der Major.
"Ich hätte meinen Zweck erreicht? mein Herr, ich muß bitten--"
"Sie?" sagte Larun mit gleichgültiger Stimme; "von Ihnen, gnädige
Frau, sprach ich nicht, ich sagte: sie, die Handelnden, die
Operierenden."
Die alte Dame biß sich in die Lippen und schwieg. Wenige Augenblicke
nachher waren sie an einer Seitenpforte des Palais angelangt. Ein
alter Diener führte sie durch ein Labyrinth von Korridoren und
Treppen. Endlich wurden die Gänge breiter, die Beleuchtung auf
elegantere Art angebracht, der Major bemerkte, daß sie in den
bewohnteren Flügel des Schlosses gelangt seien. Der Alte winkte in
eine Seitentüre. Der Weg ging jetzt durch mehrere Gemächer, bis in
einen Salon, der wohl zu den Appartements der Prinzessin gehören
mochte, als die Oberhofmeisterin dem Major zuflüsterte, er möchte
einstweilen in einem Fauteuil sich gedulden, bis sie ihn rufen lasse.
Nach einer tödlich langen Viertelstunde erschien sie wieder. Sie
sagte ihm, daß nach dem ausdrücklichen Willen der Kranken er allein
mit ihr sein werde; sie selbst wolle sich als 'Garde de Dame' an die
Türe setzen, wo sie gewiß nichts hören könne, wenn man nicht gar zu
laut spreche. Übrigens dürfe er nicht länger als eine
Viertelstunde bleiben. Der Major trat ein. Das prachtvolle Gemach
mit seinen schimmernden Tapeten und goldenen Leisten, die reiche
Draperie der Gardinen, die bunten Farben des türkischen Fußteppichs
taten seinem Auge wehe, denn das Gemüt will ein leidendes Herz, einen
kranken Körper nicht mit den Flittern der Hoheit umgeben sehen. Und
wie groß war der Kontrast zwischen diesem Glanz der Umgebung und
diesem zarten, lieblichen Kind, das in einem einfachen, weißen Gewand
auf einer prachtvollen Ottomane lag.
Der Eindruck, den ihre Züge, ihre Gestalt, ihr ganzes Wesen zum
erstenmal auf ihn gemacht hatten, kehrte auch jetzt wieder in die
Seele des Majors. Es war ihre einfache, ungeschmückte Schönheit,
ihre stille Größe, verborgen hinter dem Zauber kindlicher
Liebenswürdigkeit, was ihn angezogen hatte. Wohl blendete ihn damals
der Glanz der frischen, jugendlichen Farben, die lebhaft strahlenden
Augen, jenes gewinnende, huldvolle Lächeln, das ihre feinen rosigen
Lippen umschwebte. Ein Nachtfrost hatte diese Blüten abgestreift;
aber gab ihr nicht diese durchsichtige Blässe, diese stille Trauer in
dem sinnigen Auge, dieser wehmütige Zug um den Mund, der nie mehr
scherzte, eine noch erhabenere Schönheit, einen noch gefährlicheren
Zauber? Der Major stand einige Schritte von ihr stille und
betrachtete sie mit tiefer Rührung. Sie winkte ihm nach einem
Taburett, das zu ihren Füßen stand, sie sprach, ihre Stimme hatte
zwar jenes helle Metall verloren, das sonst ihre heiteren Scherze,
ihr fröhliches Lachen ertönen ließ, aber diese weichen, rührenden
Töne drangen tiefer.--"Es wäre töricht von mir, Herr Baron", sprach
sie, "wollte ich Sie lange in Ungewißheit lassen, warum ich Sie rufen
ließ. Ich weiß, daß der Graf Sie, als seinen besten Freund, von
einem Verhältnis unterrichtet hat, das nie hätte bestehen sollen.--
Erinnern Sie sich noch des Abends in 'Othello'? Ich sagte Ihnen von
einem Billet, das ich bekommen habe, ich erinnere mich, daß Sie mir
es wiederholt abforderten; warum haben Sie das getan?"
"Warum, fragen Euer Durchlaucht? weil ich den Inhalt ahnte, zu wissen
glaubte."
