Prinzessin bat und flehte, und das kann ich nun einmal nicht sehen,
ohne daß ich ihr zu Hilfe komme; ich nahm also eine etwas ernste
Miene an und sagte: 'Sonderbar ist es doch, wenn so etwas ins
Publikum kommt, ist es wie der Wind in den Gesandtschaften, und kam
es einmal so weit, so darf man nicht dafür sorgen, daß es in acht
Tagen als Chronique scandaleuse an allen Höfen erzählt wird.' Die
Fürstin gab mir recht; sie sagte, wiewohl mit sehr bekümmerter und
verlegener Miene zu, daß das Stück gegeben werden solle; doch, als
sie wegging, rief sie mir noch zu: sie gebe das Spiel dennoch nicht
verloren, denn wenn auch 'Othello' schon auf dem Zettel stehe, lasse
sie die Desdemona krank werden."
"Das haben Sie gut gemacht!" rief der Major lachend, "also die Furcht
vor der Chronique scandaleuse hat die Gespensterfurcht und das Grauen
vor den Geheimnissen der Natur überwunden?"
"Jawohl, Sophie ist außer sich vor Freude, daß sie ihren Willen hat.
Ich bin gerade auf dem Weg zum Regisseur der Oper; ich soll ihm
vierhundert Taler bringen, daß die Aufführung auch in pekuniärer
Hinsicht keiner Schwierigkeit unterworfen sein möchte, und Sie müssen
mich zu ihm begleiten."
"Aber wird es nicht auffallen, wenn Sie im Namen der Prinzessin diese
Summe überbringen?"
"Dafür ist gesorgt; wir bringen es als Kollekt von einigen
Kunstfreunden; stellen Sie einen Dilettanten oder Enthusiasten vor,
oder was in unseren Kram paßt. Er wohnt nicht weit von hier und ist
ein alter, ehrlicher Kauz, den wir schon gewinnen wollen. Nur hier
um die Ecke, Freund; sehen Sie dort das kleine grüne Haus mit dem
Erker."
5.
Der Regisseur der Oper war ein kleiner, hagerer Mann, er war früher
als Sänger berühmt gewesen und ruhte jetzt im Alter auf seinen
Lorbeeren. Er empfing die Freunde mit einer gewissen künstlerischen
Hoheit und Würde, welche nur durch seine sonderbare Kleidung etwas
gestört wurde; er trug nämlich eine schwarze Florentiner Mütze,
welche er nur ablegte, wenn er zum Ausgehen die Perücke auf die
Glatze setzte. Auffallend stachen gegen diese bequeme Hauskleidung
des Alten ein moderner, enge anliegender Frack und weite,
faltenreiche Beinkleider ab; sie zeigten, daß der Herr Regisseur
trotz der sechzig Jährchen, die er haben mochte, dennoch für die
Eitelkeit der Welt nicht abgestorben sei; an den Füßen trug er weite,
ausgetretene Pelzschuhe, auf denen er künstlich im Zimmer herumfuhr,
ohne sichtbar die Beine aufzuheben; den Fremden kam es vor, als fahre
er auf Schlittschuhen.
"Ist mir bereits angezeigt worden, der allerhöchste Wunsch", sagte
der Regisseur, als ihn der Graf mit dein Zweck ihres Besuches bekannt
machte, "weiß bereits um die Sache; an mir soll es nicht fehlen, mein
einziger Zweck ist ja, die allerhöchsten Ohren auf ergötzliche Weise
zu delektieren, aber--aber, ich werde denn doch submissest wagen
müssen, einige Gegenvorstellungen zu exhibieren."
"Wie? Sie wollen diese Oper nicht geben?" rief der Graf.
"Gott soll mich behüten, das wäre ja ein offenbares Mordattentat auf
die allerhöchste Familie! Nein, nein! wenn mein Wort in der Sache
noch etwas gilt, wird dieses unglückliche Stück nie gegeben."
"Hätte ich doch nie gedacht", entgegnete der Graf, "daß ein Mann wie
Sie von Pöbelwahn befangen wäre. Mit Staunen und Verwunderung
vernahm ich schon in meiner frühesten Jugend in fernen Landen Ihren
gefeierten Namen; Sie wurden die Krone der Sänger genannt, ich
brannte vor Begierde, diesen Mann einmal zu sehen. Ich bitte,
verkleinern Sie dieses ehrwürdige Bild nicht durch solchen Aberwitz."
