»Was hatten Sie denn vorhin?« fragte er. »Was war es? Ich habe Sie
nicht begriffen. Gewiß haben Sie mich mißverstanden. Sie thronen
in meinem Herzen wie eine Madonna, hoch und hehr und unerreichbar!
Aber ich kann ohne Sie nicht leben! Ich muß Ihre Augen sehen, Ihre
Stimme hören, Ihre Gedanken wissen! Seien Sie meine Freundin,
meine Schwester, mein Schutzengel!«
Er schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie versuchte, sich ihm
sanft zu entwinden, aber er ließ sie nicht los. So gingen sie
nebeneinander hin. Da hörten sie ihre Pferde, die Blätter von den
Bäumen rupften.
»Noch nicht!« bat Rudolf. »Reiten wir noch nicht zurück! Bleiben
Sie!«
Er zog sie mit sich vom Wege ab in die Nähe eines kleinen Weihers,
dessen Spiegel mit Wasserlinsen bedeckt war. Zwischen Schilf
träumten verwelkte Wasserrosen. Vor dem Geräusch ihrer Schritte im
Gras hüpften die Frösche davon und verschwanden.
»Es ist nicht recht von mir ... es ist nicht recht von mir! Ich
bin toll, daß ich auf Sie höre!«
»Warum? Emma! Emma!«
»Ach, Rudolf!« flüsterte die junge Frau, indem sie sich an ihn
anschmiegte.
Das Tuch ihres Jacketts lag dicht am Samt seines Rockes. Sie bog
ihren weißen Hals zurück, den ein Seufzer schwellte. Halb
ohnmächtig und tränenüberströmt, die Hände auf ihr Gesicht
pressend und am ganzen Leib zitternd, gab sie sich ihm hin ...
Die Dämmerung sank herab. Die Sonne stand blendend am Horizont und
flammte in den Zweigen. Hier und da, um die beiden herum, im Laub
und auf dem Boden, tanzten lichte Flecke, als hätten Kolibris im
Vorbeifliegen ihre schimmernden Federn verloren. Rings tiefes
Schweigen. Die Bäume atmeten süße Melancholie.
Emma fühlte, wie ihr Herz wieder klopfte, wie ihr das Blut durch
den Körper kreiste.
In der Ferne, hinter dem Walde, über der Höhe ertönte ein
langgezogener seltsamer Schrei, unaufhörlich. Dem lauschte sie
schweigend. Er mischte sich in die verklingenden Schwingungen
ihrer zuckenden Nerven und ward zu Musik ...
Rudolf rauchte eine Zigarette und stellte mit Hilfe seines
Taschenmessers einen zerrissenen Zügel wieder her.
Auf demselben Wege ritten sie nach Yonville zurück. Sie sahen im
weichen Boden die Spuren ihres Hinrittes, die Huftritte beider
Pferde dicht beieinander, sie erkannten die Büsche wieder und
einzelne Steine am Rain. Nichts um sie herum hatte sich verändert,
und doch kam es Emma vor, als sei etwas höchst Bedeutsames
geschehen, als seien die Berge von ihrem Platze geschoben. Von
Zeit zu Zeit beugte sich Rudolf zu ihr herüber, um ihre rechte
Hand zu erfassen und zu küssen. Er fand Emma im Sattel entzückend
aussehend, bei ihrem geraden Sitz, ihrer schlanken Figur, der
schicken Haltung ihres rechten Knies, ihren von der scharfen Luft
geröteten Wangen, -- alles im Abendrot.
Als sie Yonville erreichten, wurde ihr Pferd unruhig. Einmal
machte es sogar kehrt. Aus allen Fenstern sah man ihr zu.
Beim Essen machte Karl die Bemerkung, Emma sähe vorzüglich aus.
Als er sich aber darnach erkundigte, wie der Spazierritt gewesen
sei, tat sie, als hätte sie die Frage überhört. Sie stützte sich
auf die Ellenbogen und starrte über ihren Teller weg in die
flackernden Kerzen.
