über dem Bauche gefaltet, die Füße behaglich gegen die Glut
gestemmt, die Backen noch rot vom Mahle und die Äuglein in eitel
Wonne schwimmend, vor sich das Kind, das auf dem Teppich
herumrutschte, und daneben die feinlinige schlanke Frau, wie sie
sich über die Lehne seines Großvaterstuhls beugte und ihm einen
Kuß auf die Stirn gab, -- dann sagte er sich:
»Ich Narr! Nie wird sie die meine werden!«
Sie kam ihm ebenso vollkommen wie unnahbar vor, und ihm schwand
jede, auch die leiseste Hoffnung. In seiner Resignation begann er
sie zu vergöttern. Allmählich verlor sie in seinen Augen ihre
Körperlichkeit, die nun einmal doch für ihn nicht da war. Vor
seiner Phantasie schwebte sie immer höher, umstrahlt von einer
Gloriole. Seine reine Liebe hatte nichts mehr mit seinem
Alltagsleben zu tun; sie ward zu einem Heiligenkult, dessen
Verlust mehr Schmerz bereitet, als der körperliche Besitz der
Geliebten Genuß gewährt.
Emma magerte ab, ihre Wangen verloren die Farbe, ihr Gesicht wurde
schmächtiger. Mit ihrem schwarzen gescheitelten Haar, ihren großen
Augen, ihrer gerade geschnittenen Nase, ihrem Vogelgange und ihrer
jetzigen Schweigsamkeit schien sie durchs Leben zu schreiten, ohne
den Erdboden zu berühren, und es war, als trüge sie auf der Stirne
das geheimnisvolle Mal einer höheren Bestimmung. Sie war so
traurig und so still, so sanft und dabei so unnahbar, daß man ihre
Gegenwart wie eine eiskalte Wonne empfand. Geradeso mischt sich in
den Kirchen in den Duft der Rosen die Kälte des Marmors, so daß
man zusammenschauert. Es lag ein seltsamer Zauber darin, dem
niemand entrann.
»Sie ist eine Frau großen Stils,« sagte der Apotheker einmal, »sie
müßte einen Minister zum Manne haben!«
Die Spießbürger rühmten ihre Sparsamkeit, die Patienten ihr
höfliches Wesen, die armen Leute ihren milden Sinn.
Innerlich aber war sie voller Begierden, voll Grimm und Haß.
Hinter ihrem klösterlichen Kleid stürmte ein weltverlangendes
Herz, und ihre keuschen Lippen verheimlichten alle Qualen der
Sinnlichkeit. Sie war in Leo verliebt. Sie suchte die Einsamkeit,
um in der Vorstellung ungestört zu schwelgen. Diese Wollust der
Träume ward ihr durch den leibhaftigen Anblick des Geliebten nur
gestört. Beim Hören seiner Tritte zitterte sie. Sobald er aber
eintrat, verflog diese Erregung, und sie fühlte nichts als
namenlose Verwunderung und tiefe Schwermut.
Leo ahnte nicht, daß Emma ans Fenster eilte, um ihm nachzusehen,
wenn er entmutigt von ihr gegangen war. Voller Unruhe beobachtete
sie alle seine Bewegungen und forschte in seinen Augen. Sie erfand
einen ganzen Roman, nur um einen Vorwand zu haben, sein Zimmer
einmal zu sehen. Die Apothekerin erschien ihr beneidenswert, weil
sie mit ihm unter einem Dache schlafen durfte. Ihre Gedanken
ließen sich immer wieder auf seinem Hause nieder, just wie die
Tauben vom Goldnen Löwen, die hingeflogen kamen, um ihre roten
Stelzen und weißen Flügel in der Dachrinne zu netzen.
Je klarer sich Emma ihrer Leidenschaft bewußt ward, um so mehr
drängte sie sie zurück. Ihre Liebe sollte unsichtbar und klein
bleiben. Wohl war es ihr Sehnen, daß Leo die Wahrheit bemerke; sie
erträumte sich Zufälle und Katastrophen, die dies herbeiführten.