Der Alte schien sich geschmeichelt zu fühlen, ein anmutiges Lächeln
zog über seine verwitterten Züge, er steckte die Hände in die Taschen
und fuhr auf seinen Pelzschuhen einigemal im Zimmer auf und ab.
"Allzugütig, allzuviel Ehre!" rief er; "ja wir waren unserer Zeit
etwas, wir waren ein tüchtiger Tenor! jetzt hat es freilich ein Ende.
Aberglaube belieben Sie zu sagen; ich würde mich schämen, irgend
einem Aberglauben nachzuhängen; aber wo Tatsachen sind, kann von
Aberglauben nicht die Rede sein."
"Tatsachen?" riefen die Freunde mit einer Stimme.
"O ja, verehrte Messieurs, Tatsachen. Sie scheinen nicht aus
hiesiger Stadt und Gegend zu sein, daß Sie solche nicht wissen?"
"Ich habe allerdings von einem solchen Märchen gehört", sagte der
Major; "es soll, wenn ich nicht irre, jedesmal nach Othello brennen,
und--"
"Brennen? Daß mir Gott verzeih'; ich wollte lieber, daß es allemal
brennt; Feuer kann man doch löschen, man hat Brandassekuranzen, man
kann endlich noch solch einen Brandschaden zur Not ertragen; aber
sterben? nein, das ist ein weit gefährlicherer Kasus."
"Sterben? sagen Sie, wer soll sterben?"
"Nun, das ist kein Geheimnis", erwiderte der Regisseur; "sooft
Othello gegeben wird, muß acht Tage nachher jemand aus der
fürstlichen Familie sterben."
Die Freunde fuhren erschrocken von ihren Sitzen auf, denn der
prophetische, richtende Ton, womit der Alte dies sagte, hatte etwas
Greuliches an sich; doch sogleich setzten sie sich wieder und brachen
über ihren eigenen Schrecken in ein lustiges Gelächter aus, das
übrigens den Sänger nicht aus der Fassung brachte.
"Sie lachen?" sprach er; "ich muß es mir gefallen lassen; wenn es Sie
übrigens nicht geniert, will ich Sie die Theaterchronik inspizieren
lassen, die seit hundertundzwanzig Jahren der jedesmalige Souffleur
schreibt."
"Die Theaterchronik her, Alter, lassen Sie uns inspizieren", rief der
Graf, dem die Sache Spaß zu machen schien, und der Regisseur rutschte
mit außerordentlicher Schnelligkeit in seine Kammer und brachte einen
in Leder und Messing gebundenen Folianten hervor.
Er setzte eine große in Bein gefaßte Brille auf und blätterte in der
Chronik. "Bemerken Sie", sagte er, "Wegen des Nachfolgenden,
erstlich, hier steht: 'Anno 1740 den 8. Dezember ist die Actrice
Charlotte Fandauerin im hiesigen Theater erstickt worden. Man führte
das Trauerspiel Othello, der Mohr von Venedig, von Shakespeare auf.'"
"Wie?" unterbrach ihn der Major, "Anno 1740 sollte man hier
Shakespeares 'Othello' gegeben haben, und doch war es, wenn ich nicht
irre, Schröder, der zuerst und viel später das erste Shakespearesche
Stück in Deutschland aufführen ließ?"
"Bitte um Vergebung", erwiderte der Alte. "Der Herzog sah auf einer
Reise durch England in London diesen 'Othello' geben, ließ ihn, weil
er ihm außerordentlich gefiel, übersetzen und nachher hier öfter
aufführen. Meine Chronik fährt aber also fort:
'Obgedachte Charlotte Fandauerin hat die Desdemona gegeben und ist
durch die Bettdecke, womit sie in dem Stücke selbst getötet werden
soll, elendiglich umgekommen. Gott sei ihrer armen Seele gnädig!'
