hübsch zu machen, er läßt uns hier empfinden, glücklich werden, und
dort spiegelt er noch höhere Wonne, noch größeres Glück uns vor! "
"Möglich; aber der Mann hat Kraft, dem treu zu bleiben, was er
gewählt hat."
"Das ist es", rief der Graf, wie niedergedonnert durch dies eine Wort;
"das ist es, und daraus die Selbstverachtung; und warum besser
scheinen, als ich bin. Kamerad, Sie sind ein Mann von Ehre, fliehen
Sie mich wie die Pest, ich bin ein Ehrloser, ein Ehrvergessener, Sie
sind ein Mann von Kraft, verachten Sie mich, ich muß mich selbst
verachten, wissen Sie, ich bin--"
7.
"Bedaure, bedaure unendlich", sprach der Regisseur der Oper und
rutschte mit tiefen Verbeugungen ins Zimmer, "ich unterbreche
Hochdieselben?"
"Was bringen Sie uns?" erwiderte der Major, schneller gefaßt als der
unglückliche Freund; "setzen Sie sich und verschmähen Sie nicht
unsern Wein; was führt Sie zu uns?"
"Die traurige Gewißheit, daß 'Othello' doch gegeben wird. Es hilft
nichts; alles Bitten ist umsonst. Ich will Ihnen nur gestehen, ich
ließ die Oper einüben, hatte aber unsere Primadonna schon dahin
gebracht, daß sie mir feierlich gelobte, heiser zu werden; da führt
der Satan gestern abend die Sängerin Fanutti in die Stadt; sie kommt
vom.... ner Theater, bittet die allerhöchste Theaterdirektion um
Gastrollen, und stellen Sie sich vor, man sagt ihr auf nächsten
Sonntag 'Othello' zu. Ich habe beinahe geweint, wie es mir angezeigt
wurde; jetzt hilft kein Gott mehr dagegen, und doch habe ich
schreckliche Ahnungen!"
"Alter Herr!" rief der Graf, der indessen Zeit gehabt hatte, sich zu
sammeln. "Geben Sie doch einmal Ihren Köhlerglauben auf; ich kann
Sie versichern, es soll keiner der allerhöchsten Personen ein Haar
gekrümmt werden; ich gehe hinaus auf den Kirchhof, lasse mir das Grab
der erwürgten Desdemona zeigen, mache ihr meine Aufwartung und bitte
sie, diesmal ein Auge zuzudrücken und mich zu erwürgen. Freilich hat
sie dann nur einen Grafen und kein fürstliches Blut; doch einer
meiner Vorfahren hat auch eine Krone getragen!"
"Freveln Sie nicht so schrecklich", entgegnete der Alte; "wie leicht
kann Sie das Unglück mit hinabziehen! Mit solchen Dingen ist nicht
zu scherzen. Überdies habe ich heute nacht im Traum einen großen
Trauerzug mit Fackeln gesehen, wie man Fürsten zu begraben pflegt."
"Schreckliche Visionen, guter Herr!" lachte der Major. "Haben Sie
vielleicht vorher ein Gläschen zu viel getrunken? Und was ist
natürlicher, als daß Sie solches Zeug träumen, da Sie den ganzen Tag
mit Todesgedanken umgehen!"
Der Alte ließ sich nicht aus seinem Ernst herausschwatzen. "Gerade
Sie, verehrter Herr, sollten nicht Spott damit treiben", sagte er.
"Ich habe Sie nie gesehen, bis zu jener Stunde, wo Sie mich mit dem
Herrn Grafen besuchten, und doch gingen wir beide heute nacht
miteinander dem Sarge nach, Sie weinten heftig."
"Immer köstlicher wie lebhaft Sie träumen; darum mußte ich hieher
kommen, um mit Ihnen, lieber Mann, im Traume spazieren zu gehen!"
"Brechen wir ab", erwiderte jener, "was kommen muß, wird kommen, und
wir würden vielleicht viel darum geben, hätten wir alles nur geträumt.
Ich komme aber hauptsächlich zu Ihnen, um Sie zur Probe einzuladen.
Sie haben sich so generös gegen uns bewiesen, daß ich mir ein
Vergnügen daraus mache, Ihnen unser Personal, namentlich die neue
Sängerin zu zeigen."