Aber ihre Passivität, die Angst vor der Entscheidung und auch ihr
Schamgefühl hielten sie zurück. Sie bildete sich ein, sie hätte
sich ihn bereits allzusehr entfremdet, es wäre nun zu spät und
alles sei verloren. Und dann sagte sie sich voll Stolz und Freude:
»Ich bin eine anständige Frau geblieben!« Sie stellte sich vor den
Spiegel in der Pose der Resignation. Das tröstete sie ein wenig ob
des Opfers, das sie zu bringen wähnte.
Ihre unbefriedigte Sinnlichkeit, ihre Lüsternheit nach Reichtum
und Luxus und ihre schwermütige Liebe ergaben alles in allem ein
einziges Weh. Statt aber ihre Gedanken andern Dingen zuzuwenden,
verlor sie sich immer mehr in dieses Leid, gefiel sich darin und
trug es in alle Einzelheiten ihres Lebens. Ein ungeschickt
serviertes Gericht, eine offengelassene Türe brachte sie in
Aufregung. Ein hübsches Kleid, das sie nicht haben konnte, ein
Vergnügen, auf das sie verzichten mußte, machte sie unglücklich.
Weil sich ihre kühnen Träume nicht erfüllten, ward ihr das Haus zu
eng.
Daß Karl keine Dulderin in ihr sah, das empörte sie am
allermeisten. Seine felsenfeste Überzeugung, daß er seine Frau
glücklich mache, dünkte sie Beschränktheit, Beleidigung,
Undankbarkeit. Für wen war sie denn so vernünftig? War es nicht
gerade Karl, der sie von jedwedem Glück trennte? War nicht er der
Anlaß all ihres Elends, das Schloß an der Tür ihres qualvollen
Käfigs?
So häufte sie auf ihn alle Bitternisse ihres Herzens. Jeder
Versuch, diese Verstimmungen zu bekämpfen, verschlimmerten sie
nur. Denn die vergebliche Mühe machte sie noch mutloser und
entfernte sie noch mehr von ihrem Manne. Gerade seine Gutmütigkeit
reizte sie zur Rebellion. Die Spießerlichkeit ihrer Wohnung
verlockte sie zu Utopien von Pracht und Herrlichkeit, und die
ehelichen Freuden zu ehebrecherischen Gelüsten. Sie bedauerte es,
daß Karl sie nicht schlecht behandelte; dann hätte sie gerechten
Anlaß gehabt, sich an ihm zu rächen. Zuweilen freilich erschrak
sie vor den Irrwegen, auf die sie in Gedanken geriet. Und immer
mußte sie lächeln, wenn sie in einem fort hörte, daß sie glücklich
sei, oder wenn sie sich gar selber noch Mühe gab, so zu tun und
die Leute in ihrem Glauben zu lassen.
Manchmal hatte sie diese Komödie satt. Sie fühlte sich versucht,
mit dem Geliebten auf und davon zu gehen, irgendwohin, weit, weit
fort, wo ein andrer Stern ihrer harrte. Zugleich jedoch drohten
ihr in Gedanken riefe, dunkle Abgründe.
»Er liebt mich ja gar nicht mehr!« sagte sie sich. »Was soll da
aus mir werden? Welche Zuflucht, welcher Trost, welche
Erleichterung bleibt mir noch?«
Gebrochen, fiebernd, halbtot schluchzte sie leise vor sich hin,
unter endlosen Tränen.
»Warum sagt es die gnädige Frau nicht dem Herrn Doktor?« fragte
das Dienstmädchen, als es einmal während eines solchen Anfalles
ins Zimmer kam.
»Ach was! Ich bin nervös!« erklärte Emma. »Daß du ihm ja nichts
davon erzählst! Du würdest ihn nur beunruhigen.«
»Ach Gott«, meinte Felicie. »Der Tochter des alten Fischers Guérin
aus Pollet, einer Bekannten von mir in Dieppe, wo ich vorher
gedient habe, der ging es ganz genau so. War die trübsinnig!