Diesen Mord erzählt man sich hier folgendermaßen: die Fandauer soll
sehr schön gewesen sein; bei Hof ging es damals unter dem Herzog
Nepomuk sehr lasziv zu; die Fandauer wurde des Herzogs Geliebte. Sie
aber soll sich nicht blindlings und unvorsichtig ihm übergeben haben;
sie war abgeschreckt durch das Beispiel so vieler, die er nach
einigen Monaten oder Jährchen verstieß und elendiglich herumlaufen
ließ. Sie soll also ein schreckliches Bündnis mit ihm gemacht und
erst, nachdem er es beschworen, sich ihm ergeben haben. Aber wie bei
den andern, so war es auch bei der Fandauer. Er hatte sie bald satt
und wollte sie auf gelinde Art entfernen. Sie aber drohte ihm, das
Bündnis, das er mit ihr gemacht, drucken und in ganz Europa
verbreiten zu lassen, sie zeigte ihm auch, daß sie diese Schrift
schon in vielen fremden Städten niedergelegt habe, wo sie auf ihren
ersten Wink verbreitet würde.
Der Herzog war ein grausamer Herr, und sein Zorn kannte keine Grenzen.
Er soll ihr auf verschiedenen Wegen durch Gift haben beikommen
wollen, aber sie aß nichts, als was sie selbst gekocht hatte. Er gab
daher einem Schauspieler eine große Summe Geld und ließ den 'Othello'
aufführen. Sie werden sich erinnern, daß in dem Shakespeareschen
Trauerspiel die Desdemona von dem Mohren im Bette erstickt wird. Der
Akteur machte seine Sache nur allzu natürlich, denn die Fandauerin
ist nicht mehr erwacht.'"
Der Graf schauderte; "und dies soll wahr sein?" rief er aus.
"Fragen Sie von älteren Personen in der Stadt wen Sie wollen, Sie
werden es überall so erzählen hören. Es wurde nachher von den
Gerichten eine Untersuchung gegen den Mörder anhängig gemacht, aber
der Herzog schlug sie nieder, nahm den Akteur vom Theater in seine
Dienste und erklärte, die Fandauerin habe durch Zufall der Schlag
gerührt. Aber acht Tage darauf starb ihm sein einziges Söhnlein, ein
Prinz von zwölf Jahren."
"Zufall!" sagte der Major.
"Nennen Sie es immerhin so", versetzte der Alte und blätterte weiter.
"Doch hören Sie; 'Othello' wurde zwei Jahre lang nicht mehr gegeben,
denn wegen der Erinnerung an jenen Mord mochte der Herzog dieses
Trauerspiel nicht leiden. Aber nach zwei Jahren, in diesem Buch
steht jedes Lustspiel aufgezeichnet, nach zwei Jahren war er so
ruchlos, es wieder auffuhren zu lassen. Hier steht's: 'Den 28.
September (1742) Othello, der Mohr von Venedig', und hier am Rande
ist bemerkt: 'Sonderbarlich! am 5. Oktober ist Prinzessin Auguste
verstorben. Gerade auch acht Tage nach Othello, wie vor zwei Jahren
der höchstselige Prinz Friedrich.' Zufall, meine werten Herren?"
"Allerdings Zufall!" riefen jene.
"Weiter! 'Den 6. Februar 1748, Othello, der Mohr von Venedig.' Ob es
wohl wieder eintrifft? Sehen Sie her, meine Herren! das hat der
Souffleur hergeschrieben, bemerken Sie gefälligst, es ist dieselbe
Hand, die hier in margine bemerkt: 'Entsetzlich! die Fandauerin spukt
wieder, Prinz Alexander den 14. plötzlich gestorben. Acht Tage nach
Othello.'" Der Alte hielt inne und sah seine Gäste fragend an, sie
schwiegen, er blätterte weiter und las: "'Den 16. Januar 1775, zum
Benefiz der Mlle. Koller: Othello, der Mohr von Venedig. Richtig
wieder! Arme Prinzessin Elisabeth, hast du müssen so schnell
versterben? Gestorben 24. Januar 1775.'"
"Possen!" unterbrach ihn der Major; "ich gebe zu, es ist so; es soll
einigemal der Eigensinn des Zufalls es wirklich so gefügt haben;
geben Sie mir aber nur einen vernünftigen Grund an zwischen Ursache
und Wirkung, wenn Sie diese Höchstseligen am 'Othello' versterben
lassen wollen!"