Die Freunde nahmen freudig den Vorschlag an. Der Graf schien wie
immer seine Heftigkeit zu bereuen, und diese Zerstreuung kam ihm
erwünscht; auf dem Major hatten jene Ausbrüche einer Selbstanklage
schwer und drückend gelegen; auch er nahm daher mit Dank diesen
Ausweg an, um einer nähern Erklärung seines Freundes, die er eher
fürchtete als wünschte, zu entfliehen.
8.
Und wirklich schien auch seit jener Stunde der Graf diese Saite nicht
mehr berühren zu wollen; er schien wohl hin und wieder düster, ja die
Augenblicke des tiefen Grames kehrten wieder, aber nicht mit ihnen
das Geständnis einer großen Schuld, das damals schon auf seinen
Lippen schwebte; er war verschlossener als sonst. Der Major sah ihn
sogar einige Tage beinahe gar nicht; die Geschäfte, die ihn in diese
Stadt gerufen hatten, ließen ihm wenige Stunden übrig, und diese
pflegte gerade der Graf dem Theater zu widmen; denn sei es aus Lust
an der Sache selbst, oder um im Sinne der Geliebten zu handeln und
ihre Lieblingsoper recht glänzend erscheinen zu lassen, er war in
jeder Probe gegenwärtig; sein richtiger Takt, seine ausgebreiteten
Reisen, sein feiner, in der Welt gebildeter Geschmack verbesserten
unmerklich manches, was dem Auge und Ohr selbst eines so scharfen
Kritikers, wie der Regisseur war, entgangen wäre; und der alte Mann
vergaß oft stundenlang die schwarzen Ahnungen, die seine Seele
quälten, so sehr wußte Graf Zronievsky sein Interesse zu fesseln.
So war 'Othello' zu einer Vollkommenheit fortgeschritten, die man
anfangs nicht für möglich gehalten hätte; die Oper war durch die
sonderbaren Umstände, welche ihre Aufführung bisher verhindert hatte,
nicht nur dem Publikum, sondern selbst den Sängern neu geworden; kein
Wunder, daß sie ihr möglichstes taten, um so großen Erwartungen zu
entsprechen, kein Wunder, daß man mit freudiger Erwartung dem Tag
entgegensah, der den Mohren von Venedig auf die Bretter rufen sollte.
Es kam aber noch zweierlei hinzu, das Interesse des Publikums zu
fesseln. Der Sängerin Fanutti war ein großer Ruf vorausgegangen, man
war neugierig, wie sie sich am Theater ausnehme, wie sie Desdemona
geben werde, eine Rolle, zu der man außer schönem Gesang auch ein
höheres tragisches Spiel verlangte. Hiezu kam das leise Gerücht von
den sonderbaren Vorfällen, die jedesmal 'Othello' begleitet hatten;
die älteren Leute erzählten, die jüngeren sprachen es nach,
zweifelten, vergrößerten, so daß ein großer Teil des Publikums
glaubte, der Teufel selbst werde eine Gastrolle im 'Othello'
übernehmen.
Der Major von Larun hatte Gelegenheit, an manchen Orten über diese
Dinge sprechen zu hören; am auffallendsten war ihm, daß man bei Hof,
wo er noch einige Abende zubrachte, kein Wort mehr über 'Othello'
sprach; nur Prinzessin Sophie sagte einmal flüchtig und lächelnd zu
ihm: "'Othello', hätten wir denn doch herausgeschlagen, Ihrer
Krankheitstante, Baron, und der diplomatischen Drohung des Grafen
haben wir es zu danken; wie freue ich mich auf Sonntag, auf mein
Desdemona-Liedchen; wahrlich, wenn ich einmal sterbe, es soll mein
Schwanengesang werden."