»Emma!«
»Was denn?«
»Weißt du, ich bin heute nachmittag beim Pferdehändler gewesen. Er
hat eine recht gut aussehende alte Mutterstute zu verkaufen. Die
Knie sind nur ein bißchen durch. Ich bin überzeugt, für hundert
Taler ...« Da sie nichts dazu sagte, fuhr er nach ein paar
Augenblicken fort: »Ich habe gedacht, es sei dir erwünscht, und da
habe ich mir den Gaul zurückstellen lassen ... nein, gleich
gekauft ... Ists dir recht? Sag mal!«
Sie nickte bejahend mit dem Kopfe.
Eine Viertelstunde später fragte sie:
»Gehst du heute abend aus?«
»Ja. Warum denn?«
»Ach, ich wollt es bloß wissen, Bester!«
Sobald sie von Karl befreit war, ging sie in ihr Zimmer hinauf und
schloß sich ein.
Sie war zunächst noch wie unter einem Banne. Sie sah im Geist die
Bäume, die Wege, die Gräben, den Geliebten und fühlte seine
Umarmung. Das Laub wisperte um sie herum, und das Schilf rauschte.
Dann aber erblickte sie sich im Spiegel. Sie staunte über ihr
Aussehen. So große schwarze Augen hatte sie noch nie gehabt! Und
wie tief sie lagen! Etwas Unsagbares umfloß ihre Gestalt. Sie kam
sich wie verklärt vor.
Immer wieder sagte sie sich: »Ich habe einen Geliebten! Einen
Geliebten!«
Der Gedanke entzückte sie. Es war ihr, als sei sie jetzt erst Weib
geworden. Endlich waren die Liebesfreuden auch für sie da, die
fiebernde Glückseligkeit, auf die sie bereits keine Hoffnung mehr
gehabt hatte! Sie war in eine Wunderwelt eingetreten, in der alles
Leidenschaft, Verzückung und Rausch war. Blaue Unermeßlichkeit
breitete sich rings um sie her, vor ihrer Phantasie glänzte das
Hochland der Gefühle, und fern, tief unten, im Dunkel, weit weg
von diesen Höhen, lag der Alltag.
Sie erinnerte sich an allerlei Romanheldinnen, und diese Schar
empfindsamer Ehebrecherinnen sangen in ihrem Gedächtnisse mit den
Stimmen der Klosterschwestern. Entzückende Klänge! Jene
Phantasiegeschöpfe gewannen Leben in ihr; der lange Traum ihrer
Mädchenzeit ward zur Wirklichkeit. Nun war sie selber eine der
amoureusen Frauen, die sie so sehr beneidet hatte! Dazu das Gefühl
befriedigter Rache! Hatte sie nicht genug gelitten? Jetzt
triumphierte sie, und ihre so lange unterdrückte Sinnlichkeit
wallte nun auf und schäumte lebensfreudig über. Sie genoß ihre
Liebe ohne Gewissenskämpfe, ohne Nervosität, ohne Wirrungen.
Der Tag darauf verging in neuem süßen Glück. Sie schworen sich
ewige Treue. Emma erzählte ihm von ihren Leiden und Trübsalen. Er
unterbrach sie mit Küssen. Sie sah ihn mit halbgeschlossenen Augen
an und bat ihn immer wieder, sie bei ihrem Vornamen zu nennen und
ihr noch einmal zu sagen, daß er sie liebe. Es war wiederum im
Walde, in einer verlassenen Holzschuhmacherhütte. Die Wände waren
von Strohmatten und das Dach so niedrig, daß man drin nicht
aufrecht stehen konnte. Sie saßen dicht beieinander auf einer
Streu von trocknem Laub.
Von diesem Tag an schrieben sie sich beide regelmäßig alle Abende.
Emma trug ihren Brief hinter in den Garten, wo sie ihn unter einen
lockeren Stein der kleinen Treppe, die zum Bach führte, verbarg.
Dort holte ihn Rudolf ab und legte einen von sich hin. Seine
Briefe waren sehr kurz, worüber sie sich alle Tage beklagte.