Schrecklich trübsinnig! Und leichenblaß sah sie immer aus. Ihr
Leiden war so was wie ein Nebel im Kopfe, und die Ärzte und sogar
der Pfarrer wußten kein Mittel dagegen. Wenns ganz schlimm kam,
dann lief sie immer ganz allein ans Meer. Der Zollaufseher hat sie
auf seiner Patrouille oft gesehen, platt auf dem Bauche liegen und
auf den Steinen weinen. Später, als sie einen Mann hatte, soll
sichs gegeben haben ...«
»Bei mir aber«, erwiderte Emma, »ist es erst nach der Hochzeit so
gekommen.«
Sechstes Kapitel
Eines Abends saß Emma am offnen Fenster. Eben hatte sie noch
Lestiboudois, dem Kirchendiener, zugesehen, wie er unten im Garten
den Buchsbaum zugestutzt hatte. Plötzlich drang ihr das
Ave-Maria-Läuten ins Ohr.
Es war Anfang April. Die Primeln blühten, und ein lauer Wind
hüpfte über die aufgeharkten Beete. Der Garten putzte sich für die
Festtage des Sommers. Durch die Latten der Laube und weiterhin
leuchtete der Bach, der sich in schnörkeligen Windungen in den
flachen Wiesen hinwand. Der Abenddunst schwebte um die noch kahlen
Pappeln und löste die Linien ihrer Aste zu weichem Violett auf,
duftig und durchsichtig wie ein feiner Schleier. In der Ferne
zogen Herden heim, aber ihr Huftritt und ihr Brüllen verklangen.
Nur die Abendglocke läutete immerfort und füllte die Luft mit
wehmütigem Frieden.
Bei diesen gleichförmigen Tönen verloren sich die Gedanken der
jungen Frau in alte Jugend- und Klostererinnerungen. Sie dachte an
die hohen Leuchter auf dem Hochaltar, die sich über die
blumenreichen Vasen und über das Tabernakel mit seinen Säulchen
emporgereckt hatten. Wie einst hätte sie wieder knien mögen in der
langen Reihe der weißen Schleier, die sich grell abhoben von den
schwarzen steifen Kapuzen der in ihren Betstühlen hingesunkenen
Schwestern. Sonntags während der Messe, wenn sie aufschaute und in
das von bläulichem Weihrauch umwobene holde Antlitz der Madonna
blickte, dann war sie immer tief ergriffen und ganz weich gestimmt
gewesen, leicht und ohne Last wie eine Flaumfeder, die der
Sturmwind wegweht ...
Mit einem Male, ohne daß sie sich über den Vorgang klar ward, fand
sie sich auf dem Wege zur Kirche. Ein Drang nach Andacht hatte sie
ergriffen: ihre Seele sehnte sich, darin aufzugehen und alles
Irdische zu vergessen.
Auf dem Marktplatze begegnete ihr Lestiboudois, der bereits wieder
aus der Kirche kam, um zu seiner unterbrochenen Arbeit
zurückzukehren. Die war ihm immer die Hauptsache, und das Läuten
der Glocke besorgte er, wie es ihm gerade paßte. Übrigens war das
Läuten ein Zeichen für die Kinder im Dorfe, daß es Zeit zur
Katechismusstunde war.
Ein paar Jungen waren schon da und spielten Ball auf den
Friedhofssteinen. Andre saßen rittlings auf der Mauer, baumelten
mit den Beinen und köpften mit ihren Schuhspitzen die hohen
Brennesseln, die zwischen der letzten Gräberreihe und der
niedrigen Umfassungsmauer aufgeschossen waren. Das war das einzige
bißchen Grün, denn die Grabmäler standen ganz dicht aneinander,
und über ihnen lag beständig feiner Staub, der dem reinigenden
Besen trotzte. Die Kinder liefen in Strümpfen darüber wie über
einen eigens für sie hingebreiteten Teppich, und ihre
aufjauchzenden Stimmen mischten sich in das letzte Ausklingen der
Glocken. Das Summen verstummte, und der Strang der großen Glocke,
der vom Kirchturm herabhing und mit dem Ende auf dem Erdboden hin
und her geschleift war, beruhigte sich allmählich. Schwalben
schossen pfeilschnell durch die Luft, kurze Schreie ausstoßend,
und flogen zurück in ihre gelben Nester unter dem Turmdache. Im
Chor der Kirche brannte eine Lampe oder vielmehr ein Nachtlicht
unter einer hängenden Glasglocke. Von weitem sah die Flamme wie
ein über dem Öl schwimmender zittriger weißer Fleck aus. Ein
langer Sonnenstrahl durchquerte das Hauptschiff; in um so tieferem
Dunkel lagen die Nebenschiffe und Nischen.
