
warf es in die Glut, um ihre Trübsal daran zu wärmen.
Mit der Zeit verglomm das Feuer aber doch, sei es, weil ihm die
Nahrung fehlte, sei es, weil die Überfülle von Brennstoff es
erstickte. In der Abwesenheit des Geliebten verkam allmählich
ihre Liebe. Das Ineinemfort tötete den Schmerz, und am Himmel
ihrer Gefühle verblaßte der erst grellrote Feuerschein und wich
nach und nach schwarzem Dunkel. Während ihres phantastischen
Zustandes hatte sich ihr Widerwille gegen den Gatten in
Schwärmerei für den Geliebten verwandelt, und die Glut ihres
Hasses hatte ihre zärtliche Sehnsucht gewärmt. Aber nunmehr, da
ihre stürmische unbefriedigte Leidenschaft zu Asche gebrannt war,
das keine Hilfe kam und keine neue Sonne aufging, ward tiefe Nacht
um sie herum. In eisiger Kälte stand sie einsam da und erstarrte.
Die schrecklichen Tage von Tostes wiederholten sich nun. Nur
bildete sie sich ein, noch unglücklicher denn damals zu sein, weil
sie jetzt ein wirkliches Herzeleid trug und genau wußte, daß es
nie anders werden könne.
Eine Frau, die so viel geopfert, sei -- so sagte sie sich --
wohlberechtigt, sich ein paar harmlose Liebhabereien zu gönnen.
Sie schaffte sich einen gotischen Betstuhl an und verbrauchte in
vier Wochen für vierzehn Franken Zitronen zur Pflege ihrer Hände.
Sie schrieb nach Rouen und bestellte sich ein blaues
Kaschmirkleid. Bei Lheureux suchte sie sich den schönsten Schal
aus und trug ihn über ihrem Hauskleid. Sie schloß die Läden, nahm
ein Buch zur Hand und blieb so stundenlang auf dem Sofa liegen.
Häufig änderte sie ihre Haartracht. Bald trug sie eine hohe
Frisur, bald lose Locken, bald einen Kranz von Zöpfen, bald einen
Scheitel.
Sie geriet auf den Einfall, Italienisch lernen zu wollen, und so
kaufte sie sich ein Wörterbuch, eine Grammatik und eine Menge
Schreibpapier. Dann versuchte sie es mit ernsthafter Lektüre, las
Geschichtswerke und philosophische Schriften.
Nachts fuhr Karl mitunter in die Höhe, im Glauben, man hole ihn zu
einem Kranken. Noch halb im Schlafe rief er:
»Ich bin gleich fertig!«
Aber es war nur das Knistern des Streichholzes gewesen, mit dem
sich Emma die Lampe angezündet hatte. Sie wollte lesen. Aber es
ging ihr wie mit ihren Stickereien, von denen ein ganzer Stoß
angefangen im Schranke lag. Sie pflegte sie anzufangen, dann
liegen zu lassen und eine andre zu beginnen.
Sie hatte launenhafte Stimmungen, in denen man sie leicht zu dem
Unglaublichsten verleiten konnte. Einmal behauptete sie ihrem
Manne gegenüber, sie könne ein Weinglas voll Schnaps mit einem
Zuge leeren, und da Karl so töricht war, es zu bezweifeln, tat sie
es wirklich.
Bei allen ihren »Extravaganzen« (die Spießbürger von Yonville
nannten das so!) sah Emma keineswegs unternehmungslustig aus. Im
Gegenteil. Um ihre Mundwinkel lagerten sich jene gewissen starren
Falten, die alte Jungfern und verbissene Streber zu haben pflegen.
Sie war völlig blaß, weiß wie Leinwand; die Haut ihrer Nase
bildete nach den Flügeln zu Fältchen, und ihre Augen blickten wie
ins Leere. Seitdem sie an den Schläfen ein paar graue Haare
entdeckt hatte, nannte sie sich gesprächsweise eine alte Frau.
Oft hatte sie Schwindelanfälle, und eines Tages spuckte sie sogar
Blut. Aber als sich Karl eifrig um sie bemühte und seine Besorgnis
verriet, meinte sie:
»Laß mich! Es ist mir alles gleich!«
Karl zog sich in sein Sprechzimmer zurück. Er sank in seinen
Schreibsessel, stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und
weinte -- unter dem phrenologischen Schädel.
Nach einer Weile setzte er einen Brief an seine Mutter auf und bat
sie zu kommen. Es fand zwischen beiden eine lange Konferenz Emmas
wegen statt. Welche Maßnahmen sollten getroffen werden? Was
sollte geschehen? Wo sie jedwede ärztliche Behandlung ablehnte!
»Weißt du, was deiner Frau fehlt?« meinte Frau Bovary schließlich.
»Eine ordentliche Beschäftigung! Körperliche Arbeit! Wenn sie wie
so manch andre ihr tägliches Brot selber verdienen müßte, dann
hätte sie keine Nerven und Launen. Die kommen bloß von den
überspannten Ideen, die sie sich aus purer Langweile in den Kopf
setzt.«
»Beschäftigung hat sie doch aber!« erwiderte Karl.
»So! Sie hat Beschäftigung? Was für welche denn? Romane schmökert
sie, schlechte Bücher, Schriften gegen die Religion, in denen die
Geistlichen verhöhnt werden mit Redensarten aus dem Voltaire!