Eines Morgens, da Karl bereits vor Sonnenaufgang fortgegangen war,
geriet sie plötzlich auf den Einfall, unverweilt Rudolf sehen zu
wollen. Ehe die Yonviller aufständen, konnte sie nach der Hüchette
gehen, eine Stunde dort verweilen und wieder zurückkommen. Dieser
Plan ließ sie gar nicht recht zur Besinnung kommen. Ein paar
Augenblicke später war sie schon mitten in den Wiesen. Ohne sich
umzublicken, schritt sie eilig ihres Wegs.
Der Tag begann zu grauen. Schon von weitem erkannte sie das Gut
des Geliebten. Der Schwalbenschwanz der Wetterfahne auf dem
höchsten Giebel zeichnete sich schwarz vom fahlen Himmel ab.
Über den Hof weg stand ein großes Gebäude. Das mußte das
Herrenhaus sein. Dort trat sie ein. Es war ihr, als öffnete sich
ihr alles von selbst. Eine breite Treppe führte auf einen Gang.
Emma drückte auf die Klinke einer Tür, und da erblickte sie im
Hintergrunde dieses Zimmers einen Mann im Bett. Es war Rudolf. Sie
frohlockte laut.
»Du? Du!« rief er aus. »Wie hast du das fertig gebracht? Dein Kleid
ist feucht ...«
»Ich liebe dich!« war ihre Antwort, indem sie ihm die Arme um den
Hals schlang.
Nachdem ihr dieses Wagnis beim ersten Male geglückt war, kleidete
sich Emma jedesmal, wenn Karl frühzeitig fort mußte, rasch an und
schlich sich wie ein Wiesel durch die hintere Gartenpforte, auf
dem Treppchen, das hinunter nach dem Bache führte, aus dem Hause.
Aber wenn die Planke, die als Steg über das Wasser diente,
zufällig weggenommen war, mußte sie ein Stück bis zum nächsten
Steg an den Gartenmauern längs des Baches hingehen. Die bewachsene
Böschung war steil und glitschig, und so mußte sie sich mit der
einen Hand an Büscheln der vertrockneten Mauerblumen festhalten,
um nicht zu fallen. Dann aber eilte sie querfeldein über die
Äcker, ungeachtet, daß ihre zierlichen Schuhe einsanken, daß sie
oft stolperte oder stecken blieb. Das Chiffontuch, das sie sich um
Kopf und Hals gewunden hatte, flatterte im Winde. Aus Angst vor
den weidenden Ochsen begann sie zu laufen. Atemlos, mit glühenden
Wangen, ganz vom frischen Duft der Natur, ihrer Säfte, ihres Grüns
und der freien Luft durchtränkt, kam sie an. Rudolf schlief dann
meist noch. Sie kam zu ihm in sein Gemach wie der
leibhaftgewordene Frühlingsmorgen.
Die gelben Gardinen vor den Fenstern machten das eindringende
goldene Morgenlicht traulich und dämmerig. Mit blinzelnden Augen
fand sich Emma zurecht. Die Tautropfen an ihren Gewändern
leuchteten wie Topase und verliehen ihr etwas Feenhaftes. Rudolf
zog sie lachend zu sich und drückte sie an sein Herz.
Darnach sah sie sich im Zimmer alles an, zog alle Fächer auf,
kämmte sich mit seinem Kamm und betrachtete sich in seinem
Rasierspiegel. Mitunter nahm sie seine große Tabakspfeife in den
Mund, die auf dem Nachttisch lag, zwischen Zitronen und
Zuckerstücken, neben der Wasserflasche.
Zum Abschiednehmen brauchten sie immer eine Viertelstunde. Emma
vergoß Tränen. Am liebsten wäre sie gar nicht wieder von ihm
weggegangen. Eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie immer von
neuem in seine Arme.
Da eines Tages, als er sie unerwartet eintreten sah, machte er ein
bedenkliches Gesicht, als ob es ihm nicht recht wäre.