"Gibt es Ahnungen?" dachte der Major bei diesen flüchtig
hingeworfenen Worten, die ihm unwillkürlich schwer und bedeutungsvoll
klangen; "die Sage von der gespenstigen Desdemona, die Furcht des
alten Regisseurs, seine Träume vom Trauergeleite und dieser
Schwanengesang!" Er sah der holden lieblichen Erscheinung nach, wie
sie froh und freundlich durch die Säle glitt, wie sie, gleich dem
Mädchen aus der Fremde, jedem eine schöne Gabe, ein Lächeln oder ein
freundliches Wort darreichte--"wenn der Zufall es wieder wollte",
dachte er, "wenn sie stürbe!" Er verlachte sich im nächsten
Augenblicke selbst, er konnte nicht begreifen, wie ein solcher
Gedanke in seine vorurteilsfreie Seele kommen könne--er suchte mit
Gewalt dieses lächerliche Phantom aus seiner Erinnerung zu verdrängen
--umsonst! Dieser Gedanke kehrte immer wieder, überraschte ihn
mitten unter den fremdartigsten Reden und Gegenständen, und immer
noch glaubte er, eine süße Stimme flüstern zu hören: "Wenn ich sterbe
--sei es mein Schwanengesang."
Der Sonntag kam und mit ihm ein sonderbarer Vorfall. Der Major war
nachmittags mit dem Grafen und mehreren Offizieren ausgeritten. Auf
dem Heimweg überfiel sie ein Regen, der sie bis auf die Haut
durchnäßte. Die Wohnung des Grafen lag dem Tore zunächst, er bat
daher den Major, sich bei ihm umzukleiden; einen Hut des Freundes auf
dem Kopf, in einen seiner Überröcke gehüllt, trat der Major aus dem
Hause, um in seine eigene Wohnung zu eilen. Er mochte einige Straßen
gegangen sein, und immer war es ihm, als schleiche jemand allen
seinen Tritten nach. Er blieb stehen, sah sich um, und dicht hinter
ihm stand ein hagerer, großer Mann in einem abgetragenen Rock. "Dies
an Sie, Herr!" sagte er mit dumpfer Stimme und durchdringendem Blick,
drückte dem Erstaunten ein kleines Billet in die Hand und sprang um
die nächste Ecke. Der Major konnte nicht begreifen, woher ihm, in
der völlig fremden Stadt, solche geheimnisvolle Botschaft kommen
sollte? Er betrachtete das Billet von allen Seiten, es war ein
feines, glänzendes Papier, in eine Schleife künstlich
zusammengeschlungen, mit einer schönen Kamee gesiegelt. Keine
Aufschrift. "Vielleicht will man sich einen Scherz mit dir machen",
dachte er und öffnete es sorglos noch auf der Straße; er las und
wurde aufmerksam, er las weiter und erblaßte, er steckte das Papier
in die Tasche und eilte seiner Wohnung, seinem Zimmer zu.
Es war schon Dämmerung gewesen auf der Straße, er glaubte nicht recht
gelesen zu haben, er rief nach Licht. Aber auch beim hellen Schein
der Kerzen blieben die unseligen Worte fest und drohend stehen.
"Elender! Du kannst Dein Weib, Deine kleinen Würmer im Elend
schmachten lassen, während Du vor der Welt in Glanz und Pracht
auftrittst? Was willst Du in dieser Stadt? Willst Du ein
ehrwürdiges Fürstenhaus beschimpfen; seine Tochter so unglücklich
machen, als Du Dein Weib gemacht hast! Fliehe; in der Stunde, wo Du
dieses liesest, weiß Pr. Sph. das schändliche Geheimnis Deines
Betrugs."