»Wo ist der Pfarrer?« fragte Frau Bovary einen Knaben, der sich
damit belustigte, die bereits lockere Klinke der Friedhofspforte
völlig abzuwürgen.
»Der wird gleich kommen!« war die Antwort.
Wirklich knarrte die Tür des Pfarrhauses, und der Abbé Bournisien
erschien. Die Kinder rannten eiligst in die Kirche hinein.
»Rasselbande!« murmelte der Priester. »Einen wie alle Tage!« Er
hob einen zerflederten Katechismus auf, an den sein Fuß gestoßen
war. »Nichts wird respektiert!« Da bemerkte er Frau Bovary.
»Verzeihung!« sagte er. »Ich hatte Sie nicht erkannt.«
Er steckte den Katechismus in die Tasche und blieb stehen, indem
er den schweren Sakristeischlüssel auf zwei Fingern balancierte.
Der Schein der Abendsonne fiel ihm voll ins Gesicht und nahm
seiner Soutane alle Farbe. Sie glänzte übrigens an den Ellenbogen
bereits, und in den Säumen war sie ausgefasert. Fett- und
Tabakflecke begleiteten die Linie der kleinen Knöpfe die Brust
entlang. Nach dem Kragen zu, unter dem Doppelkinn seines Gesichts,
wurden sie zahlreicher. Es war von Sommersprossen besät, die sich
in seinen stoppeligen grauen Bart hinein verloren. Er kam vom
Essen und atmete geräuschvoll.
»Wie geht es Ihnen?« erkundigte er sich.
»Schlecht!« antwortete Emma.
»Ja, ja! Ganz wie mir«, erwiderte der Priester. »Die ersten warmen
Tage machen einen unglaublich matt, nicht wahr? Aber es ist nun
einmal so! Wir sind zum Leiden geboren, wie Sankt Paulus sagt. Und
wie denkt Herr Bovary darüber?«
»Ach der!« Sie machte eine verächtliche Gebärde.
»Was?« erwiderte der ehrwürdige Mann ganz erstaunt. »Verordnet er
Ihnen denn nichts?«
»Ach,« meinte sie, »irdische Heilmittel, die nutzen mir nichts.«
Trotzdem sich der Geistliche unterhielt, warf er seinen Blick doch
hin und wieder in die Kirche, wo die Jungen, die niedergekniet
waren, sich gegenseitig mit den Schultern anrempelten, so daß sie
reihenweise wie die Kegel umpurzelten.
»Ich möchte gern wissen ...«, fuhr Emma fort.
»Warte nur, Boudet, warte du nur!« unterbrach sie der Priester in
zornigem Tone. »Ich werde dich gleich an den Ohren kriegen, du
Schlingel, du!« Zu Emma gewandt, fügte er hinzu: »Das ist der
Junge vom Zimmermann Boudet. Seine Eltern sind schwache Leute; sie
lassen dem Jungen die größten Narrenpossen durch. Der Bengel
könnte sehr wohl was lernen, wenn er nur wollte, denn er ist gar
nicht dumm ... Na, und wie gehts dem Herrn Gemahl?«
Emma tat, als ob sie die Frage überhört hätte. Der Geistliche fuhr
fort:
»Immer tüchtig beschäftigt, nicht wahr? Ja, ja! Er und ich, wir
beiden haben im Kirchspiel zweifellos am meisten zu tun ...« Er
lachte behäbig, »... er als Arzt des Leibes und ich der Seele.«
Emma schaute ihn flehentlich an.
»Sie! Ja!« sagte sie. »Sie heilen alle Wunden!«
»Oh! Sprechen Sie nicht so, Frau Bovary! Gerade heute vormittag,
da bin ich nach Bas-Diauville gerufen worden, zu einer
wassersüchtigen Kuh. Die Leute glaubten, das Tier sei verhext.