»Was hast du denn?« fragte sie. »Hast du Schmerzen? Sprich!«
Schließlich erklärte er ihr in ernstem Tone, ihre Besuche begönnen
unvorsichtig zu werden. Sie kompromittiere sich.
Zehntes Kapitel
Allmählich machten Rudolfs Befürchtungen auf Emma Eindruck. Zuerst
hatte die Liebe sie berauscht, und so hatte sie an nichts andres
gedacht. Jetzt aber, da ihr diese Liebe zu einer Lebensbedingung
geworden war, erwachte die Furcht in ihr, es könne ihr etwas davon
verloren gehen oder man könne sie ihr gar stören. Wenn sie von dem
Geliebten wieder heimging, hielt sie mit rastlosen Blicken
Umschau; sie spähte nach allem, was sich im Gesichtskreise regte,
sie suchte die Häuser des Ortes bis hinauf in die Dachluken ab, ob
jemand sie beobachte. Sie lauschte auf jedes Geräusch, jeden
Tritt, jedes Rädergeknarr. Manchmal blieb sie stehen, blasser und
zittriger als das Laub der Pappeln, die sich über ihrem Haupte
wiegten.
Eines Morgens, auf dem Heimwege, erblickte sie mit einem Male den
Lauf eines Gewehrs auf sich gerichtet. Es ragte schräg über den
oberen Rand einer Tonne hervor, die zur Hälfte in einem Graben
stand und vom Gebüsch verdeckt wurde. Vor Schreck halb ohnmächtig
ging Emma dennoch weiter. Da tauchte ein Mann aus der Tonne wie
ein Springteufel aus seinem Kasten. Er trug Wickelgamaschen bis
an die Knie, und die Mütze hatte er tief ins Gesicht
hereingezogen, so daß man nur eine rote Nase und bebende Lippen
sah. Es war der Feuerwehrhauptmann Binet, der auf dem Anstand lag,
um Wildenten zu schießen.
»Sie hätten schon von weitem rufen sollen!« schrie er ihr zu.
»Wenn man ein Gewehr sieht, muß man sich bemerkbar machen!«
Der Steuereinnehmer suchte durch seine Grobheit seine eigene Angst
zu bemänteln. Es bestand nämlich eine landrätliche Verordnung,
nach der man die Jagd auf Wildenten nur vom Kahne aus betreiben
durfte. Bei allem Respekt vor den Gesetzen machte sich also Binet
einer Übertretung schuldig. Deshalb schwebte er in steter Furcht,
der Landgendarm könne ihn erwischen, und doch fügte die Aufregung
seinem Vergnügen einen Reiz mehr zu. Wenn er so einsam in seiner
Tonne saß, war er stolz auf sein Jagdglück und seine Schlauheit.
Als er erkannte, daß es Frau Bovary war, fiel ihm ein großer Stein
vom Herzen. Er begann sofort ein Gespräch mit ihr.
»Es ist kalt heute! Ordentlich kalt!«
Emma gab keine Antwort. Er fuhr fort:
»Sie sind heute schon zeitig auf den Beinen?«
»Jawohl!« stotterte sie. »Ich war bei den Leuten, wo mein Kind
ist...«
»So so! Na ja! Und ich! So wie Sie mich sehen, sitze ich schon
seit Morgengrauen hier. Aber das Wetter ist so ruppig, daß man
auch nicht einen Schwanz vor die Flinte kriegt ...«
»Adieu, Herr Binet!« unterbrach sie ihn und wandte sich kurz von
ihm ab.
»Ihr Diener, Frau Bovary!« sagte er trocken und kroch wieder in
seine Tonne.
Emma bereute es, den Steuereinnehmer so unfreundlich stehen
gelassen zu haben. Zweifellos hegte er allerlei ihr nachteilige
Vermutungen. Auf eine dümmere Ausrede hätte sie auch wirklich
nicht verfallen können, denn in ganz Yonville wußte man, daß das
Kind schon seit einem Jahre wieder bei den Eltern war. Und sonst
wohnte in dieser Richtung kein Mensch. Der Weg führte einzig und
allein nach der Hüchette. Somit mußte Binet erraten, wo Emma
gewesen war. Sicherlich würde er nicht schweigen, sondern es
ausklatschen! Bis zum Abend marterte sie sich ab, alle möglichen
Lügen zu ersinnen. Immer stand ihr dieser Idiot mit seiner
Jagdtasche vor Augen.