Armer Junge, das führt zu nichts Gutem, und wer kein guter Christ
ist, mit dem nimmt es mal ein schlechtes Ende!«
Also ward beschlossen, Emma am Romanlesen zu hindern. Das schien
nicht so einfach, aber Mutter Bovary nahm die Sache auf sich. Auf
ihrer Heimreise wollte sie in Rouen persönlich zum
Leihbibliothekar gehen und Emmas Abonnement abbestellen. Wenn der
Mann trotzdem sein Vergiftungswerk fortsetzte, sollte man da nicht
das Recht haben, sich an die Polizei zu wenden?
Der Abschied zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter war
steif. In den drei Wochen ihres Beisammenseins hatten sie,
abgesehen von den häuslichen Anordnungen und den höflichen Formeln
bei Tisch und abends vor dem Zubettgehen, keine drei Worte
gewechselt.
Die alte Frau Bovary reiste ab an einem Mittwoch, dem Markttage
von Yonville. Vom frühen Morgen ab war an diesem Tage auf dem
Marktplatz, gleichlaufend mit den Häusern von der Kirche bis zum
Goldnen Löwen, eine lange Reihe von Leiterwagen aufgefahren,
Fahrzeug an Fahrzeug, alle mit hochgespießten Deichseln. Auf der
andern Seite des Platzes standen Zeltbuden, in denen
Baumwollenwaren, Decken und Strümpfe feilgeboten wurden, daneben
Pferdegeschirre und Haufen von bunten Bändern, deren Enden im
Winde flatterten. Zwischen Eierpyramiden und Käsekörben, aus denen
klebriges Stroh herausragte, lagen allerhand Eisenwaren auf dem
Pflaster ausgebreitet. Neben Ackergerät gackerten Hühner in
flachen Körben und steckten ihre Hälse durch die Luftlöcher. Die
Menge schob sich, ohne zu weichen, gerade nach den Stellen, wo das
Gedränge schon am dichtesten war. So geriet bisweilen das
Schaufenster der Apotheke wirklich in Gefahr. An den Markttagen
ward diese nie leer. Es standen immer eine Menge Leute darin,
weniger um Arzneien zu kaufen als vielmehr um den Apotheker zu
konsultieren. Herr Homais war in den benachbarten Ortschaften ein
berühmter Mann. Seine rücksichtslose Sicherheit fing die Bauern.
Sie hielten ihn für einen besseren Arzt als alle Doktoren im
ganzen Lande.
Emma saß an ihrem Fenster, wie so oft. Das Fenster ersetzt in der
Kleinstadt das Theater und den Korso. Sie belustigte sich über das
wimmelnde Landvolk; da bemerkte sie einen Herrn in einem Rock von
grünem Samt, mit gelben Handschuhen; sonderbarerweise trug er dazu
derbe Gamaschen. Ein Bauersknecht mit gesenktem Kopf und recht
trübseliger Miene folgte ihm. Beide gingen auf das Bovarysche Haus
zu.
»Ist der Herr Doktor zu sprechen?« fragte der Herr den
Apothekergehilfen, der an der Haustüre mit Felicie plauderte. Er
hielt ihn für den Diener des Arztes. »Melden Sie Herrn Rudolf
Boulanger von der Hüchette.«
Es war keineswegs Eitelkeit, daß der Ankömmling sein Gut zu seinem
Namen fügte. Er wollte nur genau angeben, wer er war. Die Hüchette
war nämlich ein Rittergut in der Nähe von Yonville, das er samt
zwei Meiereien unlängst gekauft hatte. Er bewirtschaftete es
selber, jedoch ohne sich allzusehr dabei anzustrengen. Er war
Junggeselle und hatte »so mindestens seine fünfzehntausend
Franken« im Jahr zu verzehren.
Karl begab sich in sein Sprechzimmer hinunter. Boulanger überwies
ihm seinen Knecht, der einen Aderlaß wünsche, weil er am ganzen
Körper ein Kribbeln wie von Ameisen habe.
»Das wird mich erleichtern«, wiederholte der Bursche auf alle
Einwände. Bovary ließ sich nunmehr eine Leinwandbinde und eine
Schüssel bringen. Er bat Justin, behilflich zu sein.
Dann wandte er sich an den Knecht, der schon ganz blaß geworden
war.
»Nur keine Angst, mein Lieber!«
»Ach nee, Herr Doktor, machen Sie nur los!« erwiderte er.
Dabei hielt er mit prahlerischer Gebärde seinen dicken Arm hin.
Unter dem Stich der Lanzette sprang das Blut hervor und spritzte
bis zum Spiegel hin.
»Die Schüssel!« rief Karl.
»Donnerwetter!« meinte der Knecht. »Das ist ja der reine
Springbrunnen! Und wie rot das Blut ist! Das ist ein gutes
Zeichen, nicht wahr?«
Bei diesen Worten sank der Mann mit einem Ruck in den Sessel
zurück, daß die Lehne krachte.
»Das hab ich mir gleich gedacht!« bemerkte Bovary, indem er mit
den Fingern die angestochne Ader zudrückte. »Erst gehts ganz gut,
dann kommt die Ohnmacht, gerade bei solchen robusten Kerlen wie
dem da!«
Die Schüssel in Justins Händen geriet ins Schwanken. Die Knie
schlotterten ihm; er wurde leichenfahl.
»Emma! Emma!« rief der Arzt.
Mit einem Satze war sie die Treppe hinunter.
»Essig!« rief ihr Karl zu. »Ach du mein Gott! Gleich zweie auf
einmal!«
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