Der Major war keinen Augenblick im Zweifel, daß diese Zeilen an den
Grafen gerichtet, daß sie durch Zufall, vielleicht weil er in des
Freundes Kleidern über die Straße gegangen, in seine Hände geraten
seien. Jetzt wurden ihm auf einmal jene Ausbrüche der Verzweiflung
klar; es war Reue, Selbstverachtung, die in einzelnen Momenten die
glänzende Hülle durchbrochen, womit er sein trügerisches Spiel
bedeckt hatte. Laruns Blicke fielen auf die Zeilen, die er noch
immer in der Hand hielt, jene Chiffern Pr. Sph. konnten nichts
anderes bedeuten als den Namen des holden, jetzt so unglückseligen
Geschöpfes, das jener gewissenlose Verräter in sein Netz gezogen
hatte. Der Major war ein Mann von kaltem, berechnendem Blick, von
starkem, konsequentem Geiste; er hatte sich selten oder nie von einem
Gegenstand überraschen oder außer Fassung setzen lassen, aber in
diesem Augenblick war er nicht mehr Herr über sich; Wut, Grimm,
Verachtung kämpften wechselweise in seiner Seele. Er suchte sich zu
bezwingen, die Sache von einem milderen Gesichtspunkt anzusehen, den
Grafen durch seinen Charakter, seinen grenzenlosen Leichtsinn zu
entschuldigen; aber der Gedanke an Sophie, der Blick auf "das Weib
und die armen kleinen Würmer" des Elenden verjagten jede mildernde
Gesinnung, brausten wie ein Sturm durch seine Seele; ja, es gab
Augenblicke, wo seine Hand krampfhaft nach der Wand hinzuckte, um die
Pistolen herunterzureißen und den schlechten Mann noch in dieser
Stunde zu züchtigen. Doch die Verachtung gegen ihn bewirkte, was
mildere Stimmen in seiner Brust nicht bewirken konnten; "er muß fort,
noch diese Stunde", rief er; "die Unglückliche, die er betörte, darf
um keinen Preis erfahren, welchem Elenden sie ihre erste Liebe
schenkte. Sie soll ihn beweinen, vergessen; ihn verachten zu müssen,
könnte sie töten." Er warf diese Gedanken schnell aufs Papier, raffte
eine große Summe, mehr als er entbehren konnte, zusammen, legte den
unglücklichen Brief bei und schickte alles durch seinen Diener an den
Grafen.
Es war die Stunde, in die Oper zu fahren; wie gerne hätte der Major
heute keinen Menschen mehr gesehen, und doch glaubte er es der
Prinzessin schuldig zu sein, sie vor der gedrohten Warnung zu
bewahren. Er sann hin und her, wie er dies möglich machen könne, es
blieb ihm nichts übrig, als sie zu beschwören, keinen Brief von
fremden Händen anzunehmen.
Er warf den Mantel um und wollte eben das Zimmer verlassen, als sein
Diener zurückkam, er hatte das Paket an den Grafen noch in der Hand.
"Seine Exzellenz sind soeben abgereist", sagte er und legte das Paket
auf den Tisch.
"Abgereist?" rief der Major, "nicht möglich!"
"Vor der Türe ist sein Jäger, er hat einen Brief an Sie; soll ich ihn
hereinbringen?"
Der Major winkte, der Diener führte den Jäger herein, der ihm weinend
einen Brief übergab. Er riß ihn auf "Leben Sie wohl auf ewig! Der
Brief, der, wie ich soeben erfahre, vor einer Stunde in Ihre Hände
kam, wird meine Abreise sans Adieu entschuldigen. Wird mein Kamerad
von sechs Feldzügen einer geliebten Dame den Schmerz ersparen, meinen
Namen in allen Blättern aufrufen zu hören? wird er die wenigen Posten
decken, die ich nicht mehr bezahlen kann?"
"Wann ist Euer Herr abgereist?"
"Vor einer Viertelstunde, Herr Major!"
"Wußtet Ihr um seine Reise?"
"Nein, Herr Major! Ich glaube, Seine Exzellenz wußten es heute
nachmittag selbst noch nicht; denn sie wollten heute abend ins
Theater fahren. Um fünf Uhr ging der Herr Graf zu Fuß aus und ließ
mich folgen. Da begegnete ihm an der reformierten Kirche ein großer,
hagerer Mann, der bei seinem Anblick sehr erschrak. Er ging auf
meinen Herrn zu und fragte, ob er der Graf Zronievsky sei? Mein Herr
bejahte es; darauf fragte er, ob er vor einer Viertelstunde ein
Billet empfangen? Der Herr Graf verneinte es.
Nun sprach der fremde Mann eine Weile heimlich mit meinem Herrn; er
muß ihm keine gute Nachricht gegeben haben, denn der Herr Graf wurde
blaß und zitterte; er kehrte um nach Hause, schickte den Kutscher
nach Postpferden, ich mußte schnell zwei Koffer packen; der
Reisewagen mußte vorfahren. Der Herr Graf verwies mich mit den
Rechnungen und allem an Sie und fuhr die Straße hinab zum Süder Tor
hinaus. Er nahm vorher noch Abschied von mir, ich glaube für immer."