Als Karl nach dem Essen merkte, daß Emma bekümmert war, schlug er
ihr vor, zur Zerstreuung mit zu »Apothekers« zu gehen.
Die erste Person, die sie schon von draußen in der Apotheke im
roten Lichte erblickte, war -- ausgerechnet -- der
Steuereinnehmer. Er stand an der Ladentafel und sagte gerade:
»Ich möchte ein Lot Vitriol.«
»Justin,« schrie der Apotheker, »bring mir mal die Schwefelsäure
her!« Dann wandte er sich zu Frau Bovary, die die Treppe zum
Zimmer von Frau Homais hinaufgehen wollte.
»Ach, bleiben Sie nur gleich unten! Meine Frau kommt jeden
Augenblick herunter. Wärmen Sie sich inzwischen am Ofen ...
Entschuldigen Sie!« Und zu Bovary sagte er: »Guten Abend, Doktor!«
Der Apotheker pflegte nämlich diesen Titel mit einer gewissen
Vorliebe in den Mund zu nehmen, als ob der Glanz, der darauf
ruhte, auch auf ihn ein paar Strahlen würfe. »Justin, nimm dich
aber in acht und wirf mir die Mörser nicht um! So! Und nun holst
du ein paar Stühle aus dem kleinen Zimmer! Aber nicht etwa die
Fauteuils aus dem Salon! Verstanden?«
Homais wollte selber zu seinen Fauteuils stürzen, aber Binet bat
noch um ein Lot Zuckersäure.
»Zuckersäure?« fragte der Apotheker eingebildet. »Kenne ich nicht!
Gibt es nicht! Sie meinen wahrscheinlich Oxalsäure? Also
Oxalsäure, nicht wahr?«
Der Steuereinnehmer setzte ihm auseinander, daß er nach einem
selbsterfundenen Rezepte ein Putzwasser herstellen wollte, zur
Reinigung von verrostetem Jagdgerät.
Bei dem Wort »Jagd« schrak Emma zusammen.
Der Apotheker versetzte:
»Gewiß! Bei solch schlechtem Wetter braucht man das!«
»Es gibt aber doch Leute, die es nicht anficht!« meinte Binet
bissig.
Emma bekam keine Luft.
»Und dann möcht ich noch ...«
»Will er denn ewig hier bleiben!« seufzte sie bei sich.
»... je ein Lot Kolophonium und Terpentin, acht Lot gelbes Wachs
und sieben Lot Knochenkohle, bitte! Zum Polieren meines
Lederzeugs.«
Der Apotheker wollte gerade das Wachs abschneiden, als seine Frau
erschien, die kleine Irma im Arme, Napoleon zur Seite, und Athalia
hinterdrein. Sie setzte sich auf die mit Plüsch überzogene
Fensterbank. Der Junge lümmelte sich auf einen niedrigen Sessel,
während sich seine ältere Schwester am Kasten mit den Malzbonbons
zu schaffen machte, in nächster Nähe von »Papachen«, der mit dem
Trichter hantierte, die Fläschchen verkorkte, Etiketten darauf
klebte und dann alles zu einem Paket verpackte. Um ihn herrschte
Schweigen. Man hörte nichts, als von Zeit zu Zeit das Klappern der
Gewichte auf der Wage und ein paar leise anordnende Worte, die der
Apotheker dem Lehrling erteilte.
»Wie gehts Ihrem Töchterchen?« fragte plötzlich Frau Homais.
»Ruhe!« rief ihr Gatte, der den Betrag in das Geschäftsbuch
eintrug.
»Warum haben Sies nicht mitgebracht?« fragte sie weiter.
»Sst! Sst!« machte Emma und wies mit dem Daumen nach dem
Apotheker.