"Herr!" antwortete der alte Mann mit tiefem Ernst, "das kann ich
nicht; aber ich erinnere an die Worte jenes großen Geistes, von dem
auch dieser unglückselige 'Othello' abstammt.--Es gibt viele Dinge
zwischen Himmel und Erde, wovon sich die Philosophen nichts träumen
lassen!'"
"Ich kenne das", sagte der Graf; "aber ich wette, Shakespeare hätte
nie diesen Spruch von sich gegeben, hätte er gewußt, wie viel
Lächerlichkeit sich hinter ihm verbirgt!"
"Es ist möglich", erwiderte der Sänger; "hören Sie aber weiter. Ich
komme jetzt an ein etwas neueres Beispiel, dessen ich mich erinnern
kann, an den Herzog selbst."
"Wie", unterbrach ihn der Major; "eben jener, der die Aktrice
ermorden ließ...?"
"Derselbe 'Othello' war vielleicht zwanzig Jahre nicht mehr gegeben
worden, da kamen, ich weiß es noch wie heute, fremde Herrschaften zum
Besuch. Unser Schauspiel gefiel ihnen, und sonderbarerweise wünschte
eine der fremden fürstlichen Damen 'Othello' zu sehen. Der Herzog
ging ungern daran, nicht aus Angst vor den greulichen Umständen, die
diesem Stück zu folgen pflegten, denn er war ein Freigeist und
glaubte an nichts dergleichen; aber er war jetzt alt; die Sünden und
Frevel seiner Jugend fielen ihm schwer aufs Herz, und er hatte
Abscheu vor diesem Trauerspiel. Aber sei es, daß er der Dame nichts
abschlagen mochte, sei es, daß er sich vor dem Publikum schämte, das
Stück mußte Hals über Kopf einstudiert werden, es wurde auf seinem
Lustschloß gegeben. Sehen Sie, hier steht es: 'Othello, den 16.
Oktober 1793 auf dem Lustschloß H.... aufgeführt.'"
"Nun, Alter! und was folgte, geschwind!" riefen die Freunde
ungeduldig.
"Acht Tage nachher, den 24. Oktober 1793, ist der Herzog gestorben."
"Nicht möglich", sagte der Major nach einigem Stillschweigen; "lassen
Sie Ihre Chronik sehen; wo steht denn etwas vom Herzog? Hier ist
nichts in margine bemerkt."
"Nein", sagte der Alte und brachte zwei Bücher herbei; "aber hier
seine Lebensgeschichte, hier seine Trauerrede, wollen Sie gefälligst
nachsehen?"
Der Graf nahm ein kleines schwarzes Buch in die Hand und las:
"Beschreibung der solennen Beisetzung des am 24. Oktober 1793
höchstselig verstorbenen Herzogs und Herrn--dummes Zeug!" rief er
und sprang auf; "das könnte mich um den Verstand bringen. Zufall!
Zufall! und nichts anders! Nun--und wissen Sie noch ein solches
Histörchen?"
"Ich könnte Ihnen noch einige aufführen", erwiderte der Alte mit Ruhe,
"doch Sie langweilen sich bei dieser sonderbaren Unterhaltung; nur
aus der neuesten Zeit noch einen Fall. Rossini schrieb seine
herrliche Oper 'Othello', worin er, was man bezweifelt hatte, zeigte,
daß er es verstehe, auch die tieferen, tragischen Saiten der
menschlichen Brust anzuschlagen. Er wurde hier höheren Orts nicht
verlangt, daher wurde er auch nicht fürs Theater einstudiert. Die
Kapelle aber unternahm es, diese Oper für sich zu studieren, es
wurden einige Szenen in Konzerten ausgeführt, und diese wenigen
Proben entzündeten im Publikum einen so raschen Eifer für die Oper,
daß man allgemein in Zeitungen, an Wirtstafeln, in Singtees und
dergleichen von nichts als 'Othello' sprach, nichts als 'Othello'
verlangte. Von den grauenvollen Begebenheiten, die das Schauspiel
'Othello' begleitet hatten, war gar nicht die Rede; es schien, man
denke sich unter der Oper einen ganz andern 'Othello'. Endlich bekam
der damalige Regisseur (ich war noch auf dem Theater und machte den
Othello), er bekam den Auftrag, sage ich, die Oper in die Szene zu