Merkwürdig! Alle Kühe da ... Verzeihen Sie mal! -- Longuemarre und
Boudet! Zum Donnerwetter! Wollt ihr stille sein!« Mit einem großen
Satze war er drinnen in der Kirche.
Da flohen die Knaben hinter das Meßpult oder kletterten auf den
Sitz des Vorsängers. Andre verkrochen sich in den Beichtstuhl.
Aber der Pfarrer teilte behend rechts und links einen Hagel von
Backpfeifen aus; einen der Jungen packte er am Rockkragen, hob ihn
in die Luft und duckte ihn dann in die Knie, als ob er ihn mit
aller Gewalt in die Steinfliese hineindrücken wollte.
»So!« sagte er zu Frau Bovary, als er wieder bei ihr war, während
er sein großes Kattuntaschentuch entfaltete und sich den Schweiß
von der Stirn wischte. »Die Landleute sind recht zu bedauern ...«
»Andre Leute auch«, meinte sie.
»Gewiß! Die Arbeiter in den Städten zum Beispiel.«
»Die meine ich nicht.«
»Erlauben Sie mir! Ich habe unter ihnen Familienmütter kennen
lernen, ehrbare Frauen, ich sage Ihnen: wahre Heilige. Und sie
hatten nicht einmal das tägliche Brot.«
»Ich meine solche,« fuhr Emma fort, und ihre Mundwinkel zitterten,
während sie sprach, »solche, Herr Pfarrer, die zwar ihr täglich
Brot haben, aber kein ...«
»Kein Holz im Winter ...«, ergänzte der Priester.
»Ach, was liegt daran?«
»Was daran liegt? Mich dünkt, wer gut zu essen hat und eine warme
Stube ... denn schließlich ...«
»O du mein Gott!« seufzte Emma.
»Ist Ihnen nicht wohl?« fragte er, indem er sich ihr besorgt
näherte. »Gewiß Magenbeschwerden? Sie müssen heimgehen, Frau
Bovary, und eine Tasse Tee trinken! Das wird Sie kräftigen. Oder
vielleicht lieber eine Limonade?«
»Wozu?«
Sie sah aus, als erwache sie aus einem Traume.
»Sie faßten mit der Hand nach Ihrer Stirn, und da glaubte ich, es
sei Ihnen schwindlig.« Er besann sich. »Aber wollten Sie mich
nicht etwas fragen? Mir ist es so. Was war es denn?«
»Ich? Nichts ... oh, nichts!« stammelte Emma.
Ihr Blick, der in der Ferne verweilt hatte, fiel müd auf den alten
Mann in der Soutane. Sie sahen sich beide in die Augen, ohne etwas
zu sagen.
»Dann entschuldigen Sie, Frau Bovary«, sagte er nach einer Weile.
»Die Pflicht ruft mich. Ich muß zu meinen Taugenichtsen da. Die
erste Kommunion rückt heran. Ich fürchte, sie überrumpelt uns.
Seit Himmelfahrt behalte ich die Kinder alle Mittwoch eine Stunde
länger hier. Die armen Kleinen! Man kann sie nicht früh genug auf
den Weg des Herrn leiten, wie es Gottes Sohn uns ja anbefohlen hat
... Recht gute Besserung, Frau Doktor! Empfehlen Sie mich, bitte,
Ihrem Herrn Gemahl!«
Damit trat er in die Kirche, nachdem er an der Schwelle das Knie
gebeugt hatte. Emma sah ihm nach, bis er zwischen den Bänken
verschwand. Er ging schwerfällig, den Kopf ein wenig eingezogen,
die beiden Hände in segnender Haltung.
Sie wandte sich um, mit einem kurzen Ruck. wie eine Figur auf
einer Drehscheibe, und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Eine
Weile hörte sie hinter sich noch die rauhe Stimme des Geistlichen
und die hellen Antworten der Knaben ...