Binet, der in die erhaltene Nota ganz vertieft war, schien nicht
darauf gehört zu haben. Endlich ging er. Erleichtert stieß Emma
einen lauten Seufzer aus.
»Bißchen asthmatisch?« bemerkte Frau Homais.
»Ach nein, es ist nur recht heiß hier!« entgegnete Frau Bovary.
Alles das hatte zur Folge, daß die Liebenden tags darauf
beschlossen, ihre Zusammenkünfte anders einzurichten. Emma schlug
vor, ihr Hausmädchen ins Vertrauen zu ziehen und durch ein
Geschenk mundtot zu machen. Rudolf aber hielt es für besser, in
Yonville irgendein stilles Winkelchen ausfindig zu machen. Er
versprach, sich darnach umzusehen.
Den ganzen Winter über kam er drei- oder viermal in der Woche bei
Anbruch der Nacht in den Garten. Emma hatte ihm den Schlüssel zur
Hinterpforte gegeben, während Karl glaubte, er sei verloren
gegangen. Zum Zeichen, daß er da war, warf Rudolf jedesmal eine
Handvoll Sand gegen die Jalousien. Emma erhob sich daraufhin, aber
oft mußte sie noch warten, denn Karl hatte die Angewohnheit, am
Kamine zu sitzen und ins Endlose hinein zu plaudern. Emma verging
beinahe vor Ungeduld und wünschte ihren Mann wer weiß wohin.
Schließlich begann sie ihre Nachttoilette zu machen; dann nahm sie
ein Buch zur Hand und tat so, als sei das Buch über alle Maßen
fesselnd. Karl ging indessen zu Bett und rief ihr zu, sie solle
auch schlafen gehn.
»Komm doch, Emma!« rief er. »Es ist schon spät!«
»Gleich! Gleich!« erwiderte sie.
Das Kerzenlicht blendete ihn. Er drehte sich gegen die Wand und
schlief ein. Sie schlüpfte hinaus, mit verhaltenem Atem, lächelnd,
zitternd, halbnackt.
Rudolf hüllte sie ganz mit hinein in seinen weiten Mantel, schlang
die Arme um sie und zog sie wortlos hinter in den Garten, in die
Laube, auf die morsche Holzbank, auf der sie dereinst so oft mit
Leo gesessen hatte. Das war an Sommerabenden gewesen. Wie verliebt
hatten seine Augen geschimmert! Aber jetzt dachte Emma nicht mehr
an ihn.
Durch die kahlen Zweige der Jasminbüsche funkelten die Sterne.
Hinter dem Paare rauschte der Bach, und hin und wieder knackte am
Ufer das vertrocknete hohe Schilf. Manchmal formte es sich im
Dunkel zu einem massigen Schatten, der mit einem Male Leben bekam,
sich emporrichtete und wieder neigte und wie ein schwarzes Ungetüm
auf die beiden zuzukommen schien, um sie zu erdrücken.
In der Kälte der Nacht wurden ihre Umarmungen um so inniger und
ihr Liebesgestammel um so inbrünstiger. Ihre Augen, die sie
gegenseitig kaum erkennen konnten, erschienen ihnen größer, und in
der Stille ringsum bekamen ihre ganz leise geflüsterten Worte
einen kristallenen Klang, drangen tief in die Seelen und zitterten
in ihnen tausendfach wider.
Wenn die Nacht regnerisch war, flüchteten sie in Karls
Sprechzimmer, das zwischen dem Wagenschuppen und dem Pferdestall
gelegen war. Emma zündete eine Küchenlampe an, die sie hinter den
Büchern bereitgestellt hatte. Rudolf machte sichs bequem, als sei
er zu Hause. Der Anblick der »Bibliothek«, des Schreibtisches, der
ganzen Einrichtung erregte seine Heiterkeit. Er konnte nicht
umhin, über Karl allerhand Witze zu machen, was Emma ungern hörte.
Sie hätte ihn viel lieber ernst sehen mögen, ihretwegen
theatralischer, wie er es einmal gewesen war, als sie in der
Pappelallee das Geräusch von näherkommenden Tritten hinter sich zu
vernehmen wähnten.