setzen. Das Haus war zum Ersticken voll, Hof und Adel waren da, das
Orchester strengte sich übermenschlich an, die Sängerinnen ließen
nichts zu wünschen übrig, aber ich weiß nicht--uns alle wehte ein
unheimlicher Geist an, als Desdemona ihr Lied zur Harfe spielte, als
sie sich zum Schlafengehen rüstete, als der Mörder, der abscheuliche
Mohr, sich nahte. Es war dasselbe Haus, es waren dieselben Bretter,
es war dieselbe Szene wie damals, wo ein liebliches Geschöpf in
derselben Rolle so greulich ihr Leben endete. Ich muß gestehen,
trotz der Teufelsnatur meines Othello befiel mich ein leichtes
Zittern, als der Mord geschah, ich blickte ängstlich nach der
fürstlichen Loge, wo so viele blühende, kräftige Gestalten auf unser
Spiel herübersahen, 'wirst du wohl durch die Töne, die deinen Tod
begleiten, dich besänftigen lassen, blutdürstiges Gespenst der
Gemordeten?' dachte ich. Es war so; fünf, sechs Tage hörte man
nichts von einer Krankheit im Schlosse; man lachte, daß es nur der
Einkleidung in eine Oper bedurfte, um jenen Geist gleichsam irre zu
machen; der siebente Tag verging ruhig, am achten jedoch wurde Prinz
Ferdinand auf der Jagd erschossen."
"Ich habe davon gehört", sagte der Major, "aber es war Zufall; die
Büchse seines Nachbars ging los und--" "Sage ich denn, das Gespenst
bringe die Höchstseligen selbst um, drücke ihnen eigenhändig die
Kehle zu? Ich spreche ja nur von einem unerklärlichen,
geheimnisvollen Zusammenhang."
"Und haben Sie uns nicht noch zu guter Letzt ein Märchen erzählt; wo
steht denn geschrieben, daß acht Tage vor jener Jagd 'Othello'
gegeben wurde?"
"Hier!" erwiderte der Regisseur kaltblütig, indem er auf eine Stelle
in seiner Chronik wies; der Graf las: "'Othello', Oper von Rossini,
den 12. März", und auf dem Rande stand dreimal unterstrichen: "Den 20.
fiel Prinz Ferdinand auf der Jagd."
Die Männer sahen einander schweigend einige Augenblicke an; sie
schienen lächeln zu wollen, und doch hatte sie der Ernst des alten
Mannes, das sonderbare Zusammentreffen jener furchtbaren Ereignisse
tiefer ergriffen, als sie sich selbst gestehen mochten. Der Major
blätterte in der Chronik und pfiff vor sich hin, der Graf schien über
etwas nachzusinnen, er hatte Stirne und Augen fest in die Hand
gestützt. Endlich sprang er auf: "Und dies alles kann Ihnen dennoch
nicht helfen", rief er, "die Oper muß gegeben werden. Der Hof, die
Gesandten wissen es schon, man würde sich blamieren, wollte man durch
diese Zufälle sich stören lassen. Hier sind vierhundert Taler, mein
Herr! Es sind einige Freunde und Liebhaber der Kunst, welche sie
Ihnen zustellen, um Ihren 'Othello' recht glänzend auftreten zu
lassen. Kaufen Sie davon, was Sie wollen", setzte er lächelnd hinzu,
"lassen Sie Geisterbanner, Beschwörer kommen, kaufen Sie einen ganzen
Hexenapparat kurz, was nur immer nötig ist, um das Gespenst zu
vertreiben--nur geben Sie uns 'Othello'."
"Meine Herren", sagte der Alte, "es ist möglich, daß ich in meiner
Jugend selbst über dergleichen gelacht und gescherzt hätte; das Alter
hat mich ruhiger gemacht, ich habe gelernt, daß es Dinge gibt, die
man nicht geradehin verwerfen muß. Ich danke für Ihr Geschenk, ich
werde es auf eine würdige Weise anzuwenden wissen. Aber nur auf den
strengsten Befehl werde ich 'Othello' geben lassen. Ach Gott und
Herr!" rief er kläglich, "wenn ja der Fall wieder einträte wenn das
liebe, herzige Kind, Prinzessin Sophie, des Teufels wäre!"