»Bist du ein Christ?«
»Ja, ich bin ein Christ.«
»Wer ist ein Christ?«
»Wer getauft ist und ...«
Zu Haus stieg sie die Treppe hinauf, wobei sie sich am Geländer
festhielt. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in ihren
Lehnstuhl.
Das Licht des hellen Abends draußen flutete weich durch die
Scheiben herein. Die Möbel schlummerten still auf ihren Plätzen,
halb versunken in den Schatten der Dämmerung wie in einen
schwarzen Weiher. Im Kamin war die Glut erloschen, und eintönig
tickte die Uhr immerzu. Diese Ruhe der Dinge hier um sich herum
empfand Emma als einen wunderlichen Kontrast zu dem wilden Sturm
in ihrem Innern ...
Vom Nähtischfenster her tappte die kleine Berta in ihren gewirkten
Schuhchen und versuchte zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie haschte
nach den Bändern ihrer Schürze.
»Laß mich!« sagte Emma und wehrte das Kind mit der Hand ab.
Aber die Kleine kam noch näher und schmiegte sich an ihre Knie.
Sie umfaßte sie mit ihren Ärmchen und schaute mit ihren großen
blauen Augen zur Mutter auf. Dabei liefen ein paar Tropfen
Speichel aus dem Munde des Kindes auf Emmas seidne Schürze.
»Laß mich!« wiederholte die junge Mutter sehr unwillig.
Ihr Gesichtsausdruck erschreckte das Kind. Es begann zu schreien.
»Aber so laß mich doch!« sagte Emma barsch und stieß ihr Kind mit
dem Ellenbogen zurück.
Berta fiel gegen die Kommode, gerade auf den Messingbeschlag, der
ihr die Wange ritzte, so daß sie blutete. Frau Bovary stürzte auf
das Kind zu und hob es auf. Dann riß sie heftig am Klingelzug und
rief das Dienstmädchen herbei. Sie war nahe daran, sich Vorwürfe
zu machen, da erschien Karl. Es war um die Essenszeit. Er kam von
seiner Praxis heim.
»Sieh, mein Lieber,« sagte sie ruhigen Tones, »die Kleine ist beim
Spielen gefallen und hat sich ein bißchen geschunden.«
Karl beruhigte sie; es sei nicht schlimm. Er holte Heftpflaster.
Frau Bovary ging zum Essen nicht hinunter. Sie wollte ihr Kind
allein pflegen. Als sie dann aber sah, wie es ruhig schlief,
verging ihr bißchen Beunruhigung, und sie kam sich selber recht
töricht und schlapp vor, weil sie sich wegen einer Geringfügigkeit
gleich so aufgeregt habe. In der Tat klagte die Kleine nicht mehr.
Ihre Atemzüge hoben und senkten die wollene Bettdecke kaum
merkbar. Ein paar dicke Tränen hingen ihr in den halbgeschlossenen
Wimpern, durch die zwei tiefliegende blasse Augensterne
schimmerten. Das auf die Backe geklebte Pflaster verzog die Haut.
»Merkwürdig!« dachte Emma bei sich. »Wie häßlich das Kind ist!«
Als Karl um elf Uhr nach Hause kam -- er war nach Tisch zum
Apotheker gegangen --, fand er seine Frau an der Wiege stehen.
»Aber ich habe dir doch gesagt, daß es nichts ist!« versicherte er
ihr, indem er ihr einen Kuß auf die Stirn gab. »Ängstige dich
nicht, armes Lieb, du wirst mir sonst krank!«
Er war lange beim Apotheker geblieben. Er hatte sich zwar gar
nicht besonders aufgeregt gezeigt, trotzdem hatte sich Homais für
verpflichtet gefühlt, ihn »aufzurappeln«. Dann hatte man von den
tausend Gefahren gesprochen, denen kleine Kinder ausgesetzt sind,
und von der Unachtsamkeit der Dienstboten. Frau Homais mußte ein
Lied davon zu singen. Noch heute hatte sie auf der Brust ein
Brandmal: auf diese Stelle hatte die damalige Köchin einmal die
Kohlenpfanne fallen lassen! Infolgedessen waren die braven Homais
über die Maßen vorsichtig. Die Tischmesser wurden nicht
geschliffen und der Fußboden nicht gebohnt. Vor den Fenstern waren
eiserne Gitter und vor dem Kamin ein paar Querstäbe angebracht.