»Es kommt jemand!« sagte sie einmal.
Er blies das Licht aus.
»Hast du eine Pistole bei dir?«
»Wozu?«
»Damit du ... dich ... verteidigen kannst!«
»Gegen deinen Mann? Der arme Junge!« Dazu machte er eine Gebärde,
die etwa sagen sollte: »Der mag mir nur kommen!«
Dieser Mut entzückte sie, wenngleich sie die Unzartheit und
urwüchsige Roheit heraushörte und darüber entsetzt war.
Rudolf dachte viel über diese kleine Szene nach.
»Wenn das ihr Ernst war,« sagte er sich, »so war das recht
lächerlich, sogar häßlich.« Er hatte doch wahrlich keinen Anlaß,
ihren gutmütigen Mann zu hassen. Sozusagen »von Eifersucht
verzehrt«, das war er nicht. Überdies hatte ihm Emma ihre
körperliche Treue mit einem feierlichen Eid beteuert, der ihm
ziemlich abgeschmackt erschienen war. Überhaupt fing sie an, recht
sentimental zu werden. Er hatte Miniaturbildnisse mit ihr tauschen
müssen, und sie hatten sich alle beide eine ganze Handvoll Haare
für einander abgeschnitten, und jetzt wünschte sie sich sogar
einen wirklichen Ehering von ihm, zum Zeichen ewiger
Zusammengehörigkeit. Häufig schwärmte sie ihm von den Abendglocken
vor oder von den Stimmen der Natur. Oder sie erzählte von ihrer
seligen Mutter und wollte von der seinigen etwas wissen. Rudolfs
Mutter war schon zwanzig Jahre tot. Trotzdem tröstete ihn Emma mit
allerlei Koseworten der Klein-Kindersprache, als ob es gölte, ein
Wickelkind zu beruhigen. Mehr als einmal hatte sie, zu den Sternen
aufblickend, ausgerufen:
»Ich glaube fest, da droben, unsre beiden Mütter segnen unsre
Liebe!«
Aber sie war so hübsch! Und eine so unverdorbene Frau hatte er
noch nie besessen. Solch eine Liebschaft ohne Unzüchtigkeiten war
ihm, der das Verdorbenste kannte, etwas ganz Neues, das seinen
Mannesstolz und seine Sinnlichkeit verführerisch umschmeichelte.
Selbst Emmas Überschwenglichkeiten, so zuwider sie einem
Naturmenschen wie ihm waren, fand er bei näherer Betrachtung
reizend, da sie doch ihm galten. Aber weil er so sicher war, daß
er geliebt wurde, ließ er sich gehen, und allmählich änderte sich
sein Benehmen.
Nicht mehr wie einst hatte er für sie jene süßen Worte, die Emma
zu Tränen rührten, nicht mehr die stürmischen Liebkosungen, die
sie toll gemacht hatten. Und so kam es ihr vor, als ob der Strom
ihrer eignen großen Liebe, in der sie völlig untergetaucht war,
niedriger würde; sie sah gleichsam auf den schlammigen Grund. Vor
dieser Erkenntnis schauderte sie, und darum verdoppelte sie ihre
Zärtlichkeiten. Rudolf indessen verriet seine Gleichgültigkeit
immer mehr.
Emma war sich selber nicht klar darüber, ob sie es bereuen müsse,
sich ihm geschenkt zu haben, oder ob es nicht besser für sie sei,
wenn sie ihn noch viel mehr liebte. Dann aber begann sie ihre
Schwachheit als Schmach zu empfinden, und der Groll darüber
beeinträchtigte ihr den sinnlichen Genuß. Sie gab sich ihm nicht
mehr hin, sie ließ sich jedesmal von neuem verführen. Aber er
meisterte sie, und sie fürchtete sich beinahe vor ihm.
Ihre Beziehungen zueinander gewannen nach außen ein harmloses
Gepräge wie nie zuvor. Das war so recht nach Rudolfs Wunsch. So
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