"Seien Sie still", rief der Graf erblassend, "wahrhaftig, Ihre
wahnsinnigen Geschichten sind ansteckend, man könnte sich am hellen
Tage fürchten! Adieu! Vergessen Sie nicht, daß Othello' auf jeden
Fall gegeben wird; machen Sie mir keine Kunstgriffe mit Katarrh und
Fieber, mit Krankwerdenlassen und eingetretenen Hindernissen. Beim
Teufel, wenn Sie keine Desdemona hergeben, werde ich das Gespenst der
Erwürgten heraufrufen, daß es diesmal selbst eine Gastrolle übernimmt."
Der Alte bekreuzigte sich und fuhr ungeduldig auf seinen Schuhen
umher; "welche Ruchlosigkeit", jammerte er; "wenn sie nun erschiene,
wie der steinerne Gast? Lassen Sie solche Reden, ich bitte Sie, wer
weiß, wie nahe jedem sein eigenes Verderben ist."
Lachend stiegen die beiden die Treppe hinab, und noch lange diente
der musikalische Prophet mit der Florentiner Mütze und den
Pelzschlittschuhen ihrem Witz zur Zielscheibe.
6.
Es gab Stunden, worin der Major sich durchaus nicht in den Grafen,
seinen alten Waffenbruder, finden konnte. War er sonst fröhlich,
lebhaft, von Witz und Laune strahlend, konnte er sonst die
Gesellschaft durch treffende Anekdoten, durch Erzählungen aus seinem
Leben unterhalten, wußte er sonst jeden, mochte er noch so gering
sein, auf eine sinnige, feine Weise zu verbinden, so daß er der
Liebling aller, von vielen angebetet, wurde, so war er in andern
Momenten gerade das Gegenteil. Er fing an, trocken und stumm zu
werden, seine Augen, senkten sich, sein Mund preßte sich ein. Nach
und nach ward er finster, spielte mit seinen Fingern, antwortete
mürrisch und ungestüm. Der Major hatte ihm schon abgemerkt, daß dies
die Zeit war, wo er aus der Gesellschaft entfernt werden müsse, denn
jetzt fehlten noch wenige Minuten, so zog er mit leicht aufgeregter
Empfindlichkeit jedes unschuldige Wort auf sich und fing an zu wüten
und zu rasen.
Der Major war viel um ihn, er hatte aus früherer Zeit eine gewisse
Gewalt und Herrschaft über ihn, die er jetzt geltend machte, um ihn
vor diesen Ausbrüchen der Leidenschaft in Gesellschaft zu bewahren;
desto greulicher brachen sie in seinen Zimmern aus; er tobte, er
fluchte in allen Sprachen, er klagte sich an, er weinte. "Bin ich
nicht ein elender, verworfener Mensch?" sprach er einst in einem
solchen Anfall; "meine Pflichten mit Füßen zu treten, die treueste
Liebe von mir zu stoßen, ein Herz zu martern, das mir so innig
anhängt! Leichtsinnig schweife ich in der Welt umher, habe mein
Glück verscherzt, weil ich in meinem Unsinn glaubte, ein Kosciusko zu
sein, und bin nichts als ein Schwachkopf, den man wegwarft Und so
viele Liebe, diese Aufopferung, diese Treue so zu vergelten!"
Der Major nahm zu allerlei Trostmitteln seine Zuflucht. "Sie sagen
ja selbst, daß die Prinzessin Sie zuerst geliebt hat; konnte sie je
eine andere Liebe, eine andere Treue von Ihnen erwarten als die,
welche die Verhältnisse erlauben?"
"Ha, woran mahnen Sie mich!" rief der Unglückliche, "wie klagen mich
Ihre Entschuldigungen selbst an! Auch sie, auch sie betört! Wie
kindlich, wie unschuldig war sie, als ich Verruchter kam, als ich sie
sah mit dein lieblichen Schmelz der Unschuld in den Augen! Da fing
mein Leichtsinn wieder an; ich vergaß alle guten Vorsätze, ich vergaß,
wem ich allein.gehören dürfte; ich stürzte mich in einen Strudel von
Lust, ich begrub mein Gewissen in Vergessenheit!" Er fing an zu
weinen, die Erinnerung schien seine Wut zu besänftigen. "Und konnte
ich", flüsterte er, "konnte ich so von ihr gehen? Ich fühlte, ich
sah es an jeder ihrer Bewegungen, ich las es in ihrem Auge, sie
liebte mich; sollte ich fliehen, als ich sah, wie diese Morgenröte
der Liebe in ihren Wangen aufging, wie der erste, leuchtende Strahl
des Verständnisses aus ihrem Auge brach, auf mich niederfiel, mich
aufzufordern schien, ihn zu erwidern?"