"Also doch!" rief sie, und eine Träne drang aus ihrem schönen Auge;
"also doch! Ich hielt Sie, seit dem ersten Augenblick, wo ich Sie
sah, für einen Mann von Ehre; wenn Sie die Verhältnisse des Grafen
wußten, warum haben Sie ihn nicht bälder entfernt, warum mir nicht
den Schmerz erspart, ihn verachten zu müssen?"
"Ich kann bei allem, was mir heilig ist, bei meiner Ehre schwören",
entgegnete der Major, "daß ich kaum eine Stunde, bevor ich zu Eurer
Durchlaucht in die Loge trat, diese Verhältnisse durch ein Papier
erfahren habe, das durch Zufall, statt in des Grafen Hände, in die
meinigen kam. Als ich den Grafen darüber zur Rede stellen wollte,
hatte er schon Nachricht davon bekommen und war abgereist. Ich ahnte
aus gewissen Winken, die jenes Briefchen enthielt, daß auch Sie nicht
verschont bleiben würden; umsonst versuchte ich das unglückliche
Blättchen Eurer Durchlaucht abzuschwatzen."
"Sie glauben also an diese Erfindung?" fragte Sophie, indem ihre
Tränen heftiger strömten; "ach, es ist ja nur ein Kunstgriff gewisser
Leute, die ihn von uns entfernen wollten. Lesen Sie dieses Billet,
es ist dasselbe, das ich erhielt; gestehen Sie selbst, es ist
Verleumdung!"
Der Major las: "Der Graf v. Z. ist verheiratet; seine Gemahlin lebt
in Avignon; drei kleine Kinder weinen um ihren Vater.--Sollte eine
erlauchte Dame so wenig Ehrgefühl, so wenig Mitleid besitzen, ihn
diesen Banden noch länger zu entziehen?"
Es war dieselbe Handschrift, dasselbe Siegel wie jenes Billets, das
er selbst bekommen hatte. Er sah noch immer in diese Zeilen; er
wagte nicht, aufzuschauen, er wußte nicht zu antworten; denn seine
strengen Begriffe von Wahrheit erlaubten ihm nicht, gegen seine
Überzeugung zu sprechen; das tiefe Mitleid mit ihrem Schmerz ließ ihn
ihre Hoffnung nicht so grausam niederschlagen.
"Sehen Sie", fuhr sie fort, als er noch immer schwieg "wie ich dieses
Briefchen arglos, neugierig erbrach, so überraschten mich jene
schrecklichen Worte Gatte, Vater wie eine Stimme des Gerichtes. Die
Sinne schwanden mir; ich wurde recht krank und elend; aber so oft ich
nur eine Stunde mich leichter fühle, steigt meine Hoffnung wieder;
ich glaube, Zronievsky kann doch nicht so gar schlecht gewesen sein,
er kann mich nicht so schrecklich betrogen haben. Lächeln Sie doch,
Major, seien Sie freundlich.
--Ich erlaube Ihnen, Sie dürfen mich verspotten, weil ich mich durch
diese Zeilen so ganz außer Fassung bringen ließ--aber nicht wahr,
Sie meinen selbst, es ist eine Lüge, es ist Verleumdung?"
Der Major war außer sich; was sollte er ihr sagen? Sie hing so
erwartungsvoll an seinen Lippen, es war, als sollte ein Wort von ihm
sie ins Leben rufen ihr Auge strahlte wieder, jenes holde Lächeln
erschien wieder auf ihren lieblichen Zügen--sie lauschte wie auf die
Botschaft eines guten Engels.
Er antwortete nicht, er sah finster auf den Boden; da verschwand
allmählich die frohe Hoffnung aus ihren Zügen, das Auge senkte sich,
der kleine Mund preßte sich schmerzlich zusammen, das zarte Rot, das
noch einmal ihre Wangen gefärbt hatte, floh; sie senkte ihre Stirne
in die schöne Hand, sie verbarg ihre weinenden Augen.
"Ich sehe", sagte sie, "Sie sind zu edel, mir mit Hoffnungen zu
schmeicheln, die nach wenigen Tagen wieder verschwinden müßten. Ich
danke Ihnen, auch für diese schreckliche Gewißheit. Sie ist immer
besser als das ungewisse Schweben zwischen Schmerz und Freude; und
nun, mein Freund, nehmen Sie dort das Kästchen, suchen Sie es ihm
zuzustellen, es enthält manches, was mir teuer war--doch nein,
lassen Sie es mir noch einige Tage, ich schicke es Ihnen, wenn ich es
nicht mehr brauche.