Die Apothekerskinder, so verwahrlost sie im übrigen waren, konnten
keinen Schritt tun, ohne daß jemand dabei sein mußte. Bei der
geringsten Erkältung stopfte sie der Vater mit Hustenbonbons voll,
und als sie bereits über vier Jahre alt waren, mußten sie ohne
Gnade noch dickgepolsterte Fallringe um die Köpfe tragen. Das war
lediglich eine Schrulle der Mutter; der Apotheker war insgeheim
sehr betrübt darüber, weil er Angst hatte, dieses Zusammenpressen
könne dem Gehirn schädlich sein. Einmal entfuhr es ihm:
»Willst du denn Hottentotten aus deinen Kindern machen?«
Karl hatte etliche Male den Versuch gemacht, die Unterhaltung in
eine andre Richtung zu bringen. Beim Gehen, als Leo vor ihm die
Treppe hinunterstieg, raunte er ihm leise zu:
»Ich wollte Sie noch etwas fragen!«
»Sollte er etwas gemerkt haben?« fragte sich der Adjunkt. Er bekam
Herzklopfen und verlor sich in tausend Vermutungen.
Als die Türe hinter ihnen geschlossen war, bat Karl, er solle sich
doch einmal in Rouen danach erkundigen, was ein hübsches Lichtbild
koste. Er hegte nämlich schon lange den sentimentalen Plan, seine
Frau mit dieser zarten Aufmerksamkeit zu überraschen. Er gedachte
sich im schwarzen Rocke verewigen zu lassen. Nur wollte er vorher
wissen, wieviel die Geschichte so ungefähr zu stehen käme. Dem
Adjunkt mache das wohl keine besondre Mühe, da er doch beinahe
aller acht Tage nach der Stadt führe.
Zu welchem Zwecke eigentlich? Homais vermutete
Junggesellenabenteuer oder eine Liebschaft. Aber da täuschte er
sich. Leo hatte keine galanten Beziehungen. Mehr denn je war er in
Wertherstimmung. Die Löwenwirtin merkte es daran, daß er seine
Portionen nicht mehr aufaß. Um hinter die Ursache zu kommen,
fragte sie Binet; aber der Steuereinnehmer erwiderte unwirsch, er
sei kein Polizeibüttel.
Allerdings kam Leo auch seinem Tischgenossen recht sonderbar vor.
Oft lehnte er sich in seinen Stuhl zurück, packte sich mit den
Händen hinten am Kopfe und ließ sich in unbestimmten Klagen über
das menschliche Dasein aus.
»Sie sollten sich ein bißchen mehr zerstreuen«, meinte der
Steuereinnehmer.
»Womit denn?«
»Na, an Ihrer Stelle schaffte ich mir eine Drehbank an.«
»Aber ich kann doch nicht drechseln«, erwiderte der Adjunkt.
»Ach ja, freilich!«
Binet strich sich selbstzufrieden-verächtlich das Kinn.
Leo war es müde, erfolglos zu lieben. Das eintönige Leben begann
ihn abzustumpfen; er hatte keine Interessen, die ihn erfüllten,
keine Hoffnungen, die ihn stärkten. Yonville und die Yonviller
ödeten ihn dermaßen an, daß er gewisse Leute und bestimmte Häuser
nicht mehr erblicken konnte, ohne in Wut zu geraten. Besonders
unausstehlich wurde ihm nachgerade der biedere Apotheker.
Gleichwohl schreckte ihn die Aussicht auf völlig neue Verhältnisse
genau so sehr, wie er sich danach sehnte. Dieses bange Gefühl
wandelte sich nach und nach in Unruhe, und nun lockte ihn Paris,
das ferne Paris mit der rauschenden Musik seiner Maskenfeste und
dem Lachen seiner Grisetten. Er sollte daselbst sowieso sein
Studium vollenden. Warum ging er nicht endlich dahin? Was hielt
ihn zurück?
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