"Ich beklage Sie", sprach der Freund und drückte seine Hand; "wo lebt
ein Mann, der so süßer Versuchung widerstanden wäre?"
"Und als ich ihr sagen durfte, wie ich sie verehre, als sie mir mit
stolzer Freude gestand, wie sie mich liebe, als jenes traute,
entzückende Spiel der Liebe begann, wo ein Blick, ein flüchtiger
Druck der Hand mehr sagt, als Worte auszudrücken vermögen, wo man
tagelang nur in der freudigen Erwartung eines Abends, einer Stunde,
einer einsamen Minute lebte, wo man in der Erinnerung dieses seligen
Augenblicks schwelgte, bis der Abend wieder erschien, bis ich aus dem
Taumelkelch ihrer süßen Augen aufs neue Vergessenheit trank! Wie
reich wußte sie zu geben, wie viel Liebe wußte sie in ein Wort, in
einen Blick zu legen; und ich sollte fliehen?"
"Und wer verlangt dies?" sagte der Freund gerührt. "Es wäre grausam
gewesen, eine so schöne Liebe, die alle Verhältnisse zum Opfer
brachte, zurückzustoßen. Nur Vorsicht hätte ich gewünscht; ich denke,
noch ist nicht alles verloren!"
Er schien nicht darauf zu hören; seine Tränen strömten heftiger, sein
glänzendes Auge schien tiefer in die Vergangenheit zu tauchen. "Und
als sie mir mit holdem Erröten sagte, wie ich zu ihr gelangen könne,
als sie erlaubte, ihre fürstliche Stirne zu küssen, als der süße Mund,
dessen Wünsche einem Volk Befehle waren, mein gehörte und die Hoheit
einer Fürstin unterging im traulichen Flüstern der Liebe--da, da
sollte ich sie lassen?"
"Wie glücklich sind Sie! gerade in dem Geheimnis dieses Verhältnisses
muß ein eigener Reiz liegen; und warum wollen Sie diese Liebe so tief
verdammen? Fassen Sie sich. Das Urteil der Welt kann Ihnen
gleichgültig sein, wenn Sie glücklich sind. Denn im ganzen trägt ja
wahrhaftig dies Verhältnis nichts so Schwarzes, Schuldiges an sich,
wie Sie es selbst sich vorstellen!"
Der Graf hatte ihm zugehört; seine Augen rollten, seine Wangen
färbten sich dunkler, er knirschte mit den Zähnen; "nicht so mild
müssen Sie mich beurteilen", sagte er mit dumpfer Stimme; "ich
verdiene es nicht. Ich bin ein Frevler, vor dem Sie zurückschaudern
sollten. O--daß ich Vergessenheit erkaufen könnte, daß ich Jahre
auslöschen könnte aus meinem Gedächtnis.--Ich will vergessen, ich
muß vergessen, ich werde wahnsinnig, wenn ich nicht vergesse;
schaffen Sie Wein, Kamerad! ich will trinken, mich dürstet, es wütet
eine Flamme in mir, ich will mein Gedächtnis, meine Schuld ersäufen."
Der Major war ein besonnener Mann; er dachte ziemlich ruhig über
diese verzweiflungsvollen Ausbrüche der Reue und Selbstanklage; "er
ist leichtsinnig, so habe ich ihn von jeher gekannt", sagte er zu
sich; "solche Menschen kommen leicht von einem Extrem ins andere. Er
sieht jetzt große Schuld in seiner Liebe, weil sie der Geliebten in
ihren Verhältnissen schaden kann, und im nächsten Augenblick
berauscht ihn wieder die Wonne der Erinnerung." Der Wein kam, der
Major goß ein; der Graf stürzte schnell einige Gläser hinunter; er
ging mit schnellen Schritten schweigend im Zimmer auf und nieder,
blieb vor dem Freunde stehen, trank und ging wieder. Dieser mochte
seine stillen Empfindungen nicht unterbrechen; er trank und
beobachtete über das Glas hin aufmerksam die Mienen, die Bewegungen
seines Freundes.