Es ist mir, als werde ich nicht mehr lange leben", fuhr sie nach
einigen Augenblicken fort; "ich bin gewiß nicht abergläubisch, aber
warum muß ich gerade nach diesem fatalen 'Othello' krank werden?"
"Ich hätte nicht gedacht, daß dieser Gedanke nur einen Augenblick Ew.
Durchlaucht Sorge machen könnte!" sagte der Major.
"Sie haben recht, es ist töricht von mir; aber in der Nacht, als man
mich krank aus der Oper brachte, träumte mir, ich werde sterben.
Eine ernste, finstere junge Dame kam mit einem Plumeau von roter
Seide auf mich zu, deckte ihn über mich her und preßte ihn immer
stärker auf mich, daß ich beinahe erstickte. Dann kam plötzlich mein
Großoheim, der Herzog Nepomuk, geradeso, wie er gemalt in der Galerie
hängt, und befreite mich von dem beengenden Druck, und das
Sonderbarste ist--"
"Nun?" fragte der Baron lächelnd, "was fing denn der gemalte Herzog
mit Desdemona an;"
Die Prinzessin staunte. "Woher wissen Sie denn, daß die Dame
Desdemona ist? Ich beschwöre Sie, woher wissen Sie dies?"
Der Major schwieg einen Augenblick verlegen. "Was ist natürlicher",
antwortete er dann, "als daß Sie von Desdemona träumen? Sie hatten
sie ja am Abende zuvor in einem roten Bette verscheiden sehen."
"Sonderbar, daß Sie auch gleich auf den Gedanken kamen. Das
Sonderbarste aber ist, ich wachte auf, als der Herzog mich befreite,
ich wachte in der Tat auf und sah--wie jene Dame mit dem Plumeau
unter dem Arm langsam zur Türe hinausging. Seit dieser Nacht träume
ich immer dasselbe, immer beengender wird ihr Druck, immer später
kommt mir der Herzog zu Hilfe, aber immer sehe ich sie deutlich aus
dem Zimmer schweben Und als ich gestern abend mir die Harfe bringen
ließ und mein liebes Desdemona-Liedchen spielte, da--spotten Sie
immer über mich! da ging die Türe auf und jene Dame sah ins Zimmer
und nickte mir zu."
Sie hatte dieses halb scherzend, halb in Ernst erzählt; sie wurde
ernster; "nicht wahr, Major", sagte sie, "wenn ich sterbe, gedenken
Sie auch meiner? Das Andenken eines solchen Mannes ist mir wert."
"Prinzessin!" rief der Major, indem er vergebens seine Wehmut zu
bezwingen suchte, "entfernen Sie doch diese Gedanken, die unmöglich
zu Ihrer Genesung heilsam sein können!"
Die Oberhofmeisterin erschien in der Türe und gab ein Zeichen, daß
die Audienz zu Ende sein müsse. Sophie reichte dem Major die Hand
zum Kusse, er hat nie mit tieferen Empfindungen von Schmerz, Liebe
und Ehrfurcht die Hand eines Mädchens geküßt. Er erhob sein Auge
noch einmal zu ihr auf, er begegnete ihren Blicken, die voll Wehmut
auf ihm ruhten. Die Oberhofmeisterin trat mit einer Amtsmiene näher;
der Major stand auf; wie schwer wurde es ihm, mit kalten
gesellschaftlichen Formen sich von einem Wesen zu trennen, das ihm in
wenigen Minuten so teuer geworden war.
"Ich hoffe", sagte er, "Euer Durchlaucht bei der nächsten Cour ganz
hergestellt wiederzusehen."
"Sie hoffen, Major?" entgegnete sie schmerzlich lächelnd; "leben Sie
wohl, ich habe zu hoffen aufgehört."
10.
Die Residenz war einige Tage mit nichts anderem als der Krankheit der
geliebten Prinzessin beschäftigt; man sagte sie bald sehr krank, bald
gab man wieder Hoffnung; ein Schwanken, das für alle, die sie näher
kannten, schrecklich war. An einem Morgen, sehr frühe, brachte ein
Diener dem Major ein Kästchen. Ein Blick auf dieses wohlbekannte
Behältnis und auf die Trauerkleider des Dieners überzeugten ihn, daß
die Prinzessin nicht mehr sei. Es war ihm, als sei dieses liebliche
Wesen ihm, ihm allein gestorben. Er hatte viel verloren auf der Erde,
und doch hatte kein Verlust so empfindlich, so tief seine Seele
berührt als dieser. Es war ihm, als habe er nur noch ein Geschäft
auf der Erde, das Vermächtnis der Verstorbenen an seinen Ort zu
befördern; er würde diese Stadt, die so drückende Erinnerungen für
ihn hatte, sogleich verlassen haben, hätte ihn nicht das Verlangen
zurückgehalten, ihre sterblichen Reste beisetzen zu sehen. Als die
feierlichen Klänge aller Glocken, als die Trauertöne der Musik und
die langen Reihen der Fackelträger verkündeten, daß Sophie zu der
Gruft ihrer Ahnen geführt werde, da verließ er zum erstenmal wieder
sein Haus und schloß sich dem Zuge an. Er hörte nicht auf das
Geflüster der Menschen, die sich über die Ursachen ihrer Krankheit,
ihres Todes besprachen; er hatte nur einen Gedanken, nur jener
Augenblick, wo ihr Auge noch einmal auf ihm geruht hatte, wo seine
Lippen ihre Hand berührten, stand vor seiner Seele. Man nahm die
Insignien ihrer hohen Geburt von der Bahre, man senkte sie langsam
hinab zum Staub ihrer Ahnen. Die Menge verlor sich, die Begleiter
löschten ihre Fackeln aus und verließen die Halle; der Major warf
noch einen Blick nach der Stelle, wo sie verschwunden war, und ging.
Vor ihm ging mit unsicheren, schleppenden Schritten ein alter Mann,
der heftig weinte.--Als der Major an seiner Seite war, sah jener
sich um, es war der Regisseur der Oper. Der Alte trat näher zu ihm,
sah ihn lange an, schien sich auf etwas zu besinnen und sprach dann:
"Möchten Sie nicht, Herr Baron, wir hätten nur geträumt, und jenes
liebliche Kind, das man begraben hat, wäre noch am Leben?"
"Warum mahnen Sie mich!" rief der Major mit unwillkürlichem Grauen;
"ja, bei Gott, es ist so, wie Sie träumten; sie ist begraben, und wir
beide gehen nebeneinander von ihrem Grab."
"Drum soll der Mensch nie mit dem Schicksal scherzen", sagte der Alte
mit trübem Ernst. "Ist es heute nicht elf Tage, daß wir 'Othello'
gaben? Am achten ist sie gestorben."
"Zufall, Zufall!" rief der Major. "Wollen Sie Ihren Wahnsinn auch
jetzt noch fortsetzen? weiß ich nicht nur zu gut, an was sie starb?
Wohl hat ein Dolch ihre Seele, wie Desdemonas Brust, durchstoßen; ein
Elender, schwärzer als Ihr Othello, hat ihr Herz gebrochen; aber
dennoch ist es Aberglauben, Wahnsinn, wenn Sie diesen Tod und Ihre
Oper zusammenreimen!"
"Unser Streit macht sie nicht wieder lebendig", sagte der Alte mit
Tränen. "Glauben Sie, was Sie wollen, Verehrter! ich werde es, wie
ich es weiß, in meiner Opernchronik notifizieren. Es hat so kommen
müssen!"
"Nein!" erwiderte der Major beinahe wütend, "nein, hat nicht so
kommen müssen; ein Wort von mir hätte sie vielleicht gerettet.
Bringen Sie mir um Gottes willen Ihren 'Othello' nicht ins Spiel; es
ist Zufall, Alter; ich will es haben, es ist Zufall!"
"Es gibt, mit Ihrer Erlaubnis, keinen Zufall; es gibt nur Schickung.
Doch ich habe die Ehre, mich zu empfehlen, denn hier ist meine
Behausung. Glauben Sie übrigens, was Sie wollen", setzte der Alte
hinzu, indem er die kalte Hand des Majors in der seinigen preßte,
"das Faktum ist da, sie starb--acht Tage nach 'Othello'."
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