Der Major hatte schweigend den Bericht des Jägers angehört; er befahl
ihm, den nächsten Morgen wieder zu kommen und fuhr ins Theater. Die
Ouvertüre hatte schon begonnen, als er in die Loge trat, er warf sich
auf einen Stuhl nieder, von wo er die fürstliche Loge beobachten
konnte. In allem Schmuck ihrer natürlichen Schönheit und Anmut saß
Prinzessin Sophie neben ihrer Mutter. Ihr Auge schien vor Freude zu
strahlen, eine heitere Ruhe lag auf ihrer Stirne, um den
feingeschnittenen Mund wehte ein holdes Lächeln.. vielleicht der
Nachklang eines heiteren Scherzes--sie hatte ja jetzt ihren Willen
durchgesetzt, 'Othello' war es, der den Saal und die Logen des Hauses
gefüllt hatte. Jetzt nahm sie die Lorgnette vor das Auge, wie
letzthin schien sie eifrig im Hause nach etwas zu suchen--argloses
Herz; du schlägst vergebens dem Geliebten entgegen; deine liebevollen
Blicke werden ihn nicht mehr finden, dein Ohr lauscht vergebens, ob
nicht sein Schritt im Korridor erschallt, du beugst umsonst den
schönen Nacken zurück, die Türe will sich nicht öffnen, seine hohe,
gebietende Gestalt wird sich dir nicht mehr nahen.
Sie senkte das Glas; ein Wölkchen von getäuschter Erwartung und
Trauer lagerte sich unter den blonden Locken, die schönen Bogen der
Brauen zogen sich zusammen und ließen ein kaum merkliches Fältchen
des Unmuts sehen. Die feinen seidenen Wimpern senkten sich wie eine
durchsichtige Gardine herab, sie schien zu sinnen, sie zeichnete mit
der Lorgnette auf die Brüstung der Loge.--Sind es vielleicht seine
Chiffern, die sie in Gedanken versunken vor sich hinschreibt? Wie
bald wird sie vielleicht dem Namen fluchen, der jetzt ihre Seele
füllt!
Dem Major traten unwillkürlich Tränen in die Augen, als er Sophie
betrachtete. "Noch ahnet sie nicht, was ihrer wartet", dachte er,
"aber nie, nie soll sie erfahren, wie elend der war, den sie liebte."
Der Gedanke an diesen Elenden bemächtigte sich seiner aufs neue; er
drückte die Augen zu, verfluchte die menschliche Natur, die durch
Leichtsinn und Schwäche aus einem erhabenen Geist, aus einem tapfern
Mann einen ehrvergessenen, treulosen Betrüger machen könne.
Der Major hat oft gestanden, daß einer der schrecklichsten
Augenblicke in seinem Leben der gewesen sei, wo er im ersten
Zwischenakt 'Othellos' in die fürstliche Loge kam. Es war ihm zu Mut,
als habe er selbst an Sophien gefrevelt, als sei er es, der ihr Herz
brechen müsse. Der Gedanke war ihm unerträglich, sie arglos,
glücklich, erwartungsvoll vor sich zu sehen und doch zu wissen, welch
namenloses Unglück ihrer warte. Er trat ein; ihre Blicke begegneten
ihm sogleich; sie hatte wohl oft nach der Türe gesehen. Mit hastiger
Ungeduld übersah sie einen Prinzen und zwei Generale, die sich ihr
nahen wollten, sie winkte den Major heran. "Haben wir jetzt unsern
'Othello'?" sagte sie; "Sind Sie nicht auch glücklich,
erwartungsvoll?--doch einen unserer Othelloverschworenen sehe ich
nicht", flüsterte sie leiser, indem sie leicht errötete; "der Graf
ist sicherlich hinter den Kulissen, um recht warmen Dank zu verdienen,
wenn er alles recht schön machen läßt?"
"Verzeihen Euer Hoheit", erwiderte der Major, mühsam nach Fassung
ringend; "der Graf läßt sich entschuldigen, er ist schnell auf einige
Tage verreist."
Sophie erbleichte; "verreist, also nicht in der Oper? Wohin riefen
ihn denn so schnell seine Geschäfte? O, das ist gewiß ein Scherz,
den Sie beide zusammen machen", rief sie, "glauben Sie denn, er werde
nur so schnell weggehen, ohne sich zu beurlauben? Nein, nein, das
gibt irgend einen hübschen Spaß. Jetzt weiß ich auch, woher mir ein
gewisses Briefchen zukam."
Der Major erschrak, daß er sich an dein nächsten Stuhl halten mußte.
"Ein Briefchen!" fragte er mit bebender Stimme, eine schreckliche
Ahnung stieg in ihm auf.
"Ja, ein zierliches Billetchen", sagte sie und ließ neckend das Ende
eines Papiers unter dem breiten Bracelet hervorgehen, das ihren
schönen Arm umschloß. "Ein Briefchen, das man recht geheimnisvoll
mir zugesteckt hat. Ich sehe es Ihnen an den Augen an, Sie sind im
Komplott. Ich habe noch keine Gelegenheit gefunden, es zu öffnen,
denn einen solchen Scherz muß man nicht öffentlich machen, aber
sobald ich in mein Boudoir komme--"
"Durchlaucht! ich bitte um Gottes willen, geben Sie mir das Billet",
sagte der Major, von den schrecklichsten Qualen gefoltert; "es ist
gar nicht einmal an Sie, es ist in ganz unrechte Hände gekommen."
"So? um so besser; das gebe ich um keine Welt heraus, das soll mir
Aufschluß geben über die Geheimnisse gewisser Leute! An eine Dame
war es also auf jeden Fall; es ist wirklich hübsch, daß es gerade in
meine Hände kam."
Der Major wollte noch einmal bitten, beschwören, aber der Prinz fuhr
mit seinem Kopf dazwischen, die beiden Generale fielen mit Fragen und
Neuigkeiten herein, er mußte sich zurückziehen. Verfolgt von
schrecklichen Qualen, ging er zu seiner Loge zurück, er preßte seine
Augen in die Hand, um die Unglückliche nicht zu sehen, und immer
wieder mußte er von neuem hinschauen, mußte von neuem die Qualen der
Angst, die Gewißheit des nahenden Unglücks mit seinen Blicken
einsaugen.
Die Diamanten am Schlosse ihres Armbandes spielten in tausend
Lichtern, ihre Strahlen zuckten zu ihm herüber, sie drangen wie
tausend Pfeile in sein Herz. "Welchen Jammer verschließen jene
Diamanten! Wenn sie im einsamen Gemach diese Bänder öffnet, öffnet
sie nicht zugleich die Pforte eines grauenvollen Frevels? Ihr Puls
schlägt an diese unseligen Zeilen, wie ihr Herz für den Geliebten
pocht; wird es nicht stille stehen, wenn das Siegel springt und das
ahnungslose Auge auf eine furchtbare Kunde fällt?"
Desdemona stimmte ihre Harfe; ihre wehmütigen Akkorde zogen flüsternd
durch das Haus, sie erhob ihre Stimme, sie sang--ihren
Schwanengesang. Wie wunderbar, wie mächtig ergriffen diese
melancholischen Klänge jedes Herz; so einfach, so kindlich ist dieses
Lied, und doch von so hohem tragischem Effekt! Man fühlt sich bange
und beengt, man ahnt, welch grauenvolles Schicksal ihrer warte, man
glaubt den Mörder in der Ferne schleichen zu hören, man fühlt die
unabwendbare Macht des Schicksals näher und näher kommen, es
umtauscht sie wie die Fittiche des Todes. Sie ahnet es nicht; sanft,
arglos wie ein süße Kind sitzt sie an der Harfe, nur die Schwermut
zittert in weichen Klängen aus ihrer Brust hervor, aus diesem vollen,
liebewarmen Herzen, für das der Stahl schon gezückt ist. Sie
flüstert Liebesgrüße in die Ferne nach ihm, der sie zermalmen wird;
ihre Sehnsucht scheint ihn in ihre Arme zu rufen, er wird kommen--
sie zu morden; sie betet für ihn, Desdemona segnet ihn der ihr den
Fluch gibt.
Der Major teilte seine Blicke zwischen der Sängerin und Sophien. Sie
lauschte in Wehmut versunken auf das Lieblingslied, eine Träne hing
in ihren Wimpern, sie weinte unbewußt über ihr eigenes Geschick; die
Akkorde der Harfe vorschwebten, Sophie sah sinnend, träumend vor sich
hin. "Wenn ich einst sterbe, soll es mein Schwanengesang sein",
klang es in der Erinnerung des Majors; "wahrlich! sie hat wahr
gesagt", sprach er zu sich, "es war der Schwanengesang ihres Glückes."
Othello trat auf. Sophiens Aufmerksamkeit war jetzt nicht mehr auf
die Oper gerichtet, sie sah herab auf ihr Armband, sie spielte mit
dem Schloß; ein heiteres Lächeln verdrängte ihre Wehmut, ihre Blicke
streiften nach der Loge des Majors herüber--er strengte angstvoll
seine Blicke an--Gott im Himmel, sie schiebt das unglückselige
Papier hervor und verbirgt es in ihr Tuch--er glaubt zu sehen, wie
sie heimlich das Siegel bricht--verzweiflungsvoll stürzt er aus
seiner Loge den Korridor entlang. Er weiß nicht warum, es treibt ihn
mit unsichtbarer Gewalt der fürstlichen Loge zu, er ist nur noch
einige Schritte entfernt--da hört er ein Geräusch in dem. Haus, man
kommt aus der Loge, Bediente und Kammerfrauen eilen ängstlich an ihm
vorüber, eine schreckliche Ahnung sagt ihm schon vorher, was es,
bedeute, er fragt, er erhält die Antwort. "Prinzessin Sophie ist
plötzlich in Ohnmacht gesunkenen!"
9.
Düster, zerrissen in seinem Innern, saß einige Tage nach diesem
Vorfall der Major Larun in seinem Zimmer. Seine Stirne ruhte in der
Hand, sein Gesicht war bleich, seine Augen halb geschlossen, der
sonst so starke Mann zerdrückte manche Träne, die sich über seine
Wimpern stehlen wollte. Er dachte an das schreckliche Geschick, in
dessen innerstes Gewebe ihn der Zufall geworfen; er sah alle diese
feinen Fäden, die, wenigen Augen außer ihm sichtbar, so lose sich
anknüpften; er sah, wie sie weiter gesponnen, wie sie verknüpft und
gedoppelt zu einem nur zu festen Netz um ein zartes, unglückliches
Herz sich schlangen. Unbesiegbare Bitterkeit mischte sich in diese
trüben Erinnerungen; sein alter Waffenfreund, ein so glänzendes
Meteor am Horizont der Ehre, ein so braver Soldat und jetzt ein
Elender, Ehrvergessener, der, ohne nur entfernt einen andern Ausgang
erwarten zu können, mit allen Künsten der Liebe die unbewachten Sinne
eines kaum zur Jungfrau erblühten Kindes betörtet. In diese Gedanken
mischte sich das Bild dieses so unendlich leidenden Engels, mischte
sich die Angst vor einer Szene, welcher er in der nächsten Stunde
entgegengehen sollte. Eine angesehene Dame, die Oberhofmeisterin der
Prinzessin Sophie, hatte ihn diesen Nachmittag zu sich rufen lassen.
Sie entdeckte ihm ohne Hehl, daß Sophie von einer schweren Krankheit
befallen sei, daß die Ärzte wenig Hoffnung geben, denn sie nennen
ihre Krankheit einen Nervenschlag. Sie sagte ihm weiter, die
Prinzessin habe ihr alles gesagt, sie habe ihr kein Wort dieses
strafbaren Verhältnisses verschwiegen. Sie wisse, daß in der
Residenz nur ein Mensch lebe, der jenen Grafen Zronievsky näher
gekannt habe, dies sei der Baron von Larun. Mit einer Angst, einem
Verlangen, das an Verzweiflung grenze, dringe die Unglückliche darauf,
mit ihm ohne Zeugen zu sprechen. Die Oberhofmeisterin wüßte wohl,
wie sehr dies gegen die Vorschriften laufe, welche die Etikette ihr
auferlegen, aber der Anblick des jammernden Kindes, das nur noch dies
eine Geschäft auf der Erde abmachen zu wollen schien, erhob sie über
die Schranken ihrer Verhältnisse, sie wagte es, dem Major den
Vorschlag zu machen, diesen Abend unter ihrer Begleitung heimlich zu
der Kranken zu gehen.
Der Major hatte nicht nein gesagt. Er wußte, daß er ihr nichts
Tröstliches sagen könne, er fühlte aber, wie in einem so tiefen Gram
das Verlangen nach Mitteilung unüberwindlich werden müsse.
Aber was sollte er ihr sagen? Mußte er nicht befürchten, von ihrem
Anblick, von den trüben Erinnerungen der letzten Tage so bestimmt zu
werden, daß sein lauter Schmerz sie noch unglücklicher machte? Er
war noch in diese Gedanken versunken, als ihm gemeldet wurde, daß man
ihn erwarte; die alte Oberhofmeisterin hielt in ihrem Wagen vor dem
Hause; er setzte sich schweigend neben ihre Seite.
"Sie werden die Prinzessin sehr schlecht finden", sagte diese Dame
mit Tränen; "ich gebe alle Hoffnung auf. Ich kann mir nicht denken,
daß in der Unterredung mit Ihnen, Herr Baron, noch etwas Rettendes
liegen könne. Wenn Sie ihr keinen Trost geben können, so verlischt
sie uns wie eine Lampe, die kein Öl mehr hat, um ihre Flamme zu
nähren; und wollten Sie ihr Trost, Hoffnung geben, so sind diese
Gefühle in ihren Verhältnissen von so unnatürlicher Art, daß ich
beinahe wünschen müßte, sie möge eher sterben, als ihrem Hause
Schande machen."
"Also werde ich ihr den Tod bringen müssen", sagte der Major bitter
lächelnd;--"weiß man in der Familie um diese Geschichten? Was denkt
man von der Krankheit?"
"Wie ich Ihnen sagte, Herr Baron; die Familie, der Hof und die Stadt
weiß nicht anders, als daß sie sich erkältet haben muß; die törichten
Leute bringen auch noch die fatale Oper ins Spiel und lassen sie am
'Othello' sterben. Was wir beide wissen, weiß sonst niemand; es gibt
einige Damen, die dieses Verhältnis früher ahnten, aber nicht genau
wußten."
"Und doch fürchte ich", entgegnete der Major, indem er seinen
durchdringenden Blick auf die Dame an seiner Seite heftete, "ich
fürchte, sie stirbt an einem sehr gewagten Bubenstück. Man hat
dieses Verhältnis geahnt, nachgespürt, es wurde zur Gewißheit, man
suchte eine Trennung herbeizuführen, man spürte die Verhältnisse des
Grafen aus--"
"Glauben Sie?" sagte die Oberhofmeisterin blaß und mit bebenden
Lippen, indem sie umsonst versuchte, den Blick des Majors auszuhalten.
"Man forschte diese Verhältnisse aus", fuhr der Major fort; "man
suchte ihn von hier wegzuschrecken, indem man ihm drohte, der
Prinzessin zu sagen, daß er verheiratet sei. Bis hieher war der Plan
nicht übel; es gehörte einem solchen Elenden, daß man nicht gelinder
mit ihm verfuhr. Aber man ging weiter; man wollte auch die
unglückliche Dame schnell von ihrer Liebe heilen, man machte sie mit
dem Geheimnis des Grafen bekannt, man glaubte, sie werde alles über
Nacht vergessen. Und hier war der Plan auf die Nerven eines
Dragoners berechnet, aber nicht auf das Herz dieses zarten Kindes."
"Ich muß bitten, zu bedenken", entgegnete die Oberhofmeisterin mit
ihrer früheren Kälte, aber mit flehenden Blicken, "daß dieses zarte
Kind eine Prinzessin des fürstlichen Hauses ist, daß sie erzogen
wurde, um mit Anstand über solche Mißverhältnisse wegzugehen. Sollte
wirklich irgend ein solcher Plan vorhanden gewesen sein, so kann ich
die Handelnden nicht tadeln, sie haben wahrhaftig geschickt operiert
-"
"Sie haben ihren Zweck erreicht, sie wird sterben", unterbrach sie
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