"Major!" rief dieser endlich und warf sich auf den Stuhl nieder;
"welches Gefühl halten Sie für das schrecklichste?"
Dieser schlürfte bedächtig den Wein in kleinen Zügen, er schien
nachzusinnen und sagte dann: "Ohne Zweifel das, was das freudigste
Gefühl gibt, muß auch das traurigste werden.--Ehre, gekränkte Ehre."
Der Graf lachte grimmig. "Lassen Sie sich die Taler wiedergeben,
Kamerad, die Sie einem schlechten Psychologen für seinen Unterricht
gaben. Gekränkte Ehre?! Also tiefer steigt Ihre Kunst nicht hinab
in die Seele? Die gekränkte Ehre fühlt sich doch selbst noch; es
lebt doch ein Gefühl in des Gekränkten Brust, das ihn hoch erhebt
über die Kränkung, er kann die Scharte auswetzen am Beleidiger; er
hat noch die Möglichkeit, seine Ehre wieder fleckenlos und rein zu
waschen, aber tiefer, Herr Bruder", rief er, indem er die Hand des
Majors krampfhaft faßte, "tiefer hinab in die Seele; welches Gefühl
ist noch schrecklicher?"
"Von einem habe ich gehört", erwiderte jener, "das aber Männer wie
wir nicht kennen--es heißt Selbstverachtung."
Der Graf erbleichte und zitterte, er stand schweigend auf und sah den
Freund lange an. "Getroffen, Kamerad", sagte er, "das sitzt noch
tiefer. Männer wie wir pflegen es nicht zu kennen, es heißt
Selbstverachtung. Aber der Teufel legt auch gar feine Schlingen auf
die Erde, ehe man sich versieht, ist man gefangen. Kennen Sie die
Qual des Wankelmutes, Major?"
"Gottlob, ich habe sie nie erfahren; mein Weg ging immer geradeaus
aufs Ziel!"
"Geradeaus aufs Ziel? Wer auch so glücklich wäre! Erinnern Sie sich
noch des Morgens, als wir aus den Toren von Warschau ritten? Unsere
Gefühle, unsere Sinne gehörten jenem großen Geiste, der sie gefangen
hielt; aber wem gehörten die Herzen der polnischen Lanciers? Unsere
Trompeten ließen jene Arien aus den 'Krakauern' ertönen, jene Gesänge,
die uns als Knaben bis zur Wut für das Vaterland begeistert hatten;
diese wohlbekannten Klänge pochten wieder an die Pforte unserer Brust;
Kamerad, wem gehörten unsere Herzen?"
"Dem Vaterland!" sagte der Major gerührt; "ja, damals, damals war ich
freilich wankelmütig!"
"Wohl Ihnen, daß Sie es sonst nie waren; der Teufel weiß das recht
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
242
243
244
245
246
247
248
249
250
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
270
271
272
273
274
275
276
277
278
279
280
281
282
283
284
285
286
287
288
289
290
291
292
293
294
295
296
297
298
299
300
301
302
303
304
305
306
307
308
309
310
311
312
313
314
315
316
317
318
319
320
321
322
323
324
325
326
327
328
329
330
331
332
333
334
335
336
337
338
339
340
341
342
343
344
345
346
347
348
349
350
351
352
353
354
355
356
357
358
359
360
361
362
363
364
365
366
367
368
369
370
371
372
373
374
375
376
377
378
379
380
381
382
383
384
385
386
387
388
389
390
391
392
393
394
395
396
397
398
399
400
401
402
403
404
405
406
407
408
409
410
411
412
413
414
415
416
417
418
419
420
421
422
423
424
425
426
427
428
429
430
431
432
433
434
435
436
437
438
439
440
441
442
443
444
445
446
447
448
449
450
451
452
453
454
455
456
457
458
459
460
461
462
463
464
465
466
467
468
469
470
471
472
473
474
475
476
477
478
479
480
481
482
483
484
485
486
487
488
489
490
491
492
493
494
495
496
497
